Die Schweizer Drohnenbuster
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Die Schweizer Drohnenbuster

Gut zu wissen …

Schlagzeilen: Im Jahr 2015 erschlägt eine abstürzende Drohne vor laufender Kamera beinahe den Skirennfahrer Marcel Hirscher.Weltmarkt: Laut «Swissquote» wird der weltweite Markt für Drohnen bis elf Kilogramm bis ins Jahr 2020 auf rund 12 Milliarden Schweizer Franken wachsen.«2000+»: Weltweit gibt es mehr als 2000 Drohnenmodelle, rund 30 Modelle davon stammen aus der Schweiz – was weniger als 2 Prozent entspricht.Verkaufshit: In der Schweiz wurden im Jahr 2016 sieben Mal mehr Drohnen verkauft als 2014.Himmelsstürmer: In der Schweiz fliegen mehrere zehntausend Drohnen. Genaue Zahlen gibt es mangels Registrierungspflicht nicht.Kollisionsgefahr: Im April 2016 kollidierte eine Drohne mit einem Airbus A320 der British Airways über London Heathrow.

Jörg Rothweiler (Text), Markus Lamprecht (Fotos), Jonas Weibel (Film), 10. Mai 2017

Radarstrahlen durchforschen die Luft, hochsensible Mikrofone lauschen nach dem leisesten Sirren, zwei Augen starren gebannt auf zwei in einem stoss- und wasserdichten Koffer installierte Bildschirme. Plötzlich erscheint ein roter Punkt. Er kriecht, einem Glühwürmchen gleich, langsam über die elektronische Landkarte. «Da ist eine!», ruft der Operator. Sein Kollege schnappt den «Sky Cleaner», ein Gerät, das unwillkürlich an die «Ghostbusters»-Filme denken lässt, und bringt ihn in Anschlag. Er scannt anhand der Angaben des Operators den Himmel durch die Zieloptik. «Da! Ich hab sie!», sagt er – und drückt den Abzug. 

Doch kein Knall durchdringt die Luft, kein Pulverdampf stiebt auf. Stattdessen enteilt dem Sky Cleaner ein zielgerichtetes Störsignal. Völlig unspektakulär – aber wirkungsvoll. «Sie kommt runter. Noch 20 Meter. Noch 10 Meter. Grounding!», frohlockt der Operator. Die Gefahr ist gebannt.

 

Entdeckt der Operator eine Drohne, erfasst er sein Ziel mit dem Sky Cleaner und drückt den Abzug.

Hightech aus der Schweiz

Was nach Science Fiction tönt, ist dank Schweizer Hightech Realität. Mit der von der in Cham domizilierten Meritis AG entwickelten Technologie werden Drohnen gejagt – und bei Bedarf «zur Strecke gebracht». Anwendung findet das System, das Behörden vorbehalten ist, laut Meritis-CEO Marcel Thoma «punktuell in der Schweiz, vor allem aber im Nahen Osten». Dort nämlich, so Thoma, sei das Bewusstsein für die von Drohnen ausgehenden Gefahren «deutlich ausgeprägter als hierzulande. Nicht zuletzt, weil die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) immer öfter mit Sprengsätzen bestückte Drohnen einsetzt.»

«Die Awareness für die Möglichkeit terroristischer Angriffe mithilfe von Drohnen fehlt in der Schweiz bisher leider komplett.»Marcel Thoma, CEO von Meritis

Kundenauftrag aus dem Mittleren Osten

Es war ein Auftrag aus jener Region, der Thoma und sein zehnköpfiges Team vor rund vier Jahren veranlasste, ein Anti-Drohnen-System zu entwickeln. «Wir integrierten dazu existierende sowie selbst entwickelte Hardware mit einer eigenen Software zu einem modularen System. Damit können wir No-Flight-Zonen einrichten sowie Drohnen detektieren und zur Landung zwingen», erklärt Thoma.

«Das System findet punktuell Anwendung in der Schweiz, vor allem aber im Nahen Osten»: Meritis-CEO Marcel Thoma.

Und so funktioniert das Ganze: Um die meist kleinen, tief fliegenden und überwiegend aus Plastik gebauten Drohnen erfassen zu können, kommt ein hochsensibles, mit speziellen Algorithmen arbeitendes Radarsystem zum Einsatz. Ergänzt werden kann es mit Akustikdetektoren sowie optischen Sensoren (Kameras, Range Finder, Infrarot und Night Vision). Je nach Auslegung können Drohnen auf bis zu vier Kilometer Distanz detektiert werden. Position, Flughöhe und -richtung sowie Geschwindigkeit werden – zusammen mit einem optionalen Kamerabild – auf dem portablen Kommandopult angezeigt.

Abfangen durch reaktives Jamming

Wurde eine Drohne erfasst, stört (jammt) das System deren Funkverbindung. Bei Verlust ihres Funksignals bleiben Drohnen meist stehen – oder sie drehen ab und versuchen, zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Ist die Drohne über geeignetem (menschenleerem) Gelände angekommen, wird auch ihr GPS-Signal gestört. «Die meisten Drohnen aktivieren dann das Notlandesystem. Oder sie bleiben stehen und sinken ab, sobald ihre Energiereserven schwinden», erklärt Thoma. Die Koordinaten werden an das Bodenpersonal übermittelt, das die Drohne lokalisiert und gegebenenfalls entschärft. Das gesamte Flugprotokoll kann für die Staatsanwaltschaft ausgelesen und damit eine allfällige Verletzung von Flugverbotszonen bewiesen werden.

«Drohnen nur detektieren zu können, ist weitgehend nutzlos. Entscheidend ist, dass man sie auch unschädlich machen kann.»Marcel Thoma, CEO von Meritis


Klar definierte Gebiete vor Drohnen schützen: Der Operator unterwegs mit dem antennenbestückten Rucksack und der «Funk-Kanone».

Modular, stationär, mobil oder portabel

Der Sky Cleaner, dessen Operator mit dem antennenbestückten Rucksack (ca. 18 kg) und der «Funk-Kanone» an eine Filmfigur à la «Ghostbusters» erinnert, wird zum temporären Schutz eines kleinen, übersichtlichen Areals genutzt. Für grössere Areale oder längere Einsätze (z.B. Open-Air-Konzerte, Kongresse) kommt das mobile, in einem Anhänger untergebrachte System zum Einsatz. Stationär installiert, schützt das System ganze Industrieanlagen oder Flughäfen. «Unser bisher grösstes System garantiert eine 5 mal 6 Kilometer grosse No-Flight-Zone», verrät Marcel Thoma.

Der Clou: Polizeifunk, Tetranet, Wifi und GSM funktionieren trotz der 24 Stunden lang aktivierten Drohnenabwehr. Auch können Drohnen des Besitzers die Arealgrenzen aus der Luft sichern, andere Drohnen aber nicht einfliegen. Möglich macht dies die reaktive Funktechnologie. «Wir detektieren die Funksignale in Echtzeit und stören exakt die Frequenzen, auf denen die Drohne funkt», erklärt Thoma. «Daher funktioniert das Jamming auch, wenn die Drohne mit verschlüsselten Funksignalen arbeitet. Zugleich sind die gebündelten Störsignale viel stärker als bei nicht reaktiven Systemen, die ihre Leistung über ein ganzes Frequenzband verteilen.»

«Die Gefahren durch Drohnen reichen von Industriespionage über Schmuggel bis hin zu Terrorattacken.»Marcel Thoma, CEO von Meritis

Ein Multi-Milliarden-Markt

Im noch jungen Geschäftsfeld, das laut «MarketsandMarkets» bis 2022 rund 1,4 Milliarden Dollar schwer sein soll, bekommt es das Schweizer KMU vermehrt mit Schwergewichten zu tun. Konzerne wie Boeing, Airbus, Lockheed Martin, Israel Aerospace Industries oder Rheinmetall arbeiten an Drohnenabwehrsystemen. Im deutsch-österreichischen AMBOS-Projekt, dotiert mit 2,9 Millionen Euro für zwei Jahre, kooperieren Polizeibehörden und Rüstungsfirmen unter dem Lead des Fraunhofer Instituts. Und die Deutsche Telekom will bald eine Drohnenabwehr «as a service» anbieten.

Im Vordergrund steht dabei die Erkenntnis, dass Drohnen immer öfter den Luftverkehr gefährden, Politiker und Wirtschaftsbosse abhören und sensible Infrastrukturen ausspähen oder Drogen und Waffen über Gefängnismauern und Grenzen transportieren. Bestückt mit Schusswaffen, Sprengstoff oder anderen Kampfstoffen, können sie in Händen von Terroristen überdies zur tödlichen Waffe werden. All dies zu verhindern, ist das Ziel der Schweizer Drohnenbuster um Marcel Thoma.

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5 Kommentare zu “Die Schweizer Drohnenbuster

  1. Die tolle Technik , einschließlich Atombomben rennt menschlichen Verhaltensweisen davon.Das Grauen wenn auf eine Zukunft in tausenden von Jahren denkt für den Erdball. Jetzt werden schon Spielzeuge missbraucht .

  2. „Was nach Science Fiction tönt…“ Mir dreht es den Magen um, wenn ich in einem Bericht das Wort „tönt“ lese. Man sollte den Schreiberling in die Schule zurück schicken.

    1. Ach je, Schweizer Hochdeutsch eben. Da tönt es statt zu klingen. Ist ja nicht so dramatisch. Es wird ja auch gehornt statt gehupt.

  3. Solange sie es nur mit Kaufhausdrohnen zu tun haben… Selfmades werden sie nicht so leicht vom Himmel holen. Wer fliegen kann, braucht kein GPS und auch keinen Autopiloten.

    1. Es ist noch viel besser. Denn wenn die einen solchen Copter runter holen (weil möglicherweise das RC-Signal gestört wird) und der den Failsave nicht richtig eingestellt hat (was jemand mit bösen Absichten wohl absichtlich nicht macht) geht das Ding ab und womöglich mit max. Geschwindigkeit in die nächste Menschenmenge…

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