Theo Büntzli vor seiner Publifon / Telefonkabine
6 min

«Das Val de Travers ist mein Schlusspunkt»

18 Jahre Erziehungsheim, 30 Jahre Gassenarbeit, 17 Jahre Minen-Führer und nicht müde: Theo Bünzli (73) hat noch immer den Kopf voller Ideen. Sein neustes Projekt ist eine alte Swisscom-Telefonkabine.

Nächster Halt Presta/Asphaltminen – und dann stehe ich im neuenburgischen Hinterland. Die Sonne brennt unbarmherzig im Val de Travers. Plötzlich entdecke ich in der Ferne Theo Bünzli, einen kleinen hageren Mann mit verschmitztem Lächeln. Stolz steht er da in einem braunen Arbeitskittel mit dem Asphaltminen-Logo, obwohl er heute frei hat. «Ich habe grosse Bekanntheit hier im Val de Travers erlangt. Hier ist Bünzli kein Schimpfname, sondern ein respektabler Name. Ich bekomme sogar Post, da steht nur drauf: Theo – Val de Travers.» In dieses wilde Seitental unweit von Neuenburg wurde kürzlich eine der letzten ausgedienten Telefonkabinen der Swisscom transportiert: «Ich hätte nie gedacht, dass ich eine Telefonkabine gewinne, und musste danach zuerst meinen Chef einweihen.» Sagt der Mann, der sein Leben lang zuerst machte und sich erst danach mit den Konsequenzen auseinandersetzte.

Theo Büntzli in einer Asphaltmine
Das ist jetzt Theos Welt: unterirdisch, feucht und kalt. Hier bringt er den Menschen die Industriegeschichte der Schweiz näher.

Dann führt er mich aus der Hitze in die verwinkelten Gänge der Asphaltminen, wo acht Grad und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit herrschen. Seinen Arbeitsort seit 17 Jahren. In der Abgeschiedenheit der Minen scheint es dem 73-Jährigen leichter zu fallen, seine Geschichte zu erzählen. «Ich muss mich jedes Mal auf neue Menschen einstellen. Hierher kommen Schüler und ältere Menschen, solche mit und solche ohne Humor –jede Gruppe ist eine Herausforderung. Zum Glück habe ich gelernt, mit so unterschiedlichen Menschen umzugehen. Vor langer Zeit, auf der Gasse.»

Theo Bünzli mit Helm in einer Asphaltmine
Theo Bünzli hat so viel erlebt, dass es für zwei Leben reicht. Trotzdem ist er nicht müde und reisst immer neue Projekte an.

Harte Jugend in den 50er- und 60er-Jahren

Theo Bünzli kam 1945 in Uster zur Welt. Als er dreieinhalb Jahre alt war, wurde die Familie von den Behörden auseinandergerissen und er und seine vier Geschwister verdingt. Theo Bünzli verbrachte seine gesamte Kindheit und Jugend in staatlichen Erziehungsheimen. Er wurde vernachlässigt, erlebte Drill und Missbrauch. In der Schule wurde er wegen seiner Heimkleidung oder weil er keine Schuhe trug als «Anstältler» verspottet. «Mit 20 Jahren stand ich ohne Ausbildung und ohne einen Rappen auf der Strasse und entschied mich, nach Zürich zu gehen. Die Stadt kannte ich von vereinzelten Kinobesuchen. An meiner ersten Anlaufstelle, der Treppe Riviera, wurde mir bewusst, dass auch hier draussen nicht alles nur schön und gut ist.»  Einige Zeit lebte Theo auf der Strasse und erlebte hautnah das Elend der Drogensüchtigen und Obdachlosen. Schockiert von der Situation und der Brutalität der Polizei, setzte er erste Ideen in die Tat um. «1968 habe ich mit anderen zusammen die erste Jugendberatungsstelle von Zürich gegründet, das Speak Out. Dieses existiert heute noch.» Auch an der Gründung und Führung der ersten Gassenküche war Theo beteiligt. «Für die erste Spritzentausch-Anlaufstelle habe ich damals fünf Monate Gefängnis unbedingt bekommen, und meinem Arzt wurde ein Berufsverbot auferlegt. Weil ich Gassenarbeit betrieben habe, kam ich in Halbgefangenschaft. Diese erlaubte es mir aber wenigstens, tagsüber weiterzuarbeiten.» Theo wurde teilweise von kirchlichen Organisationen in Zürich finanziert, lebte jedoch jahrelang von der Hand in den Mund. Sein Engagement passierte aus Solidarität.

«Wenn ich ein neues Projekt ausgeheckt habe, musste ich immer damit rechnen, von der Polizei verfolgt und boykottiert zu werden. Als 1974 die Fichenaffäre aufflog, hatten sich zwei Schuhschachteln voller Material zu meiner Person angesammelt.» Irgendwann stellte ihn die Zürcher Arbeitsgemeinschaft für Jugendprobleme (ZAGJP) ein, die in den achtziger und neunziger Jahren in Zürich die Gassenarbeit prägte. Das machte seine Arbeit auf der Gasse einfacher. Bis er schliesslich Ende der 90er-Jahre genug davon hatte. Die Strukturen der Gassenarbeit waren aufgebaut und der anfängliche Kampfgeist verflogen.

