Beruf: Online-Pokerspieler
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Beruf: Online-Pokerspieler

Fabian Vogt (Text und Bilder), 1. Februar 2017

Stefan lächelt. Soeben hat er einen weiteren Gegner ausgeschaltet. Es ist ein kurzes Lächeln – eines, bei dem der Jochbeinmuskel die Mundwinkel nicht weit genug nach unten zieht, um die Zähne zu entblössen. Ein wissendes, für Aussenstehende etwas überheblich wirkendes Grinsen. Doch Stefan Huber ist nicht überheblich. Er freut sich lediglich, dass ihm einer in die Falle getappt ist. Stefan ist professioneller Pokerspieler – einer der besten weltweit, sagen seine Gegner.

«Eine Rangliste zu erstellen, ist beim Pokern schwieriger als anderswo, weil die Varianz, also die Streuung guter und schlechter Resultate, extrem gross ist», sagt er. Es kann vorkommen, dass Stefan während Monaten Geld verliert. Einmal schloss er ein Jahr mit mehreren zehntausend Franken Minus ab. «Das sind harte Zeiten. Da fragst du dich schon, warum du kein regelmässiges Einkommen hast. Aber wenn du nicht lernst, mit solchen Tiefschlägen umzugehen, wird aus dir nie ein erfolgreicher Spieler.»

Am virtuellen Pokertisch treffen sich Spieler aus der ganzen Welt.

Gegner aus aller Welt

In den letzten Jahren hat Stefan an den Pokertischen aber auch Millionen verdient, hat Turniere auf den Bahamas, in Österreich sowie in Italien gewonnen und in Las Vegas oder Macao Gegnern an einem Abend Beträge abgenommen, mit denen in der Schweiz ein solider Mittelklassewagen gekauft werden kann.

Um Stefan bei seiner Arbeit zuzusehen, reicht ein Abstecher nach Zürich. Am Landesmuseum vorbei, den Hügel Richtung Zürichberg hinauf, mitten im Kreis 6, bewohnt der überzeugte Vegetarier mit seinem Bruder und zwei Toyger-Katzen eine 3½-Zimmer-Wohnung. Das Spektakulärste an ihr ist die Aussicht vom Balkon auf den Üetliberg, ansonsten fällt nur der überdimensionale Computerbildschirm in der Mitte des Wohnzimmers auf. Stefans Arbeitsplatz.

Was ist Online-Poker?

Seit Beginn des dritten Millenniums spielt man Poker auch im Internet. Täglich spielen mehrere hunderttausend Spieler gleichzeitig in virtuellen Pokerräumen. Allein bei den beiden grössten Poker-Websites, bei PokerStars und Full Tilt, sind 85 Millionen Spieler registriert. Die Gewinne der Pokerräume werden auf hundert Millionen Dollar pro Monat geschätzt. Um online spielen zu können, muss der Spieler einen Account eröffnen und eine Einzahlung in beliebiger Höhe tätigen, wobei es aufgrund der Suchtgefahr oft einen Maximum-Betrag pro Tag gibt. Seinen Kontostand kann man jederzeit auszahlen lassen. Das Spiel an sich unterscheidet sich nicht vom Live-Spiel – ausser, dass anstatt echter Menschen deren virtuelle Identitäten (Aliasse) bekämpft werden müssen.

 

«So ein scheiss Spot. So sick … ich folde», sagt Stefan laut. Selbstgespräche sollen ihm helfen, die eigenen Gedanken zu analysieren. Ein Aussenstehender kann mit dem benutzen Vokabular wenig anfangen, die Pokerspieler haben ihre eigene Sprache. Übersetzt sagt Stefan, dass er seine Karten weglegen muss, weil er in eine unangenehme Situation geraten ist.

Der professionelle Pokerspieler an seinem Arbeitsplatz.
Regelmässig gegen 15 Uhr betritt er die virtuelle Welt – gekleidet in Trainerhosen, gestrickte Socken und ein weisses H&M-Shirt. Rund zwölf Stunden später wird er sie wieder verlassen und den Arbeitstag für beendet erklären. Dazwischen besteht die Hauptaktivität des einstigen Geografie-Studenten darin, mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf die Computermaus zu klicken.

Seine eigentliche Arbeit spielt sich im Kopf ab. Bei jeder Aktion muss er überlegen, wie er am meisten Geld aus seinem Gegner pressen kann, oder ob es vielleicht klüger wäre, diese Runde aufzugeben. Während dieser Gedankengänge bewegt sich einzig sein dominanter Adamsapfel auf und ab, wie ein Lift, der einen Kurzschluss hat. Daraus abzulesen, was der ambitionierte Badminton-Spieler denkt, ist nicht möglich, durch jahrelanges Meditieren hat er gelernt, seine Emotionen am Pokertisch nicht zu zeigen. «Ansonsten würden sich die Gegner sehr schnell darauf einstellen und ich würde verlieren», sagt Stefan. Wie es die meisten anderen Pokerspieler tun.

