«Ich achte mehr auf den Rasen als auf das Spielgeschehen»
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«Ich achte mehr auf den Rasen als auf das Spielgeschehen»

Marc Studach ist Chef-Greenkeeper beim FC Basel 1893. Die Clubleitung erwartet von ihm, dass Basel den besten Rasen in der Schweiz hat. Wie schafft er das? Bei einem Heimspiel gegen den FC Zürich haben wir ihn 24 Stunden begleitet.

Es ist die 16. Minute im Spiel FC Basel 1893 gegen den FC Zürich im Stadion St. Jakob-Park. Aldo Kalulu sprintet aufs gegnerische Tor, schiesst und trifft knapp daneben. Er rutscht über den Rasen und hinterlässt eine tiefe Furche im Rasen. Die FCB-Fans jubeln. Marc Studach leidet. Er und sein Team haben den Platz stundenlang für das Spiel vorbereitet.

Sechs Stunden vorher. Marc fährt mit seinem Subaru zur Arbeit ins Stadion St. Jakob-Park. Der Himmel über Basel ist grau, es wird jeden Moment zu regnen anfangen, die weitere Prognose ist schlecht. Marc Studach, der Head Greenkeeper des FC Basel 1893, beginnt seinen Einsatz; um 16 Uhr wird das Heimspiel gegen den FC Zürich angepfiffen. Das leere Stadion liegt Marc zu Füssen, der Rasen leuchtet wunderbar grün, obwohl letztes Wochenende beim Spiel gegen den BSC Young Boys der Rasen schon arg strapaziert wurde. Es ist das Ergebnis der unermüdlichen täglichen Arbeit von Marc Studach und seinem Team, seiner Erfahrung und technischer Hilfsmittel. Es gibt viel zu tun bis zum Spiel, Marc macht sich gleich an die Arbeit.

10.10

Marc und Christoph schieben die englischen Spezialmäher aus der Maschinenhalle ins Stadion auf den Rasen. «Sechs Stunden vor dem Spiel mähen wir mit den Hand-Spindelmähern nochmals das Spielfeld – so erreichen wir ein extrem präzises Schnittbild», so Marc. Es sieht aus wie Rasenballett.

10.30

Grosse Ventilatoren und Spezial-Lampen stehen am Spielfeldrand. Diese haben die letzten Stunden das Sonnenlicht und den Wind imitiert, denn im Stadion herrschen spezielle Gegebenheiten und Verhältnisse für den Rasen.

10.55

Nach 45 Minuten sind die 7‘200 Quadratmeter auf genau 24 Millimeter gemäht.  Kurz scheint die Sonne durch die Wolken. Marc und Christoph reinigen die Spindelmäher und versorgen diese.

11.05

Marc rührt die Markierfarbe mit Wasser an. Auch fürs Zeichnen nützt er eine englische Spezialmaschine. Als erstes muss er eine verstopfte Düse reinigen – Handarbeit, Wasser und Druckluft helfen. Handschuhe sind unpraktisch, darum sind Marcs Hände rot vom kalten Wasser. «Dank Lasertechnik macht die Zeichnungsmaschine schnurgerade Linien», sagt Marc. Der 45jährige liebt Arbeiten, bei denen Präzision gefragt ist.

11.30

Beim Platzzeichnen ist Teamwork gefragt – Christoph, der Arbeitskollege von Marc, richtet die Laser aus, Marc schiebt mit ruhiger Hand das Zeichengerät, wobei alle Kreise und Kurven ohne Laser gezeichnet werden.

Marc Studach hat Jahrgang 1973 und arbeitet seit 2011 beim FC Basel 1893. Seit 2014 ist er Chef-Greenkeeper. Der gelernte Metallbauschlosser hat vorher mehrere Jahre als Spengler und Werkhofleiter gearbeitet. Er ist verheiratet und lebt im Laufenthal.

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11.59

Der Platz ist fertig gezeichnet und Marc steckt noch die vier Corner-Pfosten ein. Wasser spritzt ihm entgegen. «Jetzt kann ich das Resultat unserer Arbeit sehen», so Marc.

12.05

Inzwischen sind die zusätzlichen Mitarbeiter vom Stadiondienst zur Arbeit erschienen, die Marc‘s Team heute und morgen unterstützen werden. Er weist sechs von ihnen an, mit Pinzetten-Zangen das vereinzelte Laub, das noch auf dem Spielfeld liegt, einzusammeln. «Aber bitte nicht auf die Linien treten», weist Marc die Mitarbeiter an.
Marc reinigt die Zeichen-Maschine und steckt die Akkus am Ladegerät ein. «Falls es während dem Spiel stark regnet, könnte es sein, dass wir „nachzeichnen“ müssen. Und sollte es zu schneien beginnen, so müssten wir rote Linien zeichnen.»

12.30

Marc zieht sich für den Match um, statt wie sonst grün-braun erscheint er neu in grauer Arbeitskleidung mit dem FCB-Logo.

12.55

Marc holt sein Funkgerät und kontrolliert danach, wie es um die Nässe des Platzes effektiv steht. Auf dem Spielfeld sind sechs Sensoren eingebaut, die permanent die Bodenfeuchtigkeit und Bodentemperatur messen. «Die Spieler und Trainer wünschen den Rasen richtig feucht, weil dann der Ball besser rollt. Doch durch die Nässe steigt auch das Risiko, dass der Rasen krank wird.» Die Werte auf dem Display zeigen ihm an, dass er dank des Regens die Rasentragschicht nass genug ist und heute nicht zusätzlich gewässert werden muss.

13.05

Marc delegiert gewisse Arbeiten an sein Team: Absperrungen aufstellen, Goals positionieren, Werbung auf dem Rasen platzieren. Er kontrolliert am Fernseher in der Werkstatt, ob die Arbeiten entsprechend ausgeführt werden. «Ich bin ein fordernder Chef, ich will vorwärts machen». Nach seinen schönsten Spielen gefragt, meint Marc: «Cool war der UEFA Europa League Final zwischen Sevilla und Liverpool im Mai 2016». Und das schlimmste Spiel? «Vermutlich der Cupfinal FC Sion – FC Neuchatel Xamax, als nach Spielende der Platz gestürmt wurde und ich Tränengas abbekam.» Oder aber auch, als der Rasen zwei Tage vor einem UEFA Champions League-Spiel so krank war, dass wir diesen komplett auswechseln mussten. «Das kostete den Club sehr viel Geld». Ein schönes Kompliment, das man Marc machen kann ist, wenn ihm jemand sagt: «Dein Platz hat dieses Wochenende wieder schön ausgesehen».

13.35

Marc hat die Möglichkeit, via die Stadionkameras von extern einen Blick auf das Spielfeld zu werfen. Das nutzt er ab und zu am Wochenende, um zu prüfen, ob das Spielfeld zusätzlich gewässert werden muss. «Ich bin sehr pingelig, das ist manchmal nicht ganz einfach.»

13.50

Über Funk hört Marc, dass der Extrazug aus Zürich sechs Minuten Verspätung hat. Durch das Fenster der Werkstatt sieht Marc wie Ambulanzen, Feuerwehr, Polizei und auch die Schiedsrichter ins Stadion fahren.

14.15

Marc kontrolliert die beiden Tore im Stadion. Bei einem Goal ist das Netz nicht gut montiert. Er holt einen Torx-Schraubenzieher und fixiert das Netz richtig.

15.00

Eine Stunde vor Matchbeginn

Marc entscheidet, dass die Werbung auf dem Mittelkreis weggeräumt wird, da es im Stadion sehr windig ist. Die Spieler wärmen sich auf; der Rasen wird vom Einspielen bereits strapaziert.

15.30

Eine halbe Stunde vor Matchbeginn

Das Stadion ist inzwischen gut gefüllt, es ist das letzte Heimspiel vor der Winterpause. Die Werbung neben dem Tor wird immer wieder vom Wind weggeblasen. Mit Wasser aus Giesskannen wird versucht, die Teppichteile entsprechend zu beschweren. Marc motiviert seine Leute und weist darauf hin, die beiden Einspiel-Tore wegzuräumen und dabei wieder darauf zu achten, nicht über die frischen Linien zu fahren!

16.08

Die Zürcher Fans werfen Gegenstände aufs Feld, unter anderem eine Banane. Im schlimmsten Fall müssen Mitarbeiter seines Teams die Gegenstände einsammeln. Marc verfolgt jetzt gerade das Spiel auf dem Fernseher in der Werkstatt. Bereits in den ersten Minuten fliegen die Grasbüschel mit Wurzeln und Erde durch die Luft. Marc erträgt solche Szenen schlecht. «Regen ist einer meiner grössten Feinde», meint Marc.

16.16

Aldo Kalulu vom FC Basel rutscht über den Rasen und reisst eine grosse Narbe auf. Marc verzieht das Gesicht, als hätte er körperliche Schmerzen. «Solche Aktionen tun mir für den Rasen weh.» Marc ist noch keine Minute gesessen seit heute Morgen um 10 Uhr; er ist viel zu angespannt.

16.20

Yannick Brecher, der Goalie des FC Zürich, wehrt einen Ball ab und fällt rückwärts ins Tor. «Hoffentlich macht der mir das Netz nicht kaputt», scherzt Marc.

16.39

Das nächste Grasbüschel fliegt, wir verfolgen die Szene in der Nahaufnahme. Marc leidet wegen des Platzes. «Wenn ich Fussballspiele im TV schaue, achte ich meist mehr auf den Rasen, als auf das Spielgeschehen».

16.47

In der Pause überwacht Marc die Leute vom Spielfeldrand aus, die mit einer Rasengabel über den Platz gehen, die eingetretenen Stellen bestmöglich ebnen und die grössten Gras-Erdklumpen einsammeln. «Der Platz hat gelitten», meint Marc nur.

16.50

Zurück in der Werkstatt will Jemand einen Rat für seinen Garten. Ob er einen Rasenroboter anschaffen soll. Marc gibt bereitwillig Auskunft, obwohl er eigentlich überhaupt keine Zeit dafür hat. Doch Marc kann nicht sehr gut Nein sagen.

17.00

Es regnet in Strömen. Marc setzt sich kurz an den Tisch im Pausenraum, isst ein Stück Brot und etwas Salami. Nach wenigen Minuten steht er wieder auf.

17.48

Der FC Basel gewinnt 2:0 gegen den FC Zürich. Marc freut sich über das Resultat. Während für die Spieler, ihre Entourage und die Fans der Spielsonntag zu Ende geht, geht für Marc die Arbeit noch einige Stunden weiter.

18.20

Seine Mitarbeiter, die die Tore vom Spielfeld räumen, werden angewiesen, auf die Netze aufzupassen. «Im Lager haben wir zwar mehrere Ersatznetze, aber diese zu ersetzen, ist sehr aufwändig», so Marc. Und: «Vielleicht wird es als arrogant empfunden, dass ich die anderen arbeiten lasse, aber von mir will dauernd jemand etwas und so könnte ich keine Arbeit fristgerecht erledigen.»

18.25

Das Stadion hat sich geleert. Mitarbeiter des „Rasen-Material-Teams“ stehen mit sechs kleinen Rasenmähern am Spielfeldrand bereit. Marc weist die Kollegen an, „Mäher an Mäher“ über den Rasen zu fahren – jeder Millimeter wird von den Mähern erfasst, jeder Grashalm, jeder Erdklumpen wird eingesaugt – und dies nach jedem Spiel und heute bei strömenden Regen.

18.45

Die Ventilatoren können nicht aus der Garage gefahren werden, weil diese zugeparkt sind. Marc schaut sich diese Sache an und kümmert sich darum.

19.00

Marc gibt seinen Funk ab. Im Vorbeigehen kontrolliert er die Einspieltore nochmals. «Wenn diese runterfallen, könnten sie jemanden treffen.»

19.30

Die grossen Ventilatoren und die Spezial-Lampen stehen wieder auf dem Spielfeld. Es ist alles parat, um morgen früh weiterzuarbeiten. Der Rasen sieht von Weitem aus, als hätte heute kein Fussballspiel darauf stattgefunden. Bei näherer Betrachtung sieht man jedoch die Unebenheiten und die Löcher gut. Da im Winter der Rasen kaum wächst, ist Marc froh um technische Unterstützung. Doch nicht nur die kalte Jahreszeit ist eine Herausforderung für Marc und sein Team. Im Hitzesommer 2018 wurden zeitweise 50 Grad im Stadion gemessen. «Doch man darf nur bewässern, wenn es auch wirklich nötig ist, sonst steigt die Gefahr von Krankheiten. Bei diesem Umstand waren die Sensoren im Boden Gold wert.»

Kurz vor acht hat er alle seine Mitarbeiter nach Hause geschickt. Marc‘s Gesichtsausdruck wirkt entspannt, als er in sein Auto steigt und nach Hause fährt.

6.30

Montag, 10. Dezember

Es ist noch dunkel beim Morgenappell in der Werkstatt. Heute besteht Marc‘s Crew aus Mauro, Christoph, Markus und Carsten. Niemand spricht über das Spiel von gestern; viele Worte verliert Marc sowieso nicht. «Priorität hat heute die Sanierung und Pflege des Hauptspielfeldes», sagt Marc. Daneben haben Marc und sein Team die Verantwortung für sechs weitere Rasen-Felder. Die Stimmung ist gelöst und lustig, es werden Sprüche geklopft.

7.15

Markus verteilt Rasensamen im Torraum und stellt spezielle Zelte auf: Die flachen grauen Wachstumszelte haben integrierte LED-Lampen, eine Bewässerung sowie eine Heizung und Co2 wird noch zugeführt; also alles, was der Rasen braucht, um zu wachsen, auch im Winter. Die beiden Zelte werden alle 24 Stunden umplatziert.

7.20

Es wird langsam hell. Die letzten Rasenlampen werden auf das Spielfeld gefahren. «Als ich im Jahr 2011 angefangen habe, hatte ich nicht einen Bruchteil des Materials, das ich heute habe. Jetzt bin ich einer der bestausgerüstetsten Platzwarte der Schweiz», sagt Marc nicht ohne Stolz.

7.30

Marc holt Rasensamen, eine Spezialmischung extra für den FCB, aus dem Materiallager. «Noch etwas besser als die Standard-Spitzenfussball-Mischungen. Und den Quarzsand, den wir beimischen, haben wir extra grün eingefärbt, damit man ihn von oben nicht so gut sieht», erklärt Marc. Den Spezialdünger bestellt Marc von verschiedenen Herstellern. Marc tüftelt immer wieder an neuen Möglichkeiten, um noch einen besseren Rasen zu bekommen, sei dies in Form von „Vorkeimen“ der Rasensamen oder sonstigen Experimenten. Marc ist zertifizierter Greenkeeper mit Diplom – er absolvierte den Schweizer Lehrgang als einer der ersten in der Schweiz. Er sucht regelmässig den Kontakt zu anderen Stadionverantwortlichen im In- und Ausland. «Diese haben mehr oder weniger die gleichen Probleme wie wir», meint Marc. Auch Vertreter von Saatgutherstellern sind wichtige Ansprechpartner für ihn.

8.00

Neben seinem Team helfen heute noch zusätzlich sechs Stadiondienst-Mitarbeitende mit, den Hauptplatz in Stand zu setzen. Die grössten Löcher werden sternförmig aus dem Platz gestanzt und mit neuen Stücken ersetzt. Etwa 200 Löcher müssen gestopft werden. Diese Grasstücke werden auf einem separaten Platz extra dafür herangezogen.

9.45

Marc und sein Team sitzen im Pausenraum hinter der Werkstatt und geniessen ihr Znüni – in ihrem Reich, zu dem nur Marc und seine Kollegen Zutritt haben. Marc hat sich von zu Hause etwas mitgebracht.

Die Reparatur-Arbeiten auf dem Hauptfeld werden noch einige Stunden dauern. In einigen Tagen, wenn der Platz etwas trockener ist, wird Marc mit einer Spezialmaschine tiefe Löcher in den Rasenstechen, damit Luft an die Wurzeln kommt. «Dann hoffe ich auf Minustemperaturen im zweistelligen Bereich, das hilft am besten, Sauerstoff bis in die Tiefe zu bringen.» Anschliessend ruht der Platz bis Mitte Januar 2019, bevor die nötigen Arbeiten im Hinblick auf den Beginn der Rückrunde der Saison 2018/19 in Angriff genommen werden.

Hauptfeld ist mit 6 unterirdischen IoT-Sensoren vernetzt

Diese batteriebetriebenen Sensoren messen in Echtzeit die Feuchtigkeit und Temperatur im Boden. Alle paar Minuten werden diese Daten über ein neuartiges Funknetz für das Internet der Dinge, dem Low Power Network von Swisscom, durch Stahlbetonwände hindurch an einen Server in den hinter den Tribünen gelegenen Technikraum übertragen. Dort werden alle Daten ausgewertet und lassen sich dann als Dashboard auf einem Tablet, PC oder Smartphone einfach abrufen. So kann Marc auch zu Hause nachschauen, wie es dem Rasen geht. Bedingt durch die unterschiedliche Beschattung der Rasenfläche kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Problemen mit der Bewässerung. Der Rasen war teilweise zu trocken und stellenweise zu nass. Dank des Bodenfeuchte-Monitorings hat Marc nun jederzeit einen besseren Überblick über den Zustand seines Rasens.

Mehr zum Internet of Things von Swisscom

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3 Kommentare zu “«Ich achte mehr auf den Rasen als auf das Spielgeschehen»

  1. Großzügig wird hier mit Dünger gearbeitet. Wäre es ein Landwirt, würde gross ausgerufen wegen Überdüngung
    Und Gewässer Verschmutzung.Kummer

  2. Auch interessant dass beim FCB Greenkeeper beschäftigt werden – wollen wohl lieber Golf spielen – grosse internationale Stadien beschäftigen Groundkeeper …

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