Andrea Zogg spricht den Raben Abraxas in «Di chli Häx».
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«‹Di chli Häx› geht zu Herzen»

Der Schweizer Schauspieler Andrea Zogg spricht in der Dialektfassung von «Di chli Häx» den Raben Abraxas. Warum ihm der Rabe ein vertrautes Tier ist und wie er trotz Magenverstimmung brillieren konnte, erzählt er im Interview.

Andrea Zogg, Sie sprechen den Raben Abraxas in der Dialektfassung von «Di chli Häx». Haben Sie sich vor den Aufnahmen speziell mit diesem Tier befasst?

Nein, nicht speziell für «Di chli Häx». Aber ich inszenierte vor einiger Zeit das Stück «Zweifel», das mit den Titel «Doubt» übrigens auch verfilmt wurde mit Meryl Streep und Philip Seymour Hoffmann. In diesem Stück kommt der Rabe als wichtiges Symbol vor. Damals habe ich mich sehr intensiv damit beschäftigt.

Wie viel in der Rolle des Abraxas ist Andrea Zogg und wie stark passten Sie sich dem Raben an?

Das war für mich natürlich die grosse Frage! Ich machte einen gewissen Raben-Ton, sprach etwas mehr durch die Nase. Die Basis ist aber meine Stimme, die ich nicht komplett verstellte.

Andrea Zogg, Schweizer Schauspieler, spricht «Abraxas» im Kinderfilm «Di chli Häx».
Andrea Zogg: «Ich machte für Abraxas einen gewissen Raben-Ton, sprach etwas mehr durch die Nase.»

Ist reine Synchronisation überhaupt befriedigend für einen Schauspieler?

Ich liebe die Synchronisation, so, wie ich auch Hörspiele liebe! Es geht dabei nur um die Stimme, man kann nicht noch mit einem schönen Gesicht glänzen – was bei mir ja ohnehin schwierig ist (lacht). Wenn ich nur die Stimme als Instrument habe, ist es doppelt schwierig, die Rolle zu füllen. Das finde ich super.

Sind Sie mit Ihrer Performance in «Di chli Häx» zufrieden?

Ja, sehr, vor allem, weil es so wunderbar aufgeht mit meiner Kollegin Fabienne Hadorn. Dabei waren wir nicht mal gemeinsam im Studio. Meine Referenz war der Sprecher Axel Prahl, der die Rolle des Abraxas auf Hochdeutsch sprach. Interessanterweise fanden alle, die deutsche Fassung sei eher taff und die schweizerdeutsche Fassung hätte mehr Herz reingebracht.

Warum ist Ihnen das gelungen? Weil es ein Kinderfilm ist?

Nein, die Geschichte an sich geht zu Herzen. Das Verhältnis der kleinen Hexe zum Raben ist fast geschwisterlich, auf eine schräge Art. Hier brachten wir eine zusätzliche Facette rein, die als herzlicher empfunden wird als das Original.

Sie waren allein im Studio bei den Aufnahmen. War das eine besondere Schwierigkeit?

Ach wissen sie, ein Filmset ist immer total künstlich, egal ob Synchronisation oder Schauspiel. Mein Gegenspieler war in diesem Fall der Regisseur, der mir das nötige Feedback gab und mich anstachelte, das Beste zu geben.

Wie lange dauerte die Synchronisation des Abraxas?

Ich habe die ganze Rolle in zweimal sechs Stunden gesprochen. Aber es war enorm anstrengend. Besonders, weil ich am Abend vor der Synchronisation etwas Falsches ass und furchtbare Bauchschmerzen hatte. Ich habe wirklich gelitten. Aber ich liess mir nichts anmerken.

Herrje! Aber Sie hielten durch?

Ja, ich sagte der Crew erst ganz am Schluss, dass es mir nicht so gut ginge.

Schauspieler Andrea Zogg, «Abraxas», ist bald auf Teleclub zu hören.
«Ich liebe die Synchronisation. Es geht dabei nur um die Stimme.»

Was ist der besondere Charme des Films?

Das Herz des Films ist die Beziehung zwischen dem Raben und der kleinen Hexe. Sie ist oft unterwegs, aber sie kommt immer wieder zurück zum Raben. Der Rabe spielt eine zentrale Rolle in den Film, auch wenn ich nur zwei Tage dafür gearbeitet habe.

Fanden Sie sich zum ersten Mal in einer Synchronisationsrolle für einen Kinderfilm?

Nein, das Thema ist nicht neu für mich. Ich vertonte fürs Radio auf Schweizerdeutsch die Geschichte des Herkules, auch das kindgerecht. Das wurde jahrelang wiederholt, und Generationen von Kindern mussten es sich anhören.

Wurden Sie durch ihre drei Söhne dazu motiviert oder spielte es eine Rolle, dass Sie ursprünglich eine Lehrerausbildung haben?

Die Liebe zu Kindern und die Begeisterung mit und für Kinder etwas zu machen, war sicher da. Aber es war eher Zufall, dass ich die Herkules-Geschichten übersetzte und vertonte.

Worauf springen Kinder in einem Hörspiel oder in einem Kinderfilm an? Eher auf eine saubere Disney-Produktion oder auf die anarchische Pippi Langstrumpf?

Es hat beides seinen Wert. Mir persönlich gefällt das Anarchische und Schräge einer Pippi Langstrumpf eher besser. Aber gegen eine gute Hollywood-Produktion ist auch nichts einzuwenden, auch wenn sie vielleicht etwas braver und perfekter daherkommt.

Kinder sind in einem gewissen Alter ja selbst ziemliche Anarchisten. Sie suchen Grenzen…

… ja, sie haben mindestens zwei Trotzphasen, wie ich am eigenen Leib erfahren musste/durfte.

Überschreitet «Di chli Häx» als Kinderfilm-Figur ebenfalls Grenzen?

Ja, ich glaube schon. Di chli Häx macht immer Sachen, die sie eigentlich nicht sollte.

Muss ein Kinderfilm auch eine moralische Botschaft haben, oder darf er auch einfach wertfrei unterhalten?

Er darf wertfrei unterhalten. Eine Botschaft steckt zwar immer drin. Aber der Film sollte nicht zu moralisch sein und mit dem Zeigefinger wedeln, wie das gewissen Hollywood-Produktionen sicherlich tun. Was wir predigen ist aber ohnehin nicht so wichtig, sondern was wir als Eltern den Kindern vorleben. Erwachsen zu werden ist immer ein zu sich selbst finden. Dies ist nur möglich, wenn man Grenzen überschreiten kann.

«Di Chli Häx» bei Teleclub On Demand

Filmplakat «Di chli Häx»Ab 15.5. ist der Film auf Teleclub On Demand verfügbar. Hier kommen Sie direkt zum Film.

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Ihre Kinder sind heute um die 30. Durften sie früher auch Grenzen überschreiten?

Klar, aber es war schwierig, weil wir sie eher liberal erzogen haben.

Es war für sie schwierig, überhaupt Grenzen zu finden?

Ja, es war nicht so einfach durch diese Watte hindurch auf Widerstand zu stossen.

Gibt es für Sie als Schauspieler einen erkennbaren Unterschied zwischen Filmen für ein erwachsenes Publikum wie zum Beispiel «Tatort» und einem Kinderfilm?

Es gibt für Erwachsene wie für Kinder verschiedene Genres. So ist zum Beispiel «Di chli Häx» etwas völlig anderes als der doch gross aufgemachte «Schellenursli». Aber beides sind sehr gute Kinderfilme.

Kinder haben eine wunderbare Fantasie. Soll ein Kinderfilm Raum lassen für diese Fantasie und sich vor zu vielen Details hüten?

Das ist nicht unbedingt der Punkt. Gut ist, wenn ein Kind denselben Film immer wieder anschauen möchte. Dann lebt es in dieser Welt. Dasselbe gilt übrigens auch für Hörspiele.

Diese dauernden Wiederholungen sind für Erwachsene oft eher irritierend.

Das muss es nicht sein. Es ist für ein Kind enorm wichtig, sich immer wieder in dieselbe Geschichte zu versenken.

Andrea Zogg, Synchronsprecher für «Di chli Häx».
«Die Geschichte der kleinen Hexe an sich geht zu Herzen.»

Was durften Ihre Söhne schauen? Wo lag die Begeisterung?

«König der Löwen» war damals ein Ereignis für sie. Mit der Zeit musste ich mit ihnen «Star Wars» und «Herr der Ringe» im Kino schauen.

Schauten Sie immer mit, auch am Fernseher?

Nein, nicht immer. Aber ich fand es schön, gemeinsam mit meinen Söhnen etwas zu gucken. Andererseits waren wir ehrlich gesagt auch froh, wenn sie mal allein etwas schauten.

Worauf sind Sie abgefahren im Kindesalter? Hatten Ihre Familie überhaupt schon einen Fernseher?

Wir gehörten zu den ersten im Dorf mit einem Fernseher. Die halbe Dorfjugend versammelte sich für eine Folge «Fury», «Lassie» oder «Flipper» in unserer Wohnung. Im Jahr 1969 bekamen wir zum Anlass der Mondlandung einen Farbfernseher. Dummerweise wurde sie allerdings in Schwarzweiss übertragen…

Heute gibt es neben Filmen und Fernsehen noch viele andere Medien für Kinder und Jugendliche. Bräuchte es mehr gute Kinderfilme?

Grundsätzlich müssen wir weiterhin gute Geschichten erzählen…

Egal, in welchem Medium?

Ja, das spielt nicht so eine grosse Rolle. Wenn wir keine Geschichten mehr erzählen, dann ist Sendepause.

Das ist Ihre Passion…

Ganz genau, darum geht es.

Haben Sie noch weitere Kinderfilme in Planung?

Nein, im Moment nicht. Aber die Tochter von Ottfried Preussler, Autor von «Die kleine Hexe» oder «Der Räuber Hotzenplotz» hat ein neues Werk ihres Vaters in dessen Nachlass gefunden. Wer weiss, vielleicht entsteht daraus unser nächstes Kinderfilmprojekt.

 

Andrea Zogg

Andrea Zogg, Jahrgang 1957, wechselte in den 80er-Jahren nach einer Lehrerausbildung ins Schauspielfach und stand auf diversen Bühnen in Deutschland und der Schweiz. Daneben hatte er immer wieder Rollen in Kinofilmen, unter anderen in «Jenatsch», «Reise der Hoffnung», «Sennentuntschi» oder Schellenursli. 1990 spielte er Detektivwachtmeister Reto Carlucci im ersten Schweizer Tatort. In der schweizerdeutschen Fassung von «Di chli Häx» spricht er den Raben Abraxas. Im Juni und Juli 2018 inszeniert er für die Gartenoper Langenthal die Oper «Der Wildschütz». Andrea Zogg ist mit der Autorin und Regisseurin Eva Roselt verheiratet und hat mit ihr drei erwachsene Söhne.

 

Fotos: Daniel Brühlmann

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