Lukratives Poker-Gaming

Rund 90 Prozent der Spieler dürften sogenannte «Loosing-Player» sein, sagen Studien. Dass Stefan nicht dazugehört, hat für ihn hauptsächlich drei Gründe: Leidenschaft, mentale Stärke und sein Umfeld. «Würde mir Poker keinen Spass machen, hätte ich nie die Motivation, ständig besser zu werden. Ich würde verlieren».

«Dass ich plötzlich mehr verdiente als sie, war für meine Eltern nicht einfach.»Stefan Huber, Professioneller Online-Poker-Spieler

Seine Eltern verstanden jahrelang nicht, was Stefan genau macht. Aber sie verstanden bald einmal, dass er damit gutes Geld verdient. Viel mehr jedenfalls, als wenn er nach seinem Abschluss Geografielehrer geworden wäre oder die Gezeiten untersucht hätte. «Dass ich plötzlich mehr verdiente als sie, war für meine Eltern nicht immer einfach», gibt Stefan zu. Doch Familie Huber hat es gut überstanden. Heute spielt auch der Vater ab und an Poker, rein zum Spass.

Was wird gespielt?

Die mit Abstand beliebteste Poker-Variante ist Texas Hold’em No Limit. Das Ziel ist es, aus zwei verdeckten, privaten Karten und fünf offenen, gemeinsamen Karten die bestmögliche fünf-Karten-Kombination zu machen.

Grundsätzlich gilt beim Pokern, was auch beim Schach gilt: Die Regeln meistert man in fünf Minuten, das Spiel ein Leben lang nicht. Texas Hold’em No Limit kann als Turnier- oder Cash-Game-Variante gespielt werden. Bei ersterer zahlt jeder Spieler dieselbe Turniergebühr und man hat mehrere tausend Gegner. Preisgeld erhält nur, wer weit vorne klassiert ist. Beim Cash Game spielt jeder mit so viel Geld, wie er einsetzen möchte, gegen maximal neun Gegner. Cash Games beginnen ab 5 Cent Einsatz pro Runde, auf den höchsten Limits verdienen und verlieren die Spieler in wenigen Minuten tausende Dollar.

 

Auch bei Stefan begann es mit Spass, als 2007 sein damaliger Mitbewohner einen Pokerkoffer in die WG brachte. Nächtelang sass man mit bis zu zehn Leuten zusammen und spielte um Streichhölzer oder den Abwasch, bis Stefan von einer Poker-Website 50 Dollar geschenkt erhielt. «Geld brachte eine ganz andere Dynamik ins Spiel. Ich habe gemerkt, dass ich mein eigener Chef sein, Geld verdienen und Spass haben kann. Das kannte ich zuvor nicht.»

Schon nach wenigen Monaten konnte er sein Studium selber finanzieren. Von da an war er immer seltener an der Fakultät, dafür immer öfter an den Pokertischen anzutreffen. Die Noten blieben zwar akzeptabel und den Abschluss schaffte er ohne Probleme, doch seine Passion für die Pole und Gebirgsketten war vorbei.

Kein Jetset-Leben

40 bis 50 Stunden spielt Stefan heute pro Woche. Urlaub gönnt er sich zwischen vier und sieben Wochen pro Jahr, die er gerne wandernd, tauchend und lesend verbringt. Ein Jetset-Leben liegt aber nicht drin. «Ich kann gut vom Pokern leben, bin aber nicht Millionär», fasst Stefan seine Gewinne und Verluste zusammen.

Den grössten Teil seiner Gewinne gibt Stefan für andere aus: «Da ich selber nicht allzu viel Geld brauche, versuche ich, so viel wie möglich zu spenden. Ich fühle mich verpflichtet, einen Teil beizutragen, dass andere Menschen und künftige Generationen dieses Glück auch erfahren können.» Wenn er über die Projekte spricht, die mit seinem Geld umgesetzt werden konnten, löst sein Jochbeinmuskel die Lippen ganz voneinander. Stefan lächelt dann nicht mehr nur, er strahlt. Mehr, als nach jedem Poker-Gewinn.

Nach dem Spiel legt Stefan Huber sein Pokerface ab.

Vorsicht: Betrug beim Online-Poker

Wie überall, wo es um viel Geld geht, wird auch beim Online-Poker betrogen. Mit Multi-Accounts versuchen Spieler, mehrere Identitäten zu eröffnen und mit ihnen an den gleichen Tisch zu sitzen, um mehr Informationen als die Gegner zu haben. Erwischte Falschspieler werden lebenslang gesperrt. Schwieriger zu identifizieren sind digitale «Poker-Bots». Diese sind darauf programmiert, nach einem bestimmten Schema zu spielen und werden vor allem auf den tiefen Limits eingesetzt, wo die Spieler das Spiel nicht sonderlich gut beherrschen.

«Collusion» bezeichnet das Zusammenspielen von zwei oder mehreren Personen am Tisch. Dies kann bedeuten, dass man sich gegenseitig schont, sich seine Karten übermittelt oder gemeinsam einen Gegner ausnimmt. Die Methode ist sehr zeitaufwändig und wird vor allem auf den ganz hohen Limits genutzt. Da sich die Spieler dort in der Regel auch persönlich kennen, ist das Risiko, erwischt zu werden, beträchtlich. Grundsätzlich aber ist Online-Poker heute ein sehr sauberes Spiel.

 

 

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