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Das Internet der Dinge ist Realität

 

Hansjörg Honegger (Text), aktualisiert 1. Mai 2018

Der Bagger in Sibirien meldet sich, wenn ihm die Kälte nicht bekommt. Das Müesli schlägt Alarm, wenn der Käufer allergisch ist. Der Parkplatz gibt grünes Licht, wenn er nicht besetzt ist. Internet der Dinge nennt sich diese Technologie, die unser Leben in den nächsten Jahren umkrempeln wird – «vereinfachen», sagen die Befürworter, «entmündigen», sagen die Gegner.

Connected Devices, Internet der Dinge, Internet of Things (IoT) oder M2M (Machine to Machine) sind verschiedene Umschreibungen für dieselbe Sache: Maschinen oder Dinge sind untereinander vernetzt, ohne dass ein Mensch dazwischengeschaltet ist. Diese Maschinen tauschen Informationen aus und reagieren dann entsprechend den Anweisungen: Wenn du diese Information bekommst, tue dies. Im Moment geben noch Menschen diese Anweisungen. Aber die Wissenschaft forscht schon heute an selbstlernenden Maschinen, die ihr Verhalten entsprechend der Situation selbst verändern können.

Bis 2020 sollen bereits 50 Milliarden Geräte weltweit am Internet der Dinge hängen.

5G von Swisscom

Swisscom führt 5G, die neuste Mobilfunkgeneration, noch 2018 punktuell in der Schweiz ein. Zusammen mit den Partnern Ericsson und ETH Lausanne forscht und entwickelt Swisscom im Projekt «5G for Switzerland» am neusten Mobilfunkstandard. 

Voraussetzung für ein IoT-Netzwerk ist, dass die angeschlossenen Maschinen miteinander kommunizieren können, also ans Internet angeschlossen sind. Zu diesem Zweck werden sie mit einer SIM-Karte ausgerüstet, ähnlich jener, die im Handy steckt. Schon heute sind weltweit rund 10 Milliarden Geräte auf diese Weise ausgerüstet. Doch das ist erst der Anfang: Bis 2020 sollen bereits 50 Milliarden Geräte weltweit am Internet der Dinge hängen, so die Schätzungen. Damit diese Geräteanzahl vom Mobilfunknetz auch getragen werden kann, braucht es die neue Mobilfunkgeneration 5G.

Das selbst bestellende Bierfass

Nur: Was bringt uns dieses Internet der Dinge? Bereits heute sind in der Schweiz zahlreiche Projekte umgesetzt. Zum Beispiel Bier: ein Grundnahrungsmittel für Männer. Wenn es einmal ausgeht, sinkt die Stimmung auf den Nullpunkt. Feldschlösschen hat für dieses Problem eine Lösung parat und bietet in Zusammenarbeit mit Swisscom das selbst bestellende Bierfass. Eingebaute Sensoren registrieren sowohl den Füllstand des Fasses als auch die Menge des Konsums. Ist eine kritische Marke erreicht, ordert das Fass automatisch Nachschub beim Lieferanten.

Es geht aber auch ernsthafter (obwohl die Biertrinker ihr Hobby durchaus mit Bierernst anpacken). Notfall-Armbanduhren für Demenzkranke melden beispielsweise, wenn die betreffende Person einen bestimmten Rayon verlässt.  Angehörige oder Nachbarn werden dann automatisch alarmiert und können nach dem Rechten sehen. Auch das geliebte Haustier wird mittels vernetzter Halsbänder überwacht, sodass der Besitzer immer nachschauen kann, wo sich das Büsi gerade befindet. Noch raffinierter ist die IoT-Technologie in Autos. Bereits heute registrieren Sensoren einen Unfall und lösen automatisch Alarm aus und übermitteln dazu die genauen Koordinaten des Unfalls. Selbstfahrende Autos, an denen zurzeit diverse Hersteller forschen, treiben das auf die Spitze: Sie werden permanent und selbstständig mit anderen Autos, Verkehrsleitsystemen und dem öffentlichen Verkehr kommunizieren.

Auch das geliebte Haustier wird mittels vernetzter Halsbänder überwacht, sodass der Besitzer immer nachschauen kann, wo sich das Büsi gerade befindet.

Bereits heute weisen vernetzte Parkfelder beim Schloss Lenzburg den Automobilisten den Weg. Die Sensoren stellen fest, ob ein Parkplatz belegt ist, und melden der Anzeigetafel beim Parkhaus Berufsschule in Echtzeit, wie viele Parkplätze noch frei sind. So werden vergebliche Fahrten zu den 84 Parkplätzen beim Schloss vermieden. Swisscom und die Stadt Lenzburg stemmten dieses Pilotprojekt gemeinsam.

Pannendienst und Prävention

Wenn Dinge im falschen Moment kaputtgehen, ist das ärgerlich. Oder gefährlich. Ein wichtiger Einsatz des IoT ist deshalb die Überwachung von Maschinen. Bleibt beispielsweise eines der dreirädrigen Elektrofahrzeuge, mit denen die Pöstler ihrer Arbeit nachgehen, unterwegs stehen, muss es mit einem Abschleppfahrzeug und mit viel Aufwand geborgen werden. Deshalb überwachen Sensoren den Zustand des Fahrzeugs. Wenn sich eine Panne ankündigt – es ist bei Fahrzeugen ähnlich wie beim Menschen: erst kommt der Husten, dann die Grippe –, meldet das Fahrzeug, dass es ihm nicht so gut geht. Folglich wird es automatisch in die Reparatur beordert.

Dort können die Techniker online auf den Statusbericht zugreifen und wissen sofort, wo die Gebresten sitzen. Weitere Anwendungen sind zum Beispiel Indoor-Lokalisierung. So hat Ypsomed, ein Schweizer Medizinaltechik-Hersteller seine Warenverfolgung durch den ganzen Produktionsprozess digitalisiert.  Dies funktioniert dank dem Internet unabhängig von der Entfernung. So überwacht das Baumaschinen-Unternehmen Liebherr seine Riesenmaschinen weltweit mit Sensoren – zentral und vom warmen Büro aus. Ein vernetzter Truck in Sibirien kann etwa melden, wenn ihm die Minustemperaturen zu schaffen machen. Klar, zur Reparatur muss – im Moment noch – ein Techniker die warme Jacke anziehen und den Weg unter die Füsse nehmen. Immerhin hat er dank der Statusmeldung sicher die richtigen Ersatzteile mit dabei.

Nur Fiktion oder irgendwann Realität? Die TV-Serie «Minority Report» führt die Geschichte des gleichnamigen Films weiter.

Das Internet der Dinge steht erst ganz am Anfang der Entwicklung. So sollen in Zukunft Lebensmittel automatisch warnen, wenn der Käufer allergisch ist gegen einen Inhaltsstoff. Infusionen werden die Abgabe von Medikamenten automatisch mit der Krankenakte abgleichen, und im Schaufenster erscheint beim Vorbeischlendern personalisierte Werbung.

Der Film «Minority Report» lässt grüssen. Solche Zukunftsvisionen rufen die Datenschützer auf den Plan. Denn damit diese neuen Möglichkeiten Wirklichkeit werden, müssen wir als Konsumenten, Bürger und Patienten bereit sein, mitzumachen. Unsere Handys werden viel mehr sein als nur Kommunikationsmittel. Sie werden die Drehscheibe unseres Lebens sein. Wie weit kann man den Anbietern vertrauen, wie transparent können die Daten genutzt werden, und wie viel Einfluss hat man auf die Verwendung der eigenen Daten? Diese Fragen werden uns in den nächsten Jahren vermehrt beschäftigen. Denn das Internet der Dinge ist keine Zukunftsmusik. Vieles ist bereits Realität und vereinfacht uns heute schon das Leben. Wie weit wir gehen wollen, entscheiden – zumindest in absehbarer Zukunft – immer noch wir Menschen und nicht die Maschinen.

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