Telefonkabine von Theo Bünzli im Val de Travers.Die Telefonkabine steht nun beim Eingang zu den Asphaltminen. Besucher können in der Kabine das Val-de-Travers kennenlernen. Zum Beispiel den Creux-du-Van, die mythische grüne Fee, die berühmten Asphaltminen oder die Skistation Buttes-La Robella. Daneben will Theo Bünzli mit dem Kulturtelefon, dessen Umsetzung geplant ist, die weiteren Attraktionen der Gegend bekannter machen.
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So blieb Theo Bünzli, im Anschluss an eine Ferienwoche vor 22 Jahren, im Val de Travers hängen. «Es sind die Menschen hier, die mich wertschätzen, so wie ich bin», so Theo. In den ersten fünf Jahren führte Theo im Val de Travers ein Restaurant. «Alle Menschen, egal welcher Nationalität oder welchen Alters, haben bei mir verkehrt. Der Pfarrer schrieb am Samstagabend jeweils seine Predigt bei mir im Restaurant, weil er die Lebendigkeit schätzte. Dann kündigte mir die Bank den Kredit und ich musste das Restaurant aufgeben.» So landete der Menschenfreund Bünzli in den Asphaltminen.

Ein Haus in Prasens, Neuenburg
Bis 1986 wurde hier in Prasens im Kanton Neuenburg Naturasphalt abgebaut und die ganze Welt damit beliefert. Unter diesen weissen Gebäuden versteckt sich ein 100 Kilometer langes, verästeltes Bergwerk.

Emotionale Begegnungen dank seiner Arbeit

Sein schönstes Erlebnis auf einer Führung war, als er eine Gruppe des Baukonzerns Sika durch die Minen führte: «Nach der Führung sprach mich ein Mann an, ich sei doch sein Götti. Wir hatten uns über 20 Jahre nicht gesehen.» Seither sind sie auf Facebook befreundet. Auch eine Nichte traf er auf einer Führung wieder. «Das führte dazu, dass meine Schwester ebenfalls einige Male hier in der Mine war und ich meine Nichte nun ab und zu in Lausanne besuche.» Die Brüder hingegen sind alle tot, und einen Vater hat er nie kennengelernt. Seine Mutter aber traf er vor acht Jahren wieder: «Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits dement. Sie bat mich in diesem Zustand um Verzeihung für die Vergangenheit. Das war für mich sehr schwierig.»

Woher nahm und nimmt Theo Bünzli immer wieder die Energie, neue Projekte anzureissen und ein Menschenfreund zu bleiben? «Vermutlich hilft mir mein Überlebensinstinkt, mir hätte es ja genauso wie anderen auf dem Platzspitz ergehen können. Vielleicht kompensiere ich auch meine verlorene Kindheit», sagt er nicht ohne Wehmut. «Darum finde ich meine Arbeit hier mit Schülern oder Familien so fantastisch. Andere gehen an ihrer Vergangenheit zugrunde, mich hat diese gestärkt. Ich habe ja alles erlebt: Unter Brücken schlafen, Todesdrohungen der Polizei, Gefängnisstrafen –  was kann mir jetzt noch passieren?» Sagt er und sieht mich erwartungsvoll an.

Bild von Theo Büntzli
Theo Bünzli, früher begleitete er Menschen auf der Gasse, heute führt er sie durch die Asphaltminen im Val de Travers.

Im Frühling hat ihm seine Tätigkeit als Guide eine Rolle in einem Zürcher Theaterstück beschert. «Nach einer Führung hat mich ein Regisseur als Darsteller angeheuert. Seither reise ich für Theaterproben ein bis zweimal pro Monat nach Zürich.» Wie es ist, nach all dieser Zeit zurück in Zürich zu sein? «Ich nehme jeweils den ersten Zug zurück, denn bereits der Anblick des Bahnhofs bereitet mir Mühe», meint Theo. «Zürich ist definitiv passé für mich.»

«Jedes Mal, wenn ich irgendwohin zog, erschaffte ich mir meinen Lebensmittelpunkt neu. Nicht zu Hause sitzen, aber raus gehen und Dinge in Gang setzen. Wie die Telefonkabine, die nun hier steht. Mit einer Lebensgeschichte wie meiner ist es schwierig, sich daheim zu fühlen. Man muss sich da, wo man ist, sein Zuhause neu schaffen. Mein Zuhause ist nun hier. Von hier werde ich vermutlich nicht mehr weggehen, das Val de Travers ist mein Schlusspunkt.»

Swisscom Publifon-Wettbewerb

Noch stehen sie fast an jeder Ecke, spätestens seit dem Siegeszug des Handys fristen sie jedoch ein einsames Dasein: die Publifon-Telefonkabinen. Laufend werden die letzten verbliebenen Kabinen abgebaut, eine Ära geht zu Ende. Swisscom hat den 10 letzten Telefonkabinen ein zweites Leben ermöglicht und sie darum kreativen Köpfen überlassen. Theo Bünzli war einer der glücklichen Gewinner.

Mit seiner Telefonkabine möchte Theo Bünzli den Besucherinnen und Besuchern des Asphaltbergwerks die Aktivitäten im Val de Travers audiovisuell in allen Landessprachen näherbringen.

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3 Kommentare zu “«Das Val de Travers ist mein Schlusspunkt»

  1. Freue mich sehr über diesen Artikel aus dem schönen Val de Travers.
    Die Asphaltminen zu besichtigen ist wirklich eine spannende Geschichte und Theo Bünzli macht diese Besichtigungen mit Begeisterung.

  2. Unglaublich, diese Lebensgeschichte von Theo Bünzli!
    Mich beeindruckt, wie er mit schweren Zeiten, Repressionen und Anfeindungen umgegangen ist und den Mut nicht verloren hat!
    Vielen Dank für die Reportage; sie ist ein Stück Zeitgeschichte und wertvoll zum Thema Menschsein!

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