Die moderne Weihnachtsgeschichte
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Die moderne Weihnachtsgeschichte

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.Der Autorin auf Facebook folgen

Kathrin Buholzer (Text), Milan Hofstetter (Illustration), 19. Dezember 2017

Maria seufzte und schaute zum wiederholten Mal auf ihr Smartphone. «Hey Siri, wie lange noch bis Bethlehem?» «Die aktuelle Verkehrslage Richtung Bethlehem ist dicht. Es sind viele Menschen unterwegs, ihr wisst ja, Volkszählung und so.»

«Der Esel bräuchte auch so langsam Mal eine Pause», ging es Josef durch den Kopf. Seit Stunden waren sie jetzt unterwegs, doch zum Glück hatte er gestern noch rasch ein Hotel gebucht. Doch leider war keine Buchungsbestätigung eingegangen, und das beunruhigte ihn doch ein bisschen.

«Sie haben ihr Ziel erreicht!»

«Endlich, noch rasch ein bisschen Netflix gucken und danach ins warme, weiche Bett fallen.»Maria

Die Ankündigung von Siri liess die Beiden erleichtert aufatmen. «Endlich, noch rasch ein bisschen Netflix gucken und danach ins warme, weiche Bett fallen», Maria lächelte bei diesem Gedanken und schmiegte ihren Kopf an Josefs Schulter.

Doch die Freude war nur von kurzer Dauer. «Wir haben keine Buchung von euch, und freien Platz haben wir schon gar nicht!», brummte der Wirt mürrisch. «Sorry, ich kann euch kein Zimmer mehr anbieten. Versuchts mal mit Airbnb, ein paar Strassen weiter. Dort hat es eine kleine Bude mit ein bisschen Stroh. Besser als nix. Ich gebe euch mein Wifi-Passwort, dann könnt ihr gleich von hier aus eure Buchung machen.»

Maria war den Tränen nahe. Sie hatte sich so auf einen gemütlichen TV-Abend gefreut. Ausserdem wollte sie sich in den verschiedenen Facebook-Mama-Gruppen doch auch noch ein bisschen Rat holen, so kurz vor der Geburt. Sie hatte sich nämlich extra ein paar ganz pfiffige Fragen aufgeschrieben, die sie der Community (der sie erst vor wenigen Tagen beigetreten ist) stellen wollte:

«Wie war denn eure Geburt? War’s schlimm?»

«Würdet ihr das Kind impfen lassen?»

«Weiss jemand, was diese Flecken auf dem Bauch sein könnten?»

«Das gibt in der Bewertung dann nur 2 Sterne. Nicht mal einen Kühlschrank gibt es hier, und das Wifi ist eine Katastrophe.»Josef

Es blieb ihnen aber nichts Anderes übrig: Sie mussten weiterziehen und hoffen, dass es wenigstens mit der zweiten Unterkunft klappt. Na ja, grad ein Luxusresort war es ja nicht, eher ein Stall. «Das gibt in der Bewertung dann nur 2 Sterne» maulte Josef. «Nicht mal einen Kühlschrank gibt es hier, und das Wifi ist eine Katastrophe.»

Wenigstens hatte der Besitzer den Ochsen und den Esel dagelassen. Obwohl es etwas streng roch, spendeten die Tiere doch ein bisschen Wärme. Denn das war auch bitter nötig. Maria bekam nämlich in der Nacht ihren ersten Sohn. Sie hatte schon Angst, dass es nicht mal mehr für ein Selfie mit ihrem Neugeborenen reichen würde, denn ihr Akku war nach der langen Wanderung leer. Aber Josef hatte zum Glück einen Ersatz-Akku dabei und so konnte die glückliche Familie ihren ersten Schnappschuss mit ihrem Jungen direkt auf Facebook und Instagram posten. Unzählige Likes waren ihnen gewiss, denn jeder weiss: Kinderbilder funktionieren immer!

In der Nähe lagen die Hirten auf ihren Feldern. Sie erhielten als Erste die Push-Nachricht mit der frohen Botschaft. Es war aber nicht die einzige. Alle zehn Minuten erschien die gleiche Ankündigung nun auf ihren Handys.

Melchior liess Weihrauch, die Myrrhe und das Gold direkt zum Pick-up-Point ganz in der Nähe des Stalls liefern.

Bei den Heiligen drei Königen ging es etwas ruhiger zu und her. Sie hatten ihre Push-Nachrichten ausgeschaltet, um die Kamele nicht zu erschrecken. Und Balthasar sei Dank! Er hatte nämlich ein paar Tage vorher bereits die App mit dem Sternen-Navi runtergeladen. Damit fanden sie den Weg zum Airbnb-Stall ganz leicht.

Melchior hatte sich um den Weihrauch, die Myrrhe und das Gold gekümmert. Bestellt hat er die Geschenke zum Glück schon vor ein paar Wochen bei Wish. Er liess die Sachen direkt zum Pick-up-Point ganz in der Nähe liefern. Wirklich sehr clever, der Bursche. Denn wer sitzt schon gerne auf einem Kamel und muss dabei auch noch eine schwere Kiste auf den Schultern schleppen? Eben.

Spotify spielte in dieser Nacht die allerschönsten Harfenklänge, die Hirten luden ein YouTube-Video mit dem Titel: «Die 10 schönsten Weihnachtsgeschenke» hoch, die Könige posteten vor lauter Freude noch ein paar Musical.ly und verbrachten die halbe Nacht im Gruppenchat.

Maria und Josef änderten ihren Facebookstatus zu «Eltern und gründeten ein neues Facebook-Grüpplein mit dem Namen «O du Fröhliche!»

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