Kein Anschluss mehr unter dieser Nummer
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Kein Anschluss mehr unter dieser Nummer

Die einsamste Telefonkabine der Schweiz im kleinen Bündner Bergdorf Braggio ist stillgelegt. Die Kabine selber jedoch wird ein zweites Leben erhalten.

Es ist kalt an diesem Freitagmorgen Mitte April im Calancatal. Im italienischsprachigen Teil des Graubündens hat es in der Nacht noch einmal Schnee bis in tiefe Lagen gegeben. André Haldi und Marco Cattalini laden Werkzeug und Putzmaterial aus ihrem Auto auf einen Pallettrolli. «Normalerweise sind wir bei der Demontage von Telefonkabinen allein unterwegs, aber Braggio ist speziell», meint Netzwerk-Assistent der Swisscom André Haldi. Mit einer alten roten Seilbahn geht es von Arvigo nach Braggio, dem höchstgelegenen Dorf im Calancatal. Bedienen können wir die Bahn selber per Knopfdruck, die Bahnangestellten sind in der Znünipause.

Von der Montage zur Demontage

Wir sind die einzigen Passagiere auf dieser Fahrt, vielmehr hätten in der kleinen Kabine auch nicht Platz. Nach sieben Minuten erreichen wir Braggio, den 50 Seelen-Ort auf 1313 Metern. Bis zur Kabine, die im Dorfkern steht, sind es gut zehn Minuten zu Fuss. Auf dem Weg treffen wir eine Frau, die uns freundlich zunickt. Die letzten Meter müssen André und Marco ihr Material tragen, eine alte Steintreppe führt zur Kabine, die direkt neben dem Dorfrestaurant steht.

«Ab und zu gibt es Leute, die es bedauern, dass die Kabine wegkommt.»

Während ich einen Blick ins verschneite Umland werfe, hat André bereits das Swisscom-Logo von der Scheibe gekratzt. Unterdessen demontiert Marco die Abdeckung des Telefons. «Ab und zu gibt es Leute, die es bedauern, dass die Kabine wegkommt», sagt André Haldi. Er war 20 Jahre lang für den Unterhalt der Kabinen im Tessin zuständig, was er sehr gerne tat. Jetzt demontiert er mehrere pro Woche. «Das ist der Lauf der Zeit, das Handy hat die Kabinen überflüssig gemacht», meint André Haldi mit etwas Wehmut. Die Kabine in Braggio wurde etwa alle zwei Monate von André und seinen Kollegen gereinigt, während das Telefon während Jahren durchschnittlich noch 1.40 Franken Umsatz machte.

Ich treffe Paul Morf, 74, auf der einzigen Strasse im Dorf. Er ist pensionierter Arzt und kommt seit 30 Jahren immer wieder nach Braggio, seine Freundin wohnt hier.  «Schade, dass die Kabine abgebaut wird, das war ein Stück Vergangenheit.» Gebraucht hat er die Kabine in all den Jahren allerdings nie.

Inzwischen haben André und Marco das Blau-rote-Swisscom-Signet vom Dach geholt und jegliche Markierungen in und an der Kabine entfernt. Das Stromkabel ist gekappt, das Telefon abmontiert. Im Kanton Tessin stehen noch rund 600 Telefonkabinen, die bis 2020 stillgelegt werden. In den meisten Fällen muss auch die rund 500 Kilo schwere Konstruktion aus Glas und Metall abtransportiert werden. Hier in Braggio können sie die Kabine jedoch stehen lassen. Denn der Verein Pro Braggio will sie künftig als Bibliothek nützen. «Wir sind sehr dankbar, dass Swisscom uns die Möglichkeit gibt, der Kabine ein zweites Leben zu verschaffen», sagt Paula Bisang, die Sekretärin des Vereins Pro Braggio auf Anfrage.

Bibliothek wertet Dorf auf

Luciano Berta, ein Landwirt der in Braggio lebt, meint: «Es ist kein Problem für mich, dass die Kabine wegkommt. Meine Frau hat ein Natel und auch einen Festnetzanschluss». Wenig später treffen wir seine Frau, Agnes Berta. Sie führt das Agritourismo in Braggio und war einst Gemeindepräsidentin. Sie lebt seit 30 Jahren in Braggio und erinnert sich: «Die damalige Gemeindepräsidentin kämpfte Anfang der 90er Jahre für diese Kabine», sagt die gebürtige Zürcherin. Das öffentliche Telefon sei in all den Jahren vor allem von Gruppen genutzt worden, die in Braggio übernachteten. Sie freut sich, dass in der Kabine bald Bücher getauscht werden können. «Das ist eine kleine Attraktivität mehr im Dorf, die einfach und günstig umzusetzen ist», so Agnese Berta. Auch ihre Tochter Aurelia und die Schwägerin Daniela Berta treffen wir kurze Zeit später. Beide sind in Braggio aufgewachsen und verbrachten fast ihr gesamtes Leben im Dorf. Auch sie können sich nicht erinnern, wann sie die Telefonkabine das letzte Mal benutzt haben. «Vermutlich noch nie», meinen beide.

André Haldi und Marco Cattalini sind fertig und packen ihr Material zusammen. Sie lassen die einsamste Telefonkabine der Schweiz leer und unbeschriftet zurück. In den nächsten Wochen wird Paula Bisang Bücher im Dorf einsammeln, diese in der Kabine öffentlich zugänglich machen und der Kabine neues Leben einhauchen.

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