Erstes Museum für digitale Kunst
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Erstes Museum für digitale Kunst

David Sarasin (Text), Markus Lamprecht (Fotos), 4. März 2016

Beim Eintritt ins neue Museum gibt’s zuerst eine Überraschung: Die Anzeigetafel, die bis vor ein paar Wochen im Hauptbahnhof Zürich ratterte und den Passanten die Abfahrtszeiten bekannt gab, breitet sich hier in ihrer ganzen Länge aus. Wie passt diese analoge Tafel ins Museum of Digital Arts (MuDA), das erst eben im Erdgeschoss des Herdern-Hochhauses der Migros in Zürich West eingezogen ist?

«Die Kunst liegt im Code.»Christian Etter, MuDA-Gründer und Kurator

Erst ein zweiter Blick gibt eine mögliche Antwort: Die Tafel zeigt keine Abfahrtszeiten an, sondern Muster, die sich über ihre ganze Länge ziehen. Die Wechsel der Anzeige werden begleitet vom bekannten Rauschen, das klingt wie von hundert Flügelschlägen. Wiederholungen sind auch nach zwanzigminütiger Sichtung keine zu erkennen.

Die ehemaligen Anzeigetafeln verführen die Besucher in eine farbige Welt.

«Mein Team und ich haben drei Monate gebraucht, um das Protokoll dieser Anlage zu hacken», sagt Christian Etter, Gründer und Kurator des neuen Museums. Und fügt an: «Die Kunst liegt im Code.» Dies ist die zweite Antwort auf die Frage, wie dieses Gerät ins Museum für digitale Kunst passt.

 

Nutzlos, aber schön

Ähnliches ist auch bei den anderen Installationen der aktuellen Ausstellung des Schweizer Künstlerduos Gysin-Vanetti zu beobachten: LED-Anzeigen von Postautos, die wechselnde Formen präsentieren, oder Preisschilder von Tankstellen, so aneinandergereiht, dass wellenartig Muster hin- und herschlagen. «Wir möchten die Dinge aus dem Zusammenhang reissen und ihnen eine neue Bedeutung geben, sagt Etter.

«Die Schönheit liegt gerade darin, dass die Dinge in unserem Museum keinem Ökonomisierungsprozess untergeordnet sind.»Christian Etter, MuDA-Gründer und Kurator

Es ist kein Zufall, dass der Begriff «Muda» im Japanischen für eine Tätigkeit steht, die zwar Ressourcen verbraucht, aber keinerlei Nutzen hervorbringt. Was Grosskonzerne wie Toyota bei ihrer Arbeit aktiv vermeiden, kommt Etter gerade recht. «Die Schönheit liegt doch gerade darin, dass die Dinge in unserem Museum keinem Ökonomisierungsprozess untergeordnet sind», sagt er. «Sie sind nutzlos, aber schön». Man darf ihm beim weiteren Rundgang durch das schlicht eingerichtete und mit von Etter designten Möbeln ausgestattete Museum recht geben.

Neuer Hotspot für digitale Kunst

Warum überhaupt ein Museum für digitale Kunst? Etter sieht im Bereich der digitalen Kunst ein grosses, noch teilweise brachliegendes Potenzial. In London habe er Ausstellungen mit digitaler Kunst besucht, die aber nie an einem einzigen, bestimmten Ort stattgefunden haben, sondern von Museum zu Museum wechselten. Das wollte er ändern und hat dafür die Konzepterin Caroline Hirt mit ins Boot geholt, die sich um die Umsetzung kümmerte.

Die beiden Treibkräfte hinter dem MuDA: Christian Etter, MuDA-Gründer und Kurator, und Caroline Hirt, Konzepterin. (Photo: MuDA)

Und warum Zürich? Hier ist Etter geboren und hierhin kam er nach zahlreichen Anstellungen als Werber in Mailand, als Regisseur von interaktiven Filmen in London und als Entwicklungshelfer in Südamerika zurück. Hier hat er das Etter Studio gegründet, mit dem er unter anderem Games wie «Drei» und «Plug & Play» entwickelte – und damit weltweit Erfolge feierte. In Zürich lebt er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern.

Im Clinch mit der Stadtverwaltung

«Mit den Zürcher Behörden war es nicht immer ganz leicht», sagt Etter. Nur dank des finanziellen Entgegenkommens der Migros-Genossenschaft konnten Etter und sein Team das Museum an dieser Stelle realisieren. Mit dem Denkmalschutz oder dem Amt für Baubewilligungen lag er einige Zeit im Clinch. Diese hätten das Projekt so lange hinausgezögert, dass es kurz vor dem Scheitern stand.

Doch eben nur beinahe. Nach einigen Verzögerungen und dank eines Aufrufs via Crowdfunding hat das MuDA Mitte Februar seine Türen geöffnet. Der Ansturm war derart gross, dass die Macher die Eröffnungsfeier auf zwei Tage ausweiten mussten. Man könnte deshalb zum Schluss kommen, dass Zürich, ja die Schweiz, auf ein Museum für digitale Kunst gewartet hat. Oder vielleicht waren die Gäste auch einfach nur glücklich darüber, die alte Anzeigentafel noch einmal rattern hören zu können.

Das MuDA befindet sich im Erdgeschoss des Herdern-Hochhauses der Migros in Zürich West. (Photo: MuDA)

«Das MuDA soll für jedermann ein Genuss sein, egal ob die Besucher Laien, Ingenieure, Künstler oder Kinder sind.» Besonders für Letztgenannte wünscht sich Etter, dass sie im Museum die Möglichkeiten des Digitalen entdecken und vielleicht selber einen damit zusammenhängenden Beruf einschlagen.

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