Müssen sich Lehrpersonen fürchten?
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Müssen sich Lehrpersonen fürchten?

Medienkompetenz-Experte

 

Michael In Albon ist Leiter «Schulen ans Internet» und Jugendmedienschutz-Beauftragter bei Swisscom. Er verantwortet das Programm der Swisscom-Medienkurse, bei denen jährlich über 25’000 Personen teilnehmen. Informationen zu Medienerziehung bei Swisscom gibt es unter Medienstark.

Michael In Albon, 20. Dezember 2017

Kürzlich liess sich Prof. Dr. Mario Andreotti, Kantonsschullehrer und Dozent an der Universität St. Gallen, im «St. Galler Tagblatt» als Kritiker der Digitalisierung im Bildungswesen vernehmen. Mit seinen Ansichten schüttet er jedoch das Kind mit dem Bade aus. Dr. Andreotti lehnt Digitalisierung ab, weil er sie über ihre Risiken definiert. Er vergisst, wie relevant die Digitalisierung für uns alle ist.

Glauben Sie mir, weder ist die ICT im Klassenzimmer noch die Digitalisierung in der Schule angekommen. 

Bildungswüste im Klassenzimmer

Ganz bestimmt kommt eine grosse Veränderung auf die Bildungslandschaft zu. Auch wenn der Bund und die Kantone fast zehn Jahre lang dachten, in der Schule sei «ICT» doch seit dem damaligen Förderprogramm «Schule im Netz» abgehakt. Mission erfüllt? Nein: Die Swisscom-Initiative «Schulen ans Internet» ist das einzige Programm, das bereits damals lanciert wurde und auch heute noch existiert. Und glauben Sie mir, weder ist die ICT im Klassenzimmer noch die Digitalisierung in der Schule angekommen.

Klare Strategie verfolgen

Unterrichtet man mit der Unterstützung von digitalen Instrumenten, ändert sich einiges, anderes jedoch bleibt gleich. Diese Herausforderung meistert eine Schulleitung, wenn sie nur diejenige ICT einführt, die das Leben der Lehrpersonen erleichtert oder die Qualität des Unterrichts befördert. Die Herausforderung jeder einzelnen Lehrperson demgegenüber ist es, die eigenen ICT-Skills zu verbessern. Zu meinen, es würde wieder einfacher, wäre ein folgenreicher Trugschluss. Gleichzeitig gilt es, beständig nach nützlichen Tools Ausschau zu halten.

Es wird nie so sein, dass Lehrpersonen wie Supervisoren zwischen den Schülerinnen und Schülern umhertingeln und Ratschläge erteilen wie «Du musst die Datei soundso formatieren» oder als Techniker fungieren mit «Ja, dann musst du zuerst ein Update machen». Einen solchen ICT-Einsatz wünschen wir uns alle nicht: Denn dann hätten wir die ICT in den Vordergrund gestellt und nicht das Lernen und die Beziehung zwischen Schülern und Lehrern.

Mein Schwiegervater war in den 70er-Jahren Lehrer – und er erzählt noch heute, dass es damals eine Ehre war, «der Herr Lehrer» zu sein. 

Fehlender Respekt ist nicht digital

Es stehe um den Lehrerberuf und -bestand auch immer schlechter, moniert Dr. Andreotti weiter und behauptet gar, indem man die Lehrpersonen zu Digital-Coachs degradiere, werde es noch schwieriger, neue talentierte Lehrkräfte zu finden. Aber liegt hier wirklich der Grund für den Lehrermangel? Nein, er ist andernorts zu suchen. Zwei Beispiele: So ist einmal die Ausbildung viel aufwändiger als früher. Gleichzeitig ist die gesellschaftliche Stellung eines Lehrers gesunken. Mein Schwiegervater war in den 70er-Jahren Lehrer in einer kleinen Berggemeinde – und er erzählt noch heute, dass es damals eine Ehre war, «der Herr Lehrer» zu sein. Heute sind die gleichen Berufsleute schuld, wenn Söhnchen nicht grüsst und Töchterchen dem Abwart den Stinkefinger zeigt. Die Lehrpersonen werden von uns Eltern für fast alles verantwortlich gemacht, was mit unseren Kindern nicht stimmt. Nur: Mit ICT hat das nichts zu tun.

Ausweg: Medienkompetenz stärken!

 

Wo liegt nun der Ausweg? Wir müssen «Schule» neu definieren. Das heisst nicht, dass alles Bestehende keinen Wert mehr hat und wir nur noch das Neue (am besten blinkende, piepsende) für gut befinden. Ich breche eine Lanze für einen forschen und kritischen Medieneinsatz in jedem Klassenzimmer der Schweiz. Denn ich habe wie jeder andere Vater auch ein enormes Interesse daran, dass meine Kinder in der neuen Welt, die auf sie zukommt, selbstbewusst und kompetent navigieren können.

 

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