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Es war einmal eine Taxcard…

Seit 1981 ermöglicht die Taxcard das Telefonieren ohne Kleingeld in Telefonkabinen. Das Verschwinden der öffentlichen Telefone ist aber bald auch das Aus für die Taxcard, Zeugin einer Epoche, in der Mobiltelefone ein Luxus waren. Erich Stettler erweist ihr die letzte Ehre.

Erich Stettler, pensionierter Grafiker, blättert mit Juri Jaquemet, Kurator des Museums für Kommunikation in Bern, nostalgisch durch seine Taxcard-Sammlung. Die älteren Exemplare ziert nur das schlichte PTT-Kreuz auf einem dunkelroten Hintergrund. Im Verlauf der Jahre werden deren Motive jedoch immer bunter und origineller.

Während 28 Jahren treuer Dienste, zuerst für die PTT und später für Swisscom, hat Erich Stettler unzählige Taxcard-Serien mitgestaltet. Die allerletzten Taxcards aus dem Sommer 2017 wurden Swisscom TV und der Medienerziehungs-Initiative «Medienstark» gewidmet. Zwischen 1981 und 2017 entstanden hunderte von Sujets für die Karten.

Die digitale Wende

Die erste Generation von Taxcards funktionierte noch mit einem optischen System der Firma Landis & Gyr. Ab 1996 wurden sie aber mit einem elektronischen Chip ausgestattet. Die digitale Wende erlebte Erich Stettler allerdings schon in den Achtzigerjahren. Als er 1989 seine Karriere bei der PTT startete, wurde er unter anderem mit der Digitalisierung der Telefonnetzpläne beauftragt, die bis anhin noch auf dem Reissbrett gezeichnet wurden: «Als ich begann, mit dem Computer zu arbeiten, habe ich verstanden, dass ich ab diesem Moment täglich etwas Neues lernen würde.»

«Als ich begann, mit dem Computer zu arbeiten, habe ich verstanden, dass ich ab diesem Moment täglich etwas Neues lernen würde.» Erich Stettler, pensionierter Grafiker

Mit den jungen Kollegen konnte er technisch immer mithalten: «Ich gehörte zu den Grafikern, die sofort auf den Zug der Digitalisierung aufgesprungen sind. Meine jüngeren Kollegen schätzten meine Erfahrung und meine Ruhe. Wenn es technische Probleme gab, war meine Strategie, eine kurze Denkpause einzulegen.»

Entwicklung der Taxcard-Gestaltung

Der Rentner erzählt, es sei nicht immer einfach gewesen, die richtigen Bilder für das kompakte Format zu finden. Der Platzhalter für den elektronischen Chip erschwerte die Aufgabe zusätzlich: «Am Anfang hatten wir grosse Freiheiten bei der Gestaltung der Taxcards. Aber mit der Zeit hat die Marketingabteilung das Potenzial der Karten für die Vermittlung von Marken- und Dienstleistungsbotschaften erkannt.»

In diesem Zusammenhang erinnert sich Erich Stettler an eine kleine Anekdote. Für eine Karten-Serie über Sendemasten fehlte ein Foto der Anlage auf dem Bantiger in der Nähe von Bern. Ein Arbeitskollege entschied, die Installation selber zu fotografieren. «Einige Monate später haben wir einen Brief der Bauernfamilie bekommen, deren Hof auf der Karte vor dem Sendeturm abgebildet war», so Stettler. «Sie beklagte sich, wir hätten ihren Hof auf der Taxcard ohne ihre Bewilligung gezeigt. Wir haben ihr verschiedene Exemplare aus fünf Taxcard-Serien geschenkt und so konnten wir den Streit gütlich lösen.»

Taxcard aus der Serie über Swisscom-Sendemasten: Die Familie, die im abgebildeten Bauernhof lebte, war über das gewählte Sujet sehr überrascht.

Der Standpunkt des Kurators

Wie es Juri Jaquemet hervorhebt, beziehen sich die Sujets der Taxcards nicht zwingend auf die Telekommunikation: «Mit ihren farbigen Motiven sind die Taxcards wie Briefmarken ein Spiegel ihrer Zeit.» Zu den Inspirationsquellen gehören Geschichte, Kultur, Sport, Umwelt, Technik und vieles mehr.

«Mit ihren farbigen Motiven sind die Taxcards wie Briefmarken ein Spiegel ihrer Zeit.»Juri Jaquemet, Kurator des Museums für Kommunikation in Bern

«In unserer neuen Dauerausstellung wollen wir zeigen, wie sich das Zusammenspiel zwischen Mensch und Technik im Laufe der Zeit entwickelt hat», fügt Jaquemet hinzu. Während der Kurator auf der Suche nach Exponaten ist, deren Abnutzungspuren Geschichten erzählen, begehren Sammler genau das Gegenteil, nämlich intakte Sammlerstücke (siehe unten Interview mit Taxcard-Sammler Jean-Bernard Mani).

Eine ungebrauchte Taxcard aus den Achtzigerjahren: Von Sammlern sehr begehrt. Sie funktionierte noch mit einem analogen optischen System. (Foto: Museum für Kommunikation, Bern)
Jean-Bernard Mani sammelt Telefonkarten und im Besonderen Taxcards seit dem Ende der Neunzigerjahre. (Foto: J.-B. Mani)

Drei Fragen an Jean-Bernard Mani: Leidenschaftlicher Taxcard-Sammler

Aus Israel, Thailand, Brasilien, Frankreich, Spanien, Deutschland, Griechenland und sogar aus Russland: Auf dem Höhepunkt seines Sammelfiebers tauschte Jean-Bernard Mani Telefonkarten mit der ganzen Welt aus. Um den Handel zwischen Sammlern zu erleichtern, rief er sogar die Website taxcard.org ins Leben.

Wie entstand Ihre Leidenschaft für das Sammeln von Taxcards?

Als ich Ende der Neunzigerjahre im Rahmen der internationalen Genfer Telekom-Messe eine Sonderausgabe der Taxcards entdeckte. Ich hatte gerade das Rauchen aufgegeben und eine Swatch-Uhrensammlung angefangen. So habe ich mich entschieden zusätzlich Telefonkarten, Briefmarken und Comics zu sammeln.

Welches ist das wertvollste Exemplar Ihrer Sammlung?

Die wertvollste Taxcard ist eine gewöhnliche Karte, die man 1988 am Postschalter kaufen konnte. Sie ist rot und mit 20 Franken Guthaben aufgeladen. Sie ist die begehrteste Karte, weil es davon nur noch ganz wenige Exemplare in perfektem Zustand gibt!

Kann man heute noch eine solche Sammlung anfangen?

Ja, das ist möglich. Es gibt ca. 250 verschieden Bilder auf den Chipkarten. Abgesehen von ein paar seltenen Exemplaren, die sehr teuer gehandelt werden, kann man eine Sammlung anlegen, ohne sich zu ruinieren.

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2 Kommentare zu “Es war einmal eine Taxcard…

  1. Schöner Beitrag mit peinlichem Hintergrund.
    An meinem Arbeitsplatz habe ich Kugelschreiber mit der Werbung:
    „Die POSTCARD zum telefonieren.“ Anfänglich war das telefonieren nur mit der Taxcard oder Münz möglich. Dann wurde das Telefonieren mit der Postcard möglich. Irgendwann wurde diese Möglichkeit wieder ausgeschaltet. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Kassierstationen auch keine Münzeinwurfschlitze mehr. Ich wollte oft in einer Telefonkabine telefonieren, hatte aber kein passendes Zahlungsmittel dabei. So hatte es Swisscom geschafft mit einer Zahlungsmittel ohne Verbreitung die Benutzerzahlen der öffentlichen Telefonkabinen runter zu fahren und hat sich aus der Pflicht gestohlen, diesen Service Public weiter zu betreiben.

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