«Das Wohlergehen der Spieler hat für mich Priorität»
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«Das Wohlergehen der Spieler hat für mich Priorität»

Nina Zweifel betreut das beste Schweizer E-Sports-Team mYinsanity psychologisch – freiwillig, neben dem Studium. Wie sie es schafft, 25 Männer dazu zu bringen über Lampenfieber, Pinkelpausen und Konflikte zu sprechen und so besser zu spielen.

Manchmal sind sogar Pinkelpausen kompliziert. Wenn beispielsweise Mannschaftssportler an einem Turnier zwischen zwei Spielen nur 10 Minuten Pause haben und sie nacheinander auf die Toilette gehen, bleibt keine Zeit für taktische Diskussionen. Keine gute Ausgangslage, vor allem, wenn das Team nicht harmoniert. Nina Zweifel, psychologische Betreuerin des E-Sport-Teams mYinsanity lacht: «Ich machte den Vorschlag, die Pausenzeit etwas effizienter zu nutzen». Was zum Erstaunen aller auch tadellos funktionierte.

Per Zufall bei E-Sports gelandet

Dass Nina Zweifel heute das beste E-Sports-Team der Schweiz betreut, ist ein Zufall. Und erst noch kein sehr wahrscheinlicher. Die 22-jährige wuchs wohl behütet in einem 1000-Seelen-Dorf im Kanton Zürich auf. «Meine Mutter war recht streng, wenn es um Bildschirmzeit ging. Sie fand das ungesund.» Dazu muss man wissen: Ninas Mutter ist Ärztin, ihr Urteil hat Gewicht. Sport dagegen interessierte Nina schon früh. Fast poetisch fasst sie ihre Faszination zusammen: «Sport ist für mich die schönste Ausdrucksform von Höchstleistung, Emotion und Euphorie». Bald war ihr klar: Ich möchte Sportpsychologin werden.

Durch ihren Partner kam Nina zum ersten Mal in Kontakt mit Videospielen. League of Legends, um genau zu sein. Ein hoch taktisches, sehr schnelles Echtzeit-Strategiespiel. «Wir schauten uns damals den WM-Final gemeinsam an. Ich verstand überhaupt nicht, worum es eigentlich ging», erinnert sich Nina. Doch das Interesse war geweckt. «Je länger ich zuschaute, desto mehr faszinierte mich das Game und der E-Sport.»

Nina im mYinsanity Shirt: Sie gehört zum Team voll dazu.

Vom Mädchen für alles zur Spieler-Psychologin

Im E-Sport – also beim Spielen auf höchstem Niveau – ist Psychologie extrem wichtig. Die Physis des Spielers, Kraft oder die körperliche Fitness, rücken im Vergleich zum traditionellen Sport eher in den Hintergrund. Nina fand diesen Aspekt besonders interessant und wollte es genauer wissen. Sie kontaktierte das Management von mYinsanity, der führenden E-Sport-Gruppe – oder Organisation wie es im Branchenjargon heisst – der Schweiz. Freiwillige Helfer waren und sind immer willkommen. Die junge Frau konnte sich vielerorts einbringen: «Anfangs erfüllte ich ganz verschiedene Aufgaben: Betreute Social Media Kanäle, schrieb Artikel für die Homepage und half bei der Organisation von Events. Schnell sprach sich aber herum, dass Nina Psychologie studiert – und gut zuhören kann. Zunehmend meldeten sich die Athleten bei ihr, wenn sie ein Problem hatten.

«Sport ist für mich die schönste Ausdrucksform von Höchstleistung, Emotion und Euphorie».

Nina Zweifel

Diese Probleme sind vielfältig. Relativ häufig ist es Lampenfieber an Live-Veranstaltungen. Die Turniere finden normalerweise online statt, die Athleten spielen zuhause in der ihnen vertrauten Umgebung mit ihrem eigenen Equipment. An grossen Turnieren, so genannten LAN-Partys, müssen sie aber in riesigen Hallen spielen. Vor Publikum, das die Spielzüge lauthals kommentiert, und – ganz wie im Fussball – immer alles besser weiss. «Eine stressige Situation, die bei einigen Athleten die Leistung beeinträchtigen kann» erklärt Nina Zweifel. Manchmal hilft es, wenn die Spieler ab und zu live ins Internet übertragen, beispielsweise auf dem Streaming-Dienst Twitch. «So gewöhnen sich die Spieler zumindest an Zuschauer und deren kritische Kommentare».

LAN-Party’s sind für die Athleten  stressig. Nina rät den Spielern, mit Streaming den Ernstfall zu üben.

Doch Nina Zweifel wird auch mit schweren Lebenskrisen konfrontiert, mit Depressionen etwa, wo einfache Tipps und ein paar Ratschläge nicht mehr weiterhelfen. Hier respektiert die junge Studentin ihre Grenzen und rät zum Besuch eines ausgebildeten Psychologen. «In solchen Fällen bin ich nur die erste Anlaufstation. Oft hilft es ja schon etwas, wenn man über seine Probleme sprechen kann.» Und dann fällt ein Satz, den sie so oder ähnlich häufig sagt: «Das Wohlergehen der Spieler hat für mich oberste Priorität.»

