Emmentaler «Game-Stars»
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Emmentaler «Game-Stars»

Anderen beim Gamen zuschauen kann spannender sein, als selber zu spielen. Zumindest dann, wenn jemand hervorragend spielt und dies unterhaltend rüberbringt – so wie das Schweizer Gamer-Duo «Swiss Angry Noobs».

Das Reh steht seelenruhig mitten auf der Strasse, mustert den abendlichen Besucher und stakst durch den knietiefen Schnee zum nahen Waldrand. Einige Dutzend Meter weiter ein stattliches Bauernhaus, gemütlich leuchten die Fenster durch das heftige Schneetreiben. Hier, mitten im Emmental, oberhalb von Langnau, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, wohnt einer der erfolgreichsten Twitch-Streamer der Schweiz.

Auf der Online-Plattform Twitch spielt jemand ein Computergame, während ihm andere dabei zuschauen. Allerdings live, nicht aufgezeichnet wie auf Youtube.Es ist bezeichnend, dass Florian Gerber alias SwissMowglie – so sein Nickname – ausgerechnet an einem Ort wohnt, der auch die Kulisse eines Gotthelf-Films abgeben könnte. Seine Zuschauer setzen sich regelmässig Montag und Mittwoch um 19.30 Uhr («mehr oder weniger pünktlich») vor den PC und schauen SwissMowglie und seinem Partner NoBiggie beim Gamen («mehr oder weniger gut») zu. Tatsächlich, so wie früher, als man noch kein zeitversetztes Fernsehen hatte und pünktlich um 20 Uhr für die Tagesschau vor dem TV sitzen musste.

Die Zuschauer sind viel mehr als die herkömmlichen Claqueure, die im Fernsehen auf Befehl applaudieren. Sie sind Teil der aktiven Community.

Schweizweite Community

Ein Anachronismus, der einschlägt: Die Streaming-Plattform Twitch wurde 2014 für eine knappe Milliarde Dollar von Amazon übernommen und wächst stark: Allein von 2015 auf 2016 wuchs der Streamingdienst um rund 20 Prozent. Insgesamt verbrauchten die Zuschauer 2016 nicht weniger als 292 Milliarden Minuten mit Livestreams von Twitch. Hauptkonkurrent Youtube wurde nervös und bietet heute ebenfalls Livestreams an. Im Gegenzug offeriert Twitch einen Teil der Streams heute auch als aufgezeichnete Videos. Einen wichtigen Unterschied gibt es allerdings zur guten alten TV-Sendung: Die Zuschauer sind ein äusserst aktiver Teil des Events. Per (schriftlichem) Chat sind sie live dazugeschaltet, kommentieren das Spielgeschehen («mehr oder weniger kritisch») und plaudern auch mal miteinander, ohne sich gross um das Spielgeschehen zu kümmern. Die Zuschauer sind viel mehr als die herkömmlichen Claqueure, die im Fernsehen auf Befehl applaudieren. Sie sind Teil der aktiven Community.

In der Schweiz steckt das Phänomen Twitch noch in den Kinderschuhen. SwissMowglie und NoBiggie starteten vor gut einem Jahr als «Swiss Angry Noobs» mit dem Ziel, 15 Zuschauer gleichzeitig auf ihrem Kanal zu haben. Heute sind es regelmässig zwischen 40 und 60. «Pro Session haben wir so insgesamt rund 200 Zuschauer», erklärt Florian Gerber. Gut 2000 registrierte Fans verzeichnet das Duo auf Twitch. Damit gehören sie bereits zu den Grossen im Land. Sie treten konsequent als Duo auf, was praktisch einmalig in der Szene ist. «Wir kennen uns seit der Schulzeit», erzählt NoBiggie, der heute in Bern wohnt. «Wir verstehen uns fast blindlings, auch beim Gamen und eben auf Twitch. Da braucht es keine grosse Abstimmung mehr, was den Job natürlich einfacher macht.»

Authentische Hobby-Gamer

Viel mehr Zuschauer zu erreichen, dürfte aber schwierig werden. Das Haupthindernis: Die beiden Berner übertragen ihren Live-Stream in Berndeutsch. Das schränkt ein, ist aber egal: «Wir wollen authentisch sein. In Hochdeutsch oder gar Englisch wäre uns das nicht möglich», betont Gerber. Authentisch – das ist das gewollte Gegenprogramm zu vielen Youtubern: Dort ist nichts live, das meiste inszeniert. Gerber bringt es auf den Punkt: «Youtube, das ist Generation Facebook. Alles wird 20 Mal aufgenommen und das Beste dann veröffentlicht. Man stellt sich immer besser dar, als man eigentlich ist.»

Das haben die «Swiss Angry Noobs» nicht nötig. Oder besser noch: Ihre Fehler, ihre durchaus echten Wutanfälle – «Baby Rage», so Gerber – und ihre partielle Unfähigkeit gehören zu ihrem Image, das die Zuschauer lieben. Sie sind richtig lustig in ihrer entspannten Art, mit dem eigenen Versagen im Game umzugehen. Aber sie sind auch hoch professionell – und auf den zweiten Blick ziemlich ehrgeizig. Ein Blick ins Aufnahmestudio zeigt: Hier sind nicht einfach zwei Hobby-Dilettanten am Werk.

Mit optimalem Equipment und viel Enthusiasmus

Vier Bildschirme, professionelle Beleuchtung und ebensolche Mikrofone, massenhaft Hardware mit vielen Knöpfen, mehrere Tastaturen: SwissMowglie und NoBiggie machen keine halben Sachen. Hard- und Software, da brennt vor allem Florian Gerbers Leidenschaft. Es muss funktionieren, alles muss perfekt sein. Sein Geld verdient er in der Medizinaltechnik, als Aussendienstmitarbeiter. «Den ganzen Tag schnörre und Auto fahren», wie er meint. Aber eben auch: Hoch seriös, kompetent und professionell in einem sehr anspruchsvollen Umfeld.

Florian Gerber alias SwissMowglie.

«Die Streamerei ist ein extrem zeitraubendes Hobby», erzählt Gerber. Zweimal pro Woche an die drei Stunden öffentlich spielen. Die Vorbereitung nimmt jedes Mal eine knappe Stunde in Anspruch – «je nach dem, ob Windows noch ein Update einspielt». Weiterbildung und ständig sich anpassende Software-Anforderungen fressen ebenfalls Zeit. Ohne Leidenschaft geht’s nicht. Und auch nicht ohne die sehr verständnisvolle Ehefrau, die ja eigentlich mit der ganzen Sache nicht viel anfangen kann. «Es ist anstrengend, macht aber auch extrem viel Spass», betont NoBiggie, der nicht mit seinem richtigen Namen erwähnt werden will. Etwas Privatsphäre muss sein. Der Spass sei aber ausschlaggebend, die Freude am Spielen steht bei ihm klar im Vordergrund.

«Das Alter fordert seinen Tribut, die Reflexe werden schlechter und wir können heute nicht mehr mit den Besten mithalten.»Florian Gerber alias SwissMowglie

«Tschouuu zäme, wie geits»? Die «Swiss Angry Noobs» sind auf Sendung. 15 Fans warten bereits in der Lobby. SwissMowglie und NoBiggie begrüssen alle Zuschauer alle beim Namen, streuen Spässe ein, plaudern mit dem Chat, der sich schnell mit Einträgen füllt. Gleichzeitig spielen die beiden «Overwatch», einen rasend schnellen Shooter. Die beiden sind hoch konzentriert im Game, verlieren aber nie den Chat und ihre Zuschauer aus den Augen. Spitzensport!

Pannen gehören dazu

«Früher waren wir richtig gut», erinnert sich Florian Gerber. Computergames waren für die beiden heute 36-Jährigen ab dem Jahr 2000 ein Thema, damals noch «Rainbow Six» und später dann die «Battlefield»-Reihe. «Das Alter fordert seinen Tribut, die Reflexe werden schlechter und wir können heute nicht mehr mit den Besten mithalten.» Das ist auch gar nicht nötig. Die Community liebt die beiden Emmentaler Zocker so, wie sie sind. Nicht perfekt, aber mit der nötigen Portion Humor und Selbstironie. Eine wohltuende Alternative zur Generation Facebook. Geht mal was schief, wird gemeinsam gelacht. Pannen gehören zum Programm. Einmal, erzählt Gerber mit einem Augenzwinkern, sei seine Frau in die zum Aufnahmestudio umfunktionierte Umkleidekabine gekommen und habe sich umgezogen. Vor laufender Kamera. «Chräbeli, wir sind auf Sendung». Nix passiert, da noch kein Zuschauer mitgeschaut hätten.

Eigentlich hätte zumindest für Florian Gerber nach drei Monaten Schluss sein sollen mit Twitch. «Ich wollte vor allem NoBiggie lancieren, er ist der geborene Streamer». Aber jetzt – nach mehr als einem Jahr, sind die beiden noch immer auf Sendung. «So lange es uns und vor allem den Zuschauern Spass macht, machen wir weiter», meint NoBiggie grinsend. Das kann also noch dauern.

 

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