Dargebotene Hand: In seelischer Not per Chat sein Herz ausschütten
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Dargebotene Hand: In seelischer Not per Chat sein Herz ausschütten

«Ich bringe mich jetzt um», muss Aurelia Wyssmann* aushalten können. Sie chattet für die Dargebotene Hand mit Menschen in Ausnahmesituationen. Warum sich immer mehr Jugendliche bei der Nummer 143 melden und was die Vorteile des Chats sind.

Zum Chatten sitzt Aurelia Wyssmann jeweils zuhause am grossen Stubentisch. Heute hat sie frische Maiglöggli gesammelt, diese stehen in einer kleinen Vase neben ihrem Laptop. «Manchmal muss ich die Menschen am Anfang etwas motivieren, zu erzählen. Aber ich habe noch nie erlebt, dass danach nichts kam.» Eher im Gegenteil: «Manchmal schreiben sie als erstes ‘ich bringe mich jetzt um’, das muss ich aushalten können», sagt Aurelia Wyssmann.

Im Chat öffnen sich die Menschen

Im Chat kommen die Menschen sehr schnell zum Kern einer Sache. Vermutlich weil man keine Stimme und kein Bild hat und anonym ist. Die Anonymität des Chats hat weitere Vorteile: Es melden sich mehr Menschen in Akutsituationen als über Telefon, wo man auf eine Stimme trifft und die Scham, über heikle Themen zu sprechen, grösser ist.

Im Chat melden sich zum Beispiel Menschen, die sich von Familienmitgliedern bedroht fühlen: «Bei mir haben sich schon Mitglieder der Zeugen Jehovas oder Frauen gemeldet, die von ihren Vätern oder Stiefvätern geschlagen oder missbraucht werden. Für sie ist der Chat sehr wertvoll, weil sie nicht nachverfolgt werden können», so Aurelia. Aber im Beratungskontext helfe das. Der Chat hat auch für Aurelia gute Seiten: «Die Leute hören mich nicht. Wenn ich mit einem schwierigen Thema konfrontiert werde, kann ich schreiben: ‚Erzählen mir Sie mir davon‘, dann kann ich durchatmen und mich fangen.»

Die Dargebotene Hand hat sich den heutigen Kommunikationsbedürfnissen angepasst. Grafik: Daniel Accola.

Idee stammt aus England

Die Dargebotene Hand, das Schweizer Sorgentelefon, gibt es bereits seit Oktober 1957.  Die Idee stammte aus England: Chad Varah, Pfarrer einer anglikanischen Gemeinde mitten in London, liess 1954 ein Inserat erscheinen, in dem er schrieb: «Bevor Sie sich das Leben nehmen, rufen Sie mich an!».

Seine Idee machte Schule in aller Welt, auch in der Schweiz. Drei Jahre später wurde in Zürich trotz allgemeiner Skepsis die erste Anlaufstelle gegründet. Heute ist die Nummer 143 in 12 Regionalstellen organisiert. Als Haupt-Sponsorin des Verbandes der Dargebotenen Hand unterstützt Swisscom Telefon 143 seit Jahren mit Sachleistungen und Geld.

640 Freiwillige kümmern sich rund um die Uhr um die Beratung von Menschen in Ausnahmesituationen. Die Nachfrage nach solchen Beratungen ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. Die Online-Kontakte wachsen sogar im zweistelligen Bereich.

Vor etwa zwei Jahren hat die Dargebotene Hand deshalb ein eigenes Online-Team aufgebaut. Dazu gehören auch Beraterinnen, die nur Chat- und Mailberatungen machen. Dafür suchte sie Freiwillige mit Erfahrung in der psychosozialen Beratung. Da man keine Stimme und kein Gesicht der Hilfesuchenden hat, müssen die Beratenden zwischen den Zeilen lesen können.

