Firmenbewertungen

Krieg der Sternchen

Auf Online-Bewertungsportalen können Arbeitnehmer ihre Arbeitgeber beurteilen. Das beschäftigt nicht nur die Personalabteilungen und Kommunikationsspezialisten der Firmen, sondern oftmals sogar die Anwälte. Denn auch online ist nicht alles erlaubt.

 

Von Stefan Mair, Handelszeitung

 

Bewertungsportale erobern das Netz. Jeden Tag kommen etwa auf der Plattform Kununu 300 Bewertungen hinzu. 20’000 Schweizer Firmen haben bereits Lob oder Tadel von Mitarbeitern erhalten. Und immer neue Anbieter drängen auf den Markt. In den USA kennt die Lust an der Bewertung durch Arbeitnehmer keine Grenzen.

Löhne, Chefzitate, Strategiedefizite. Alles landet auf einem Bewertungsportal. Inzwischen muss man schon fast von einer Tripadvisor-Kultur für Arbeitgeber sprechen. Das ruft die Firmen auf den Plan. «Den Unternehmen ist es nicht egal, wie sie auf den Portalen dastehen», sagt der Arbeitssoziologe Norbert Huchler. Schliesslich gehe es um die Aussendarstellung, und eine reisserische Bewertung könne schnell eine unglaubliche Verlinkungs- und Klickdynamik in Gang setzen.

 

Nicht alles ist erlaubt

Das Problem: Die Reaktion der Firmen auf diese Online-Bewertungen macht gleichzeitig das Geschäftsmodell der Plattformen aus. Bewertet werden kann nämlich jede Firma. Viele HR-Abteilungen sehen ihr Engagement auf Bewertungsseiten mit permanentem Screening denn auch als Standard – und dafür zahlen Sie viel Geld.  Müssen sich Firmen, die sich nicht in diesen Portalen engagieren möchten, also damit abfinden, dass sehr kritische Bemerkungen über sie tausendfach angeschaut werden?

Grundsätzlich gilt, dass sich Firmen nicht alles gefallen lassen müssen. Überrissene Beschuldigungen und Beleidigungen müssen nicht geduldet werden. Die Seitenbetreiber können in solchen Fällen aufgefordert werden, die Identität des Kritikers offenzulegen. Wenn etwa Mitarbeiter mit Kraftausdrücken hantieren, diskriminierende, rassistische oder vulgäre Aussagen tätigen, kann verlangt werden, dass Kommentare entfernt werden.

 

Namensnennung kann geahndet werden

Zudem dürfen Mitarbeiter bei Online-Bewertungen nicht gegen ihren Arbeitsvertrag und ihre Schweige- sowie Treuepflichten verstossen. Wer Betriebsgeheimnisse online ausplaudert, riskiert definitiv seine Kündigung. Auch die konkrete Nennung von Namen ist auf den meisten Portalen nicht erlaubt und kann entsprechend geahndet werden.

Sehr wohl müssen sich Firmen aber Werturteile gefallen lassen. Obwohl harte Werturteile oftmals fliessend in Schmähkritik übergehen, sind Aussagen wie «Schlechtes Betriebsklima», «Der Chef ist überfordert und planlos», «Das Unternehmen verschläft wichtige Entwicklungen» nicht angreifbar, da sie vom Recht auf freie Meinungsäusserung gedeckt sind.

 

Anwälte streiten um Bewertung

Inzwischen haben viele Rechtsanwälte die Abmahnung von Online-Bewertungsplattformen als Geschäftsfeld entdeckt. Es ist eine Debatte um die Entfernung von sogenannten «Sternchenbewertungen» entstanden. So wird etwa darüber diskutiert, ob die Bewertung einer Firma mit nur einem Stern als freie Meinungsäusserung gewertet werden soll oder als unwahre Tatsachenbehauptung qualifiziert wird. So steht etwa in Frage, ob auch eine Sternchenbewertung eines Online-Kritikers gelöscht werden muss, wenn nachgewiesen wird, dass dieser gar nicht bei der bewerteten Firma gearbeitet hat.

Die Bewertungsportale versuchen, ihren Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen und haben Benimmregeln für ihre Seiten entwickelt. So sind etwa Schimpfwörter auf manchen Seiten untersagt, zudem werden Kommentare vor der Freischaltung geprüft.

 

Freude über Sternchenstreit

«Dass wir Post vom Anwalt erhalten, passiert häufig», gibt auch der CEO von Kununu, Florian Mann, unumwunden zu. Mann freut sich aber darüber, dass er einen neuen Berufszweig unterhalten kann. «In den allermeisten Fällen kann man sich aber das Geld für einen Anwalt sparen.» Wenn sich die Firmen direkt an ihn wenden, prüfe er die Bewertung, verspricht er.

 

Jetzt lesen

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.