Startups in der Schweiz

«Es herrscht Goldgräberstimmung»

Warum hat die Schweiz noch keinen Web-Giganten wie Facebook hervorgebracht? Werden Jungfirmen hier zuwenig gefördert? Oder werden sie eher über-fördert? Antworten vom «Mr. Startup» der Swisscom.

Roger Wüthrich-Hasenböhler leitet den Swisscom-Geschäftsbereich KMU und ist dabei auch zuständig für die Startup-Förderung. Bei der Lancierung der Swisscom Startup-Challenge befragte ihn das junge Newsportal «Watson» über die Situation der Gründer in der Schweiz. Hier die spannendsten Aussagen:

Herr Wüthrich, sollen Jungunternehmer risikofreudig sein?

Roger Wüthrich-Hasenböhler: Ich denke, Jungunternehmer sind extrem risikofreudig. Aber manchmal habe ich den Eindruck, sie merken es gar nicht. Das hängt damit zusammen, dass sie etwas aus einem inneren Antrieb machen, weil sie eine fixe Idee haben und diese hartnäckig verfolgen. Dann ist die Risikobetrachtung eher sekundär.

«Scheitere früh und scheitere oft»: Was halten Sie von diesem viel zitierten Spruch?

Amerikanische Sprüche kommen immer so locker flockig daher. Das Scheitern gehört für Unternehmer sicher dazu. In den USA ist das noch mehr ein Element, das zur dortigen Kultur gehört. Man packt etwas an, und wenn man scheitert, dann ist man kein Verlierer, sondern hat etwas bewirkt, steht wieder auf und probiert es noch einmal. 
Wir, die wir in der Alten Welt leben, haben mehr Mühe damit. Wenn man hierzulande mit einer Firma Konkurs geht, dann erhält man schon den Stempel, dass man nicht erfolgreich ist. Aber ich glaube, das wird sich ändern. Wir werden lernen, zu akzeptieren, dass es so läuft. 

Swisscom betreibt in Palo Alto einen Aussenposten. Wie sieht die Bilanz aus?

Die Swisscom hat früh erkannt, dass sie sich nach aussen öffnen muss. Es gilt zu schauen, wie sich die Telekommunikationsbranche entwickelt und welche neuen Technologien wichtig werden. Gerade in unserem Geschäft gilt es frühzeitig die Trends zu erkennen und diese in die Strategie des Unternehmens einfliessen zu lassen. Je näher wir am Puls sind und je besser wir das einschätzen können, desto grösser ist die Aussicht auf Erfolg. 

Vor zwei Jahren haben wir zudem mit einer «verlängerten Werkbank» begonnen. Das heisst, wir machen nicht nur Trend- und Technologie-Scouting, sondern schicken ganze Projektteams ins Silicon Valley, um neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, in enger Zusammenarbeit mit kalifornischen Firmen.

Swisscom Startup Challenge: Die 5 Gewinner 

ScanTrust, eSMART, Geosatis, Hoosh, CashSentinel: So heissen die Gewinner der zweiten Swisscom StartUp Challenge. In diesem Wettbewerb zeichnet Swisscom  zukunftsweisende Geschäftsmodelle aus und unterstützt die Schweizer Gründerszene. Die fünf Start-ups aus dem Technologiebereich haben sich gegen 100 Mitbewerber durchgesetzt.
Die fünf Start-ups reisen im Oktober nach Kalifornien ins Silicon Valley, wo sie an einem massgeschneiderten Mentorenprogramm von Swisscom teilnehmen.  Vier der fünf Gewinner stammen aus der französischen Schweiz.

Wann bringt die Schweiz einen Tech-Giganten à la Facebook hervor?

Das ist eine schwierige Frage, die man so nicht beantworten kann. Der Zufall spielt sicher eine Rolle. Heute läuft es anders als vor 20 Jahren. Man kann ohne grossen Aufwand loslegen. Kann im Brockenhaus ein paar Möbel kaufen, bei der Swisscom einen Server mieten und ein Business-Modell aufsetzen, das sehr erfolgreich wird (lacht). Ich suche immer noch das Golden Nugget. Das ist ein Anspruch, den ich habe: Dass wir einen Service finden, der global skaliert, also weltweit Erfolg hat.

Warum hat die Schweiz kein Silicon Valley? Oder brauchen wir gar keins? 

Im Silicon Valley kommen alle wichtigen Elemente auf relativ kleinem Raum zusammen, um Big Business zu machen. Es sind alle Kapitalgeber dort, die besten Universitäten ziehen schlaue Köpfe an und es gibt viele Experten. In der Schweiz stellen wir unser Licht eher etwas unter den Scheffel. Wir sind extrem innovativ. Das ist nicht so spektakulär wie in Amerika. Aber wenn wir schauen, was an den Technischen Hochschulen und den Fachhochschulen läuft, dann ist das eindrücklich. Auch sonst haben wir viele schlaue Köpfe, die uns vorwärts bringen.

Die Schweiz ist ein extrem reiches Land. Warum gibt es nicht mehr mutige Investoren?

Das macht genau den Unterschied aus zu Amerika. Dort gibt es viel mehr Risikokapital, sogenannte Venture Capitalists und Business Angels, und diese Investoren gehen mehr Risiken ein. Bei uns ist das noch etwas verhaltener. Wir haben auch eine Startup-Szene, die investiert. Aber bei uns haben Jungunternehmer grössere Probleme, um ihre Ideen finanzieren zu lassen. Ich bin überzeugt, dass in fünf bis zehn Jahren genügend Geld vorhanden sein wird.

Ein Kenner der Schweizer Startup-Szene meint, es gebe eine «Überförderung»: Es wird fast zu viel ausgegeben für Beratung et cetera; das Geld würde man besser in Firmengründungen investieren.

Das kann ich absolut nachvollziehen. Es herrscht halt eine gewisse Goldgräberstimmung. Das Coaching und Mentoring sind ein Business, das im Trend ist. Es wollen sich viele Leute etablieren und profilieren. Als Jungunternehmer muss man sehr selektiv sein und gut schauen, mit wem man zusammenarbeiten will und wo man nicht einfach ausgenutzt wird. Was den Bund betrifft, gibt es mit der KTI (Kommission für Technologie und Innovation) ein gutes Angebot. Aber auch dort muss man schauen, welchen Coach man auswählt.

Anfang Juli wurde bekannt, dass Google 100 Millionen Dollar in europäische Tech-Startups investieren will. 

Das zeigt, dass Europa durchaus interessant ist. Aber die Höhe der Investitionen von Google muss man relativieren: Wir investieren mit unserem Evergreen-Fonds an die 90 Millionen Franken allein in Schweizer Startups. Es geht in Zukunft darum, die Investments noch gezielter auf die strategischen Geschäftsfelder der Swisscom auszurichten. Und wir gehen in den Bereich, wo noch relativ wenige Investoren drin sind. In den Bereich Early Stage. Wir haben zusätzlich einen Fonds mit zehn Millionen Franken – für fünf Jahre. Damit unterstützen wir Firmen, die es in der frühen Phase extrem schwer haben, Geld zu bekommen. 

Nehmen wir als Beispiel drei Doktoranden von der ETH, die ein gutes Produkt haben, aber mit der Finanzierung klappt es nicht. Diese Leute brauchen vielleicht 400’000 bis 500’000 Franken, oder vielleicht auch nur 250’000, aber sie finden dieses Geld nicht. Dann wird es extrem schwierig. Wir wollen dort einsteigen und stellen pro Jahr zwei Millionen zur Verfügung, die wir in drei bis fünf Firmen investieren können.

Sie haben 2013 mit der StartUp Challenge einen Wettbewerb für Schweizer Jungfirmen ins Leben gerufen. Wie zufrieden sind Sie damit?

Ich gebe es zu, am Anfang war ich skeptisch. Doch es hat sich gelohnt. Der Erfolg des letztjährigen Wettbewerbs hat mich überwältigt. Die Finalisten waren top.

Beim diesjährigen StartUp Challenge kommen acht von zehn Finalisten aus der Westschweiz. Sind die Romands innovativer als die Deutschschweizer?

Ich bin nicht überrascht. Wir hatten auch schon letztes Jahr einige Westschweizer. Wenn man das Umfeld der EFPL kennt, ist es nicht erstaunlich. Als Deutschschweizer haben wir halt nicht so einen guten Zugang zu der Startup-Community in der Westschweiz. In der Konzernleitung haben wir gesagt: Wir müssen uns mehr Mühe geben, um vor Ort zu sein, um Netzwerke aufzubauen. Wir müssen uns noch mehr in der Startup-Szene verankern.

Zum ganzen Gespräch: «Herr Wüthrich-Hasenböhler, wann bringt die Schweiz einen Tech-Giganten à la Facebook hervor?»