Die Jüngsten sind 11 Jahre alt

Die Themen im Chat sind ähnlich wie jene in der Telefonberatung: Psychische Probleme, Gewalt, Krankheit, Tod, Sexualität oder Suizid. So melden sich beispielsweise junge Menschen, die unheilbar krank sind, und fragen, wie sie ihre Beerdigung gestalten sollen. Oder was nach dem Tod kommt und ob sie noch leiden müssen. Themen, die sie mit ihren Angehörigen nicht besprechen können. «Manchmal fragen die Menschen mich auch, ‘vertragen Sie das’? Dann sage: ‘Dafür bin ich da’. Ich weiss nicht, wo die Gesellschaft ohne uns wäre».

Die Jüngsten im Chat sind etwa 11 Jahre alt, die Ältesten circa 50. «Ich spüre dann jeweils für mich heraus, ob das Alter oder das Geschlecht wichtig sind in diesem Moment. Bei Jugendlichen frage ich teilweise nach und biete das Du an. Oder wenn es um Beziehungen oder Sexualität geht, frage ich nach dem Geschlecht», so Aurelia. Was auffällt: Immer mehr Jugendliche melden sich über die Nummer 143. Für diese wäre auch das Jugendtelefon 147 da. Doch dort müssen sie sich mit einer E-Mailadresse einloggen und es gibt eine Zeitlimite für die Beratungen. «Das ist für viele Jugendliche schon eine zu grosse Hemmschwelle», weiss Aurelia.

Um die Sorgen der Jugendlichen genau zu verstehen, müssen die Berater manchmal zwischen den Zeilen lesen (Grafik: Daniel Accola).

Ein Chat dauert normalerweise 30 bis 45 Minuten. «Es gibt aber auch Situationen, da ist man eine Stunde dran.» Aurelia chattet immer nur mit einer Person gleichzeitig. «Gerade junge Menschen chatten in einem hohen Tempo, so dass man als Berater non-stop dranbleiben muss. In den vier Stunden Dienst braucht es absolute Präsenz und Konzentration.»

Das Schöne im Schlimmen finden

Nach ihren Schichten muss Aurelia den Kopf lüften. Dann geht sie raus zum Joggen oder Spazieren, auch duschen hilft. «Die Themen belasten mich eigentlich nicht. Ich muss jedoch zugeben, dass die Chats mit Kindern oder Jugendlichen etwas anderes mit mir machen, als die Gespräche mit Erwachsenen. Bestimmt, weil ich selber Mutter bin und sich junge Menschen weniger gut selber helfen können», so Aurelia.

Auf die Frage, warum sie diesen Job macht, muss Aurelia nicht lange überlegen. «Ich kann extrem viel lernen, das ich sonst im Leben und bei meiner Arbeit brauchen kann. Und die Menschen sind sehr dankbar. Es sind Themen, die mich berühren. Ich bin ein philosophischer Mensch. Wenn sich ein depressiver oder suizidaler Mensch bei mir meldet und wir dann inmitten des Schlimmen etwas Schönes, eine Qualität, einen Sinn finden – dann ist das erfüllend für mich.»

Jungen Menschen entspricht die Chatberatung. Für sie ist die Online-Hilfe gleich viel Wert wie ein persönliches Gespräch. «Jugendliche machen keinen Unterschied zwischen der virtuellen und der realen Welt. Beide sind für sie gleich wichtig.» Und: «Es erstaunt mich immer wieder, wie viel ich in einer halben Stunde chatten bei Menschen erreichen kann», so Aurelia.

*Aurelia Wyssmann heisst in Wirklichkeit anders, sie hat Erfahrung in psychosozialer Beratung und arbeitet neben der Freiwilligenarbeit in der Berufsbildung von Jugendlichen.

Akut-Hilfe auch für besorgte Eltern zu Medienkompetenz

Das Sorgentelefon 143 der Dargebotenen Hand hilft auch Eltern bei ihren täglichen Herausforderungen in der Medienerziehung. Die Berater haben nicht nur ein offenes Ohr für die Sorgen der Eltern, sondern geben auch erste Ratschläge und Tipps, wie man kurzfristig kritische Situationen entschärft und seinen Kindern langfristig einen bewussten Umgang mit dem Smartphone und den neuen Medien vermittelt.

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2 Kommentare zu “Dargebotene Hand: In seelischer Not per Chat sein Herz ausschütten

  1. Eine wohlwollende Korrektur: Der Satz «In den vier Stunden Dienst braucht absolute Präsenