Digitale Bildung für Lehrer und Schüler
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Digitale Bildung für Lehrer und Schüler

Seit kurzem wird an Schweizer Schulen gemäss dem Lehrplan 21 «Medien und Informatik» unterrichtet. Mit der Einführung des neuen Fachs werden LehrerInnen, Eltern und die Schulen vor neue Herausforderungen gestellt.

Für das neue Fach «Medien und Informatik» interessieren sich so viele Lehrpersonen, dass in den Weiterbildungskursen der Pädagogischen Hochschulen jeder Kursplatz stark begehrt ist. Die Befürchtungen der letzten Jahre, dass für die neue Weiterbildung «Grundlagen in Medien und Informatik» (GMI) zu wenige Lehrpersonen gefunden werden, haben sich keineswegs bewahrheitet. «Im Gegenteil», sagt Rahel Tschopp, Zentrumsleiterin Medienbildung & Informatik an der Pädagogischen Hochschule Zürich, «das Interesse ist sehr gross. Besonders freuen wir uns darüber, dass Lehrpersonen unterschiedlichen Alters teilnehmen und alle motiviert mit dabei sind.»

Ziele des Lehrplans 21

Mit der Einführung des Lehrplans 21 sollen Schülerinnen und Schüler der Mittel- und Sekundarstufe im Fach Medien und Informatik einerseits lernen, mit Medien und Informationstechnologien umzugehen und deren Chancen und Risiken kennenlernen. Andererseits sollen sie ein theoretisches Verständnis für die Informatik erwerben und sich Wissen über die Grundkonzepte der Programmierung, Algorithmen sowie Daten- und IT-Strukturen aneignen.

Mithalten mit den Digital Natives

Die Einführung eines neuen Schulfachs ist eine aussergewöhnliche Situation. «Die Lehrpersonen hatten in ihrer eigenen Schul- und Ausbildungszeit keinen Medien- und Informatikunterricht, das Fach verfügt in der Volksschule über keinerlei Tradition. Die Kantone haben in kurzer Zeit Weiterbildungsmöglichkeiten ausgearbeitet, um den Lehrpersonen das nötige Fachwissen und die didaktischen Kompetenzen zu vermitteln», sagt Rahel Tschopp.

Was die Nutzung der neuen Medien betrifft, müssen wir mit den Kindern und Jugendlichen, also den Digital Natives, mithalten können.

Primarlehrerin, Kanton Zürich

Für Lehrpersonen im Kanton Zürich wird die Teilnahme am Grundlagenkurs vorausgesetzt, um die Unterrichtsberechtigung für dieses Fach zu erhalten. Machen sie das freiwillig oder werden sie dazu verdonnert? «Mitnichten», sagt eine Sekundarlehrerin, «für mich ist das eine gute Weiterbildung, weil ich einerseits das Thema interessant finde, und andererseits dadurch mein Arbeitspensum erweitern kann.» Eine Primarlehrerin erklärt: «In der heutigen Zeit sind Medien, Mediennutzung und Informatik zentral, es ist unsere Aufgabe, uns diesbezüglich weiterzubilden. Schliesslich müssen wir, besonders was die der Nutzung der neuen Medien betrifft, mit den Kindern und Jugendlichen, also den Digital Natives, mithalten können.»

Praktische Mediennutzung und abstraktes Hintergrundwissen

Die Kombination aus Medienbildung und Informatik macht für die LehrerInnen Sinn: «Es ist nicht damit getan, den Fünftklässlern ein Tablet in die Hand zu drücken und dann zu meinen, sie hätten eine Ahnung von Digitalisierung und Informatik», sagt etwa ein Lehrer. «Unsere Aufgabe ist es, die abstrakte Informatik anschaulich zu vermitteln.» Dies kann unter Umständen auch ganz ohne Computer und digitale Hilfsmittel geschehen. Mit Lehrmaterialien wie beispielsweise von Computer Science Unplugged lernen SchülerInnen, die analoge und die digitale Welt zu verbinden. Da kann es schon mal vorkommen, dass die Kinder draussen auf der Schulwiese viele kleine Einzelbilder zu einem grossen Bild zusammenfügen und dabei die Pixelstruktur von digitalen Bildern kennenlernen. Oder sie erfahren, dass ein Algorithmus eine Abfolge von Anweisungen ist – ähnlich wie ein Kochrezept. Eine verbindliche Jahresplanung, wie welcher Stoff genau vermittelt wird, gibt es – wie auch in den anderen Fächern – nicht. Da sind die Lehrpersonen relativ frei.

Die technische Ausstattung an den Schulen ist sehr unterschiedlich

Rahel Tschopp, Zentrumsleiterin Medienbildung & Informatik, Pädagogischen Hochschule Zürich

Schulen fehlt es an Zeit, Geld und Infrastruktur

Die Einführung eines neuen Fachs stellt auch die Schulen vor neue Herausforderungen. «Die technische Ausstattung an den Schulen ist sehr unterschiedlich», sagt Rahel Tschopp. Oft fehle es noch an Zeit, Geld und Infrastruktur, um die gewünschten Möglichkeiten anbieten zu können. Oft werden Arbeiten wie der Aufbau eines Netzwerks, die Datenspeicherung, die Verwaltung der Logins oder der IT-Support von Lehrpersonen übernommen, die besonders IT-affin sind und dieses «Ämtli» gerne übernehmen. «Dies geht teilweise zu Lasten derer Lehrfunktion und macht die Schule abhängig von einer einzelnen Person. Hier ist eine Professionalisierung erforderlich, die vielerorts auch bereits im Gang ist, sodass künftig nur der 1. Level-Support inhouse übernommen wird, ab dem 2. Level aber externe Anbieter übernehmen», so Tschopp.

Lerneinheit Digitalisierung

Mit #digitalistüberall hat Swisscom zusammen mit lerNetz eine Lerneinheit entwickelt, die es den Lehrern ermöglicht, das Thema Digitalisierung anschaulich und praxisnah mit ihren Klassen im zweiten und dritten Zyklus zu bearbeiten. Die Schülerinnen und Schüler folgen der Lernenden Elena auf einer Entdeckungsreise durch den digitalen Alltag – in ein Spital, zur Post, in eine Smart City und einen vernetzten Bauernhof. Zu jedem Thema gibt es einen Lernfilm und Arbeitsblätter, die stufengerecht die Auseinandersetzung ermöglichen. So lernen die Schülerinnen und Schüler das Potential der neuen Technologien kennen, verstehen das Zusammenspiel mit der Gesellschaft und können sich auch kritisch mit den neuen Anwendungen auseinandersetzen.

Zum Lehrmittel

Interessierte Schüler – besorgte Eltern

Die meisten angefragten Lehrpersonen betonen, dass die Schülerinnen und Schüler grosses Interesse am Fach zeigen – meist auch dann, wenn sie während der Lektion nicht mit einem digitalen Gerät arbeiten, sondern Informatik «unplugged» behandeln. Auch von Seiten der Eltern erleben die Lehrpersonen vor allem Zustimmung. «Viele Eltern sind froh, dass unter anderem auch Medienkompetenzen vermittelt werden und dass über Social Media aufgeklärt wird», sagt ein Lehrer. Doch bestehe die Befürchtung, dass die Kinder und Jugendlichen mit der Einführung des neuen Fachs nun noch mehr Zeit am Bildschirm verbringen. So wünscht sich eine Mutter stellvertretend auch für andere Eltern etwa: «Computer und Informatik in der Schule ist schon in Ordnung, aber uns Eltern ist wichtig, dass die Schüler nicht konsumieren, sondern produzieren.»

 

 

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