Ein Abend mit Freunden
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Ein Abend mit Freunden

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.Der Autorin auf Youtube folgen

Kathrin Buholzer, 29. Oktober 2015

Erinnert ihr euch noch an diese Abende, an denen wir gemütlich am Tisch sassen, zusammen plauderten und dann irgend einmal eine dieser Fragen im Raum stand? Eine Frage, dessen Antwort einem eigentlich auf der Zunge lag, aber man trotzdem in dem Moment einfach nicht drauf kam? «Das war doch der …, ehm, wie hiess der schon wieder? Dieser Typ mit dem Bart, der die Augen so nah beieinander hat. Gopf.» Und dann hat man gerätselt, über Filmnamen, Schauspieler oder «One Hit Wonder»-Songs aus den 90-igern.

«Dieser Song, mit dem Typ im orangen Dress und dem pinkfarbenen Oberteil mit den Smileys drauf. Mensch, wie hiess der nochmal. Irgendwas mit Wonder oder so … .» Man hat diskutiert und sich den Kopf zerbrochen, wer das schon wieder war. Und während man hin und her überlegt hat, kamen einem schon wieder -zig neue Songs und die dazugehörigen Erinnerungen in den Sinn. Nicht selten sind dabei nämlich auch die lustigsten Wetten entstanden.

«Neeein. Das war auf keinen Fall Boy George. Nie und nimmer! Julia Roberts hat in dem Film nicht mitgespielt. Die Olympischen Winterspiele 1992, die waren in Calgary,  da wette ich mit dir um drei Tax-Cards.»

Schön war das damals, unterhaltsam und lustig. Als wir die Antworten auf solche Allerweltsfragen nicht grad sofort wussten, haben wir uns halt gaaaanz fest angestrengt und oft auch mit viel Witz und Charme versucht, die richtige Lösung zu finden. Ok, manchmal haben wir auch jemanden angerufen, in einer alten Zeitschrift geblättert oder ein Lexikon geholt. Manchmal sind die Fragen halt auch offen geblieben, weil es einfach keiner mehr so genau wusste.

Wenn mal jemand den Namen eines Films, eines Schauspielers oder eines Musiksongs sucht, zücken alle gleich ihr Smartphone und googeln nach des Rätsels Lösung.

Heute sind solche «Wie-wer-wo-war-das-nochmal»-Gespräche praktisch ausgestorben. Wenn mal jemand den Namen eines alten Films, eines Schauspielers oder eines Musiksongs sucht, zücken alle gleich ihr Smartphone und googeln nach des Rätsels Lösung. Man hat manchmal fast das Gefühl, es ginge darum, wer schneller, die präziseren Antworten findet. Ein kleiner «Google-mir-die-richtige-Antwort-in-der-minimalsten-Zeit»-Wettbewerb oder so.

Unzählige Male werden während Diskussionsrunden, Sitzungen oder Nachtessen die Handys gezückt, um dann nach ein paar Sekunden die ersten zehn Sätze aus einem Wikipedia-Artikel vorzutragen. Da gibt’s keine Aussagen mehr wie «Bist du wirklich sicher? Also ich glaube nicht, dass die damals gewonnen haben, aber ich weiss es auch nicht mehr so genau.» Es gibt nur noch Fakten, knallhart, ohne «Wenn und Aber». Schade eigentlich.

Wir sollten vielleicht einfach öfter mal wieder die Handys ausschalten, wenn Freunde zu Besuch kommen.

Gespräche, bei denen Fragen auftauchen, werden so im Keim erstickt.

Daumen auf den Home-Button, bei Safari oder Chrome die Frage eingeben und «ZACK!» erscheint die Antwort auf dem Display und die Sache hat sich erledigt. Einzig, wenn man Siri nach einer Antwort fragt und sie dann mal wieder das Wichtigste nicht richtig verstanden hat, ergeben sich manchmal noch ein paar unterhaltsame Sekunden.

Wir sollten vielleicht einfach öfter mal wieder die Handys ausschalten, wenn Freunde zu Besuch kommen. Wieder etwas mehr über Songtitel, Filmnamen und Ereignisse aus Sport und Politik fachsimpeln, rätseln und nicht immer gleich alles nachschauen. Auch wenn wir vielleicht dann einen Abend lang denken, die Olympischen Winterspiele 1992 hätten in Calgary stattgefunden.

Sie waren übrigens in Albertville. Calgary war 88.

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