Ernste Absichten für die Zukunft

Seit Sommer 2018 ist sie nun die offizielle Betreuerin der gut 25 Spieler von mYinsanity. Alles ohne Lohn, begleitend zum Studium und ihrem Job im Service. «Die Belastung hält sich in Grenzen,» erklärt sie aber. Klar, zeitlich sei der Aufwand nicht zu unterschätzen, aber es mache halt auch unheimlich viel Spass und sie lerne sehr viel, was sie vielleicht auch in Zukunft mal brauchen könne. Die Zukunft – ein Thema, bei dem Nina ernst wird. Sie macht sich ihre Gedanken, wie es nach dem Studium weitergeht. Denn bei allem Spass – «wir haben immer eine Fete, wenn wir uns treffen» – stecken ernste Absichten hinter ihrem Engagement.
E-Sport ist eine rasch wachsende Branche, im Ausland verdienen Profis Millionen. Entsprechend schnell professionalisiert sich das Umfeld. Bei einem Sport, bei dem die mentale Einstellung so entscheidend ist, sind Psychologen und Betreuer von enormer Wichtigkeit. Und doch: Die Entscheidung, ob sie ihre Zukunft im E-Sport sieht, ist noch nicht gefallen. Die junge Frau überlässt nicht viel dem Zufall: «Ich studiere im Zweitfach Geschichte. So kann ich auch Lehrerin werden, was zum Beispiel die Familienplanung enorm vereinfachen würde.»

Nina als Vertrauensperson

Die Videogame-Szene ist noch immer eine Männerdomäne, Athletinnen sind eine Ausnahme. Eine Minderheit reagiert sogar ablehnend bis ausfällig auf Frauen, die hier mitmischen wollen. Auf die Frage nach ihrer Rolle – die Frau als Helferin für männliche Athleten – reagiert Nina Zweifel mit Unverständnis. «Mein Geschlecht spielt hier keine Rolle», betont sie. Sie habe noch nie einen negativen Kommentar gehört und es gebe auch zahlreiche männliche Kollegen, die Spieler betreuen. Thema erledigt.

Auch wenn die Betreuung der Spieler für Nina sehr aufwendig ist, macht sie Ihr sehr viel Spass.

Ihre Mischung aus Professionalität und Humor, Ernst und Spass kommt gut an im Team. Edouard Wanner, Athlete Manager von mYinsanity und nach eigenen Angaben «sowas wie der Papi des Teams» betont die Wichtigkeit von Nina Zweifel. «Sie ist einerseits sehr vielseitig, was in unserem noch kleinen Team zentral ist. Andererseits kennt sie die einzelnen Spieler mittlerweile sehr gut und ist von allen akzeptiert. Sie ist eine

Vertrauensperson, an die man sich wendet und auf die man hört». Ihr Alter ist für Wanner kein Problem – im Gegenteil. «Ich bin heute 28 und fühle mich im Vergleich zu den aktiven Spielern – die sind meisten zwischen 18 und 22 – schon richtig alt. Nina versteht die aktuelle Spielergeneration viel besser als ich.» Es ist wohl ein Zeichen für die rasend schnelle Entwicklung des E-Sports, wenn sich der 28-jährige Team-Manager etwas alt fühlt und mit wehmütigem Ton von den guten alten Zeiten erzählt: Vor drei Jahren, als er noch aktiv spielte, sei halt alles noch ganz anders gewesen.

Dank Pinkelpause Zeit für Diskussionen

Kommt Wanner auf die Fähigkeiten von Nina Zweifel zu sprechen, gerät er ins Schwärmen. Zumindest einmal war ihr Einfluss sogar matchentscheidend: «Am Schweizer Final von League of Legends im letzten Sommer wirkte sie Wunder, das war wie Magie». Das Team lag 0:2 zurück und stand damit kurz vor einer Niederlage und dem Verlust des Titels. «Nina ging mit den Spielern in der Pause raus. Die Jungs kamen völlig verwandelt zurück und gewannen das Turnier mit 3:2.» Auch Silvan Loser, damals Teammitglied, erinnert sich gut an die Szene. Er grinst: «Es gab einen Konflikt innerhalb des Teams, wir waren nicht fokussiert, jeder machte dem anderen Vorwürfe. Nina kam mit dem Vorschlag, wir könnten doch die Zeit während der Pause auch nutzen, um über das Ziel für die nächste Runde zu sprechen. Das hat uns sofort eingeleuchtet.»

Nina Zweifel erkannte die negative Dynamik, die Schuldzuweisungen, den mangelhaften Teamspirit. «Ich tat nichts Magisches, ich machte einfach den Vorschlag, nach vorn zu schauen, statt sich gegenseitig Vorwürfe zu machen.» Die Rechnung ging auf: Die fünf jungen Athleten rauften sich zusammen und konnten ihre individuelle Klasse auch im Team ausspielen. Der Titel war gesichert. Ganz am Anfang von Nina Zweifels Intervention stand übrigens der angestrebte Zeitgewinn für die Diskussion: Die gemeinsame Pinkelpause.

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