Wie die gehörlose Corina Arbenz trotzdem telefonieren kann.
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Die Gebärdensprache galt lange als «Affensprache»

Corina Arbenz ist eine von 10’000 Gehörlosen in der Schweiz. Damit sie sich im Alltag verständigen kann, braucht es Kraft, Geduld und gute Planung. Was Hörende tun können, um von Corina besser verstanden zu werden und warum ihre Mutter nie die Gebärdensprache gelernt hat.

Entschlossen und voller Elan betritt Corina Arbenz die Volg-Filiale in ihrem Wohnort Rifferswil. Schnell sucht sie ihre Lebensmittel zusammen und legt sie in den Einkaufskorb, ehe sie zu der im Quartierladen eingebetteten Poststelle schreitet. Dort benötigt sie Hilfe: Ein Paket soll ins Ausland verschickt werden – wozu Arbenz die richtige Etikette ausdrucken muss. «Guten Tag Frau Arbenz, kann ich Ihnen helfen?», fragt eine Volg-Angestellte. Sie spricht bewusst langsam, artikuliert deutlich, hält Blickkontakt. Arbenz tut es ihr gleich, als sie ihr Anliegen äussert – mit starker Mimik und Gestik. Die Kassiererin versteht Arbenz ohne grosse Probleme und führt sie durchs Menü des Self-Service-Automaten.

Corina Arbenz ist eine von rund 10’000 Personen in der Schweiz, die vollständig gehörlos sind. Bereits alltägliche Situationen können sie vor Herausforderungen stellen. Gerade die direkte, persönliche Kommunikation mit Hörenden erweist sich oft als schwierig – vor allem dann, wenn man sich mit Fremden verständigen möchte: «Mit Leuten, die mich kennen oder die Erfahrung haben im Umgang mit Gehörlosen, funktioniert die Kommunikation auch ohne Gebärdensprache, nur mit Lippenlesen», gebärdet Arbenz im Beisein eines Dolmetschers. «Wenn mein Gesprächspartner aber nicht sauber artikuliert oder keinen Blickkontakt zu mir hält, kann ich ihn nicht verstehen – und er mich vermutlich auch nicht. Womöglich hält er mich wegen meiner Aussprache für eine Ausländerin oder Fremdsprachige. Sich aber gar nicht verstehen, kommt selten vor. Es gibt immer einen Weg.» Auch bei ihrer Mutter muss Corina Arbenz Lippenlesen, denn die beherrscht die Gebärdensprache nicht. Diese war früher selbst in Gehörlosenkreisen umstritten und galt als minderwertige Tiersprache.

Lippenlesen ist auf Dauer anstrengend

Nichtdestotrotz: Gewisse Situationen erschweren Arbenz die Kommunikation. Etwa, wenn ein Arzt bei der Untersuchung einen Mundschutz trägt. Oder in grösseren Gruppen, wo es unmöglich ist, alle Gesprächsteilnehmer immerzu genau zu beobachten. Zwar bleibt als Ultima Ratio noch die Verständigung per Schriftverkehr; doch das dauert lange, ist mühsam – und auch nicht in jeder Situation ohne Weiteres möglich. Selbst das Ablesen ab Mund ist auf Dauer anstrengend: «Nach zwei Stunden brauche ich wirklich eine Pause», hält Arbenz fest. Für komplexe Situationen finanziert die IV Dolmetscherinnen und Dolmetscher – jedoch nur in begrenzter Anzahl. Arbenz muss deshalb stets abwägen, für welche Anlässe sie wirklich auf einen Dolmetscher angewiesen ist. Trotzdem eröffnet ihr der Dienst neue Türen: Dank Dolmetscher seien sogar berufliche und obligatorische Weiterbildungen möglich.

Telefonieren für Schwerhörige und Gehörlose

Seit rund einem Jahr kommen Gebärdensprach-Dolmetscher auch beim Telefonieren zum Einsatz: Im Rahmen der Grundversorgung und als Ergänzung zum Schreibtelefon bieten Swisscom und Procom, die Stiftung Kommunikationshilfen für Hörgeschädigte, gemeinsam den VideoCom-Dienst an. Dank diesem telefonieren Schwerhörige und Gehörlose in Gebärdensprache – auch wenn der Gesprächspartner diese nicht versteht: Die gehörlose Person ruft mit ihrem Smartphone, Tablet oder Videotelefon die VideoCom-Vermittlung von Procom an. Ein/e Dolmetscher/in für Gebärdensprache stellt die gewünschte Verbindung mit einer hörenden Person her. Sind beide Gesprächspartner in der Leitung, übersetzt die Dolmetscherin simultan zu beiden Seiten.

Swisscom setzt sich für Barrierefreiheit ein und bietet einen  barrierefreien Support an.

Mutter versteht keine Gebärdensprache

Nach ihren Einkäufen kehrt Arbenz ins nahegelegene Schwalbenhof B&B ein. Die Inhaberin Clara Scharrenberg kennt sie schon lange, sie verstehen sich auch ohne Gebärdensprache problemlos. Arbenz bestellt Kaffee und Kuchen und nutzt wenig später den VideoCom-Dienst von Swisscom und Procom: Sie wählt die App «MyMMx tc Procom» und wird nach einer kurzen Wartezeit mit einer Gebärdensprach-Dolmetscherin verbunden. Per Handzeichen vermittelt Arbenz ihr die Telefonnummer der Person, mit der sie sprechen möchte. Heute ist es ihre Mutter. Denn diese versteht keine Gebärdensprache. «Früher ist die Erziehung halt anders gewesen», findet Arbenz. «Man empfand die Gebärdensprache noch nicht als gut und wertvoll, sondern eher als minderwertig gegenüber der Lautsprache.» Anfang des 19 Jahrhunderts wurde die Gebärdensprache mit allen Mitteln bekämpft und als Affensprache hingestellt.

Arbenz erzählt von ihrer Kindheit. Sie ist ohne Gehör auf die Welt gekommen – bemerkt haben es ihre Eltern erst später, als sie auch als heranwachsendes Kind nicht auf plötzlichen Lärm reagierte. Sofort riet man ihr zur Gehörlosenschule – die sie jedoch nicht besuchte: Die Familie zog von Brugg nach Unterentfelden, wo es nur noch eine Schwerhörigenschule gab. «Doch im Gegensatz zu Gehörlosen nehmen Schwerhörige Geräusche und bestimmte Töne noch wahr, wenn auch sehr schlecht», erklärt Arbenz. «So versuchte man mir ein bisschen Lautsprache beizubringen – was für mich als Gehörlose aber eine harte Prozedur war. Die Gebärdensprache habe ich erst mit 14, 15 Jahren gelernt – und habe begonnen, alles zum Thema Gehörlosigkeit wie ein Schwamm aufzusaugen.»

Dekorationsgestalterin, Schauspielerin, Pädagogin

So schloss die gelernte Dekorationsgestalterin auch die Prüfung zur Gebärdensprachlehrerin ab und wirkt als Schauspielerin in Theaterstücken mit, in denen ihre und andere Behinderungen thematisiert werden. Heute arbeitet sie als Lehrerin für Kunst und Gestaltung und als Heilpädagogin – mit hörenden Kindern. «Die Kinder, mit denen ich arbeite, wurden auf meine Gehörlosigkeit vorbereitet – sie sind manchmal und zum Glück auch viel offener und neugieriger als Erwachsene», stellt Arbenz mit Freude fest. «Genau das liebe ich an meiner Arbeit.»

Die gehörlose Corina Arbenz macht sich mit Mimik und Gestik verständlich.
Corina Arbenz setzt sich für die Akzeptanz von Gehörlosen in der Schweiz ein.

Neuere Kommunikationstechnologien wie Facetime, vor allem aber auch der VideoCom-Dienst, erleichtern Arbenz’ Alltag: Ihr steht nicht mehr nur die E-Mail zur Verfügung – was gerade dann praktisch ist, wenn Arbenz auf eine schnelle Antwort angewiesen ist. Nichtdestotrotz hält sie fest: «Viele Leute sind noch nicht sensibilisiert auf das Thema Gehörlosigkeit.» Arbenz, die mit einem hörenden Mann verheiratet ist und eine hörende wie auch eine gehörlose Tochter hat, fühlt sich hier in der Pflicht: «Für mich bedeutet das, dass ich die Ärmel hochkrempeln und noch mehr Aufklärungsarbeit leisten muss, um mehr Barrierefreiheit im Alltag zu erreichen», hält sie entschlossen fest. «Mit meinem Mann und meinen Kindern kann ich für andere Familien als gutes Beispiel vorangehen und zeigen: Wir sind eine bilinguale Familie – und es funktioniert.»

Vier Fakten zu Gebärdensprache und Gehörlosigkeit

Gebärdensprache ist keine Zeichensprache

Die Gebärdensprache ist eine eigene Sprache, so wie Deutsch, Französisch oder Italienisch. Zum Sprechen werden nicht einzelne Zeichen gemacht, sondern die Gebärdensprache beinhaltet ein eigenes sprachliches System. Beispielsweise wird der Satz «Die Katze springt auf den Tisch» durch die drei Gebärden «Tisch», «Katze» und «springt» dargestellt.

Die Gebärdensprache ist von Land zu Land unterschiedlich

Die Gebärdensprache ist keine künstlich erfundene, sondern eine natürlich gewachsene Sprache. Viele Gebärden sind ein Abbild dessen, wie etwas aussieht oder was für etwas «typisch ist». Das aber ist von Land zu Land unterschiedlich – und somit auch die Gebärdensprache.

Gehörlose Menschen sind nicht «taubstumm»

Einige gehörlose Menschen bezeichnen sich selbst aufgrund ihrer tiefen Resthörigkeit als «taub»; jedoch können alle sprechen, da der Sprechapparat im Normalfall nicht beeinträchtigt ist.

Man kann mit Gehörlosen «normal» sprechen

Hörende Menschen, die keine Gebärdensprache kennen, können in den meisten Fällen ganz normal mit gehörlosen Menschen sprechen. Wichtig dabei: Schauen Sie Ihr Gegenüber an, sprechen Sie Hochdeutsch und deutlicher als sonst (aber nicht lauter!). Die gehörlose Person wird Sie anhand Ihrer Lippenbewegungen «verstehen».

 

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