Hoffnung dank Hightech
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Hoffnung dank Hightech

Michel Fornasier kam ohne rechte Hand zur Welt. Heute trägt er eine bionische Prothese, die mithilfe einer App verschiedene Griffe ausführen kann. Fornasier profitiert von den Möglichkeiten moderner Medizinrobotik – und erlangte dank der künstlichen Hand neues Selbstbewusstsein.

«Als ich die Hand das erste Mal im Fernsehen gesehen habe, bin ich fast vom Sofa gefallen! Ich musste unbedingt so eine haben.» Michel Fornasier strahlt vor Freude und Begeisterung, wenn er von seiner neuen Prothese spricht. Endlich eine, die ihm gefällt – und dank faszinierender Technologie seinen Alltag erleichtert.

 

Michel Fornasiers künstliche Hand kann viel mehr als seine alten Prothesen.

«Meine erste Prothese war extrem schwer, roch nach Plastik – und war öfter in der Legoschachtel als an meinem Arm.»Michel Fornasier, Besitzer einer künstlichen Hand.

Darauf hatte Fornasier lange warten müssen. 1978 kam er ohne rechte Hand auf die Welt. Bereits als Kind erhielt er seine erste Prothese, eine kosmetische ohne jegliche Funktionen: «Sie war extrem schwer, roch nach Plastik – und war öfter in der Legoschachtel als an meinem Arm», erzählt Fornasier scherzend. Die zweite künstliche Hand, die er dann als Erwachsener erhielt, liess sich öffnen und schliessen. Zwar war sie zum Lenken seines Motorrads geeignet, doch sobald er von der Maschine abstieg, habe er die Hand gleich wieder im Rucksack verstaut. Seine neue Prothese unterstützt Michel Fornasier im Alltag deutlich besser – wie genau sehen Sie im Video.

Per App die Prothese programmieren

2014 hat er schliesslich die iLimb Ultra Revolution (siehe Video) erhalten. Diese wurde vom schottischen Unternehmen Touch Bionics entwickelt, das eng mit der Firma Balgrist Tec in Zürich zusammenarbeitete. Die Prothese stellt einen Quantensprung in der Medizinrobotik dar: Dank sechs integrierten Motoren – zwei für den Daumen und je einen pro Finger – kann sie weit mehr als nur eine Griffbewegung. Wie das funktioniert? Sehen Sie selbst:

«Auf ihrer Ober- und Unterseite hat sie je eine Elektrode», erklärt Fornasier. «Die Elektroden registrieren die Muskelimpulse, die ich mit meinem Armstumpf abgebe, und öffnen oder schliessen die Hand.» Die Prothese nimmt drei verschiedene Steuerungsimpulse wahr. Trotzdem sind noch mehr Bewegungen möglich: Mit Hilfe einer Smartphone-App kann Michel Fornasier aus 25 verschiedenen Griffmustern auswählen und seine künstliche Hand programmieren. Zehn Menschen tragen in der Schweiz eine solche Prothese. Der Preis: rund 55’000 Franken.

Unter den Bewegungsmustern befindet sich auch ein Griff mit ausgestrecktem Zeigefinger. Die Geste ist vor allem bei der Arbeit am Computer eine grosse Hilfe: «So habe ich zum Schreiben anstelle eines Fünffingersystems ein Sechsfingersystem», sagt Fornasier. Dankbar ist er auch für den «Handshake»-Griff, den Fornasier vorführt: Die Prothese greift zu, der Händedruck ist fest und fühlt sich sehr natürlich an. Mittlerweile hat Michel Fornasier seine Prothese so adaptiert, wie es für ihn im Alltag passt. Dieses Adaptieren hat anfangs jedoch viel Zeit und Geduld gebraucht. Welche Schwierigkeiten das mit sich gebracht hat, erzählt Michel Fornasier im Video.

Sinneswandel durch Robotik

Fornasier spricht über sein Leben ohne rechte Hand: «Ich wuchs sehr behütet und geborgen auf und wurde von meinen Mitschülern nie gemobbt.» Während des ganzen Gesprächs wirkt er sehr zufrieden. Er sei immer schon ein positiver Mensch gewesen – «auch wenn ich mich schon manchmal fragte, warum gerade mich dieses Schicksal traf.» Vor allem aber wollte Fornasier nicht auffallen – und hat sein Handicap daher immer ein wenig versteckt. Auf Fotos war sein rechter Arm oft unter dem Tisch, oder er wurde etwa durch eine Vase verdeckt – «natürlich ganz zufällig», scherzt Fornasier.

Mit 34 Jahren hatte er die Geheimniskrämerei satt. Er entschloss sich, offen zu seinem Handicap zu stehen und veröffentlichte auf Facebook eines seiner Kindheitsfotos, auf dem sein rechter Arm deutlich zu sehen ist. Etwa gleichzeitig erfuhr er von der iLimb Ultra Revolution.

«Jeder Mensch ist perfekt – mit all seinen Imperfektionen.»Michel Fornasier, Besitzer einer künstlichen Hand.

Als er die künstliche Hand dann erhielt, war dies ein einschneidendes Erlebnis. Die Hand verlieh ihm grosses Selbstvertrauen und trug dazu bei, dass er heute in der Öffentlichkeit über sein Handicap spricht. So wurde er Botschafter der Uni-Klinik Balgrist, und in seiner Freizeit engagiert er sich für Kinder in Entwicklungsländern, die eine körperliche Behinderung haben. Die künstliche Hand hat Michel Fornasier in verschiedenen Situationen geprägt. Im Video erzählt er, inwiefern ihn die Prothese verändert hat.

Cybathlon zeigte die effizientesten Lösungen

Fornasier war auch als Co-Moderator beim Cybathlon 2016 im Eishockeystadion Kloten anwesend: In Disziplinen wie «Geschicklichkeitsparcours mit Armprothesen» oder «Parcours mit motorisierten Rollstühlen» traten «Piloten» aus 16 Teams gegeneinander an, um Alltagsparcours mit Assistenztechnologien zu absolvieren. Für Robert Riener, Professor für sensomotorische Systeme an der ETH Zürich und Initiant des Cybathlon, war die Veranstaltung ein voller Erfolg: «Alle Leute waren begeistert, von den Teams. Das war wirklich bewegend.»

Am Cybathlon waren die einfachsten Hilfsmittel oft die effizientesten. Laut Riener gibt es daher in der Forschung noch viel zu tun: «Zwar hat gerade die Schweiz in der Medizinrobotik die höchste Innovationsdichte», erklärt er. «Aber die Cybathlon-Resultate zeigten, dass die ganze Forschung immer noch in den Anfängen steckt.»

Bei Fornasiers iLimb ist es nicht anders. Den Effekt der Prothese schmälert dies aber nicht: «Natürlich ist die Technologie und der Funktionsumfang beeindruckend. Aber was mir die Hand an Selbstbewusstsein und an therapeutischem Mehrwert gegeben hat, ist viel mehr Wert als 55’000 Franken.» Denn dank der iLimb ist für Fornasier heute klar: «Jeder Mensch ist perfekt – mit all seinen Imperfektionen.»

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