Heidi im Game-Wunderland
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Heidi im Game-Wunderland

Schweizer Game-Entwickler zählen zur internationalen Elite. Die Stiftung Pro Helvetia unterstützt selbstständige Entwickler – unter anderem solche aus der Westschweiz, die sich durch ihr Fachwissen im Bereich Virtual Reality auszeichnen.

Auf dem weltweiten Game-Markt sind die Schweizer Entwickler wenig bekannt, und doch sind sie ein wichtiger Teil der internationalen Szene. Die kleine Familie von selbstständigen Schweizer Videospielentwicklern hat bereits ein paar Rockstars hervorgebracht. Beim Spiel «Farming Simulator», das vom Zürcher Unternehmen Giants entwickelt wurde und bereits in 19. Auflage erschienen ist, können die Spieler einen virtuellen Bauernhof selber führen. Seit der ersten Ausgabe 2008 hat Giants über 15 Millionen Exemplare ihres Simulators verkauft.

Helvetische Stars

Der Zürcher Christian Etter hat zuerst das Puzzlespiel «Dreii» entwickelt, das zu einem weltweiten Hit wurde, und im Anschluss daran das Game «Plug & Play». Ein Demo-Video zu «Plug & Play» des YouTube-Stars Pew Die Pie wurde über 11 Millionen Mal angeschaut.

Demo-Video zu «Plug & Play» des YouTube-Stars Pew Die Pie. Video: YouTube/PewDiePie.

«Die Schweiz war unter den Letzten, die auf den Zug der Videospiele aufgesprungen sind. Heute zählt sie jedoch zu den europäischen, um nicht zu sagen weltweiten Leadern, insbesondere im Bereich der Virtual Reality», freut sich Sylvain Gardel von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.

Die Stiftung Pro Helvetia profiliert sich als Drehscheibe der Videospiel-Entwicklungsszene. Ihre Hauptmission ist es, das Abwandern von Schweizer Entwicklern zu verhindern – manche der ersten Entwickler sahen sich aufgrund eines fehlenden adäquaten Ökosystems gezwungen, auszuwandern.

Diese Abwanderung zu verhindern, ist wichtiger denn je, zumal innerhalb weniger Jahre ein explosionsartiges Wachstum im Game-Sektor beobachtet werden konnte. Im Jahr 2009 gab es in der Schweiz fünf Start-ups in diesem Bereich. Heute sind es rund 80. «Wer in dieser Branche ein gutes Produkt kreiert, hat die Chance, in den weltweiten Markt aufzusteigen – dies zeigt beispielsweise der Erfolg von «Farming Simulator», stellt Sylvain Gardel fest.

Pro Helvetia und die Digitalwelt

Die Stiftung Pro Helvetia, die ausschliesslich durch den Bund finanziert wird, unterstützt und verbreitet Schweizer Kunst und Kultur. Vorwiegend für ihr Engagement für bildende Kunst und Literatur bekannt, setzt sich Pro Helvetia seit 2012 auch für Start-ups ein, die in der digitalen Kunst tätig sind. Die Unterstützung des digitalen Ausdrucks basiert auf einem entsprechenden Wunsch von Parlament und Bundesrat, der in der «Kulturbotschaft» festgehalten wurde.

apelab: Genfer designen virtuelle Welte

Maria Beltrán hat in Genf zusammen mit Emilie Joly das Start-up apelab gegründet. Im Jahr 2014 hat ihr interaktiver Film «IDNA» eine Reihe von internationalen Preisen gewonnen und die Aufmerksamkeit von Apple und Disney auf sich gezogen. Die Entwicklung von apelab erlaubt es den Spielern, in einen futuristischen Krimi aus animierten Bildern einzutauchen. Maria Beltrán dazu: «Die Schweiz kann stolz auf eine lange Tradition von Präzision, Qualität und Design zurückblicken. Diese Qualitäten spielen eine wichtige Rolle bei der lokalen digitalen Entwicklung.»

Ein explodierender Markt

In wirtschaftlicher Hinsicht stellen die Videospiele weltweit bereits einen wichtigeren Markt dar als die Filmindustrie. Laut dem Statistik-Portal Statista erzielte die Filmindustrie 2017 mit Ticketverkäufen einen Umsatz von rund 40 Milliarden Dollar, dazu kommen weitere 20 Milliarden Dollar mit dem Verkauf von DVDs. Die Videospielindustrie hingegen konnte letztes Jahr einen Rekordumsatz von 121,7 Milliarden US-Dollar verzeichnen. Es ist davon auszugehen.

«Unser Ziel ist es, die Schaffung von Produkten in einem Bereich zu fördern, der erst am Anfang seiner Expansion steht. Bereits lässt sich bei neuen Bevölkerungsgruppen, z. B. bei Frauen oder älteren Personen, ein Interesse an Videospielen erkennen. Diese Form der Kultur ist innert weniger Jahre äusserst beliebt geworden», führt Sylvain Gardel weiter aus. Das Fach «Media Design», das Studierenden die Entwicklung von Videospielen beibringt, wird mittlerweile an mehreren Hochschulen in der Schweiz unterrichtet.

Die nächste Revolution: Virtual Reality

Verschiedene Beobachter glauben, dass das Aufkommen von Virtual Reality (VR) einen ähnlich grossen Umbruch wie die Lancierung des iPhones 2007 darstellen wird. Dank spezialisierter Studiengänge wie beispielsweise beim MIRALab an der Universität Genf zeichnen sich Westschweizer Entwickler im VR-Bereich aus.

«Ma vie de courgette» ist ein animierter Spielfilm aus der Westschweiz, von dem es nun auch eine Videospielversion gibt. Bild: apelab

Im Bereich der Virtual Reality hat sich die HEAD (Haute École d’art et de design) in Genf als wahre Talentschmiede herausgestellt. So haben beispielsweise alle vier Mitglieder des Gründungsteams von apelab ihre Ausbildung dort absolviert. Im Oktober 2016 haben sie ein Spiel herausgegeben, das auf dem Schweizer Film «Ma vie de courgette» basiert und bereits an verschiedenen Festivals einen grossen Erfolg verzeichnen konnte. Und 2017 erschien «Break a leg»: «Dieses Spiel versetzt Sie in den Körper eines Zauberers des 19. Jahrhunderts, der Wunder vollbringen muss», verrät Emilie Joly, Gründerin von apelab.

Marc Attalah, Dozent an der Universität Lausanne und Geschäftsführer des Science-Fiction-Museums Maison d’Ailleurs, ist Initiator des Festivals Numerik Games in Yverdon-les-Bains, das inzwischen zum dritten Mal über die Bühne gegangen ist. Dieses Jahr bot die Veranstaltung eine Plattform für 41 unabhängige Westschweizer Entwickler und zog rund 8’500 Besucher an. Ein Erfolg, der typisch ist für den Aufschwung der Videospielbranche. Marc Attalah kommentiert abschliessend: «Es ist an der Zeit, dass die digitale Kultur aus dem Schatten heraustritt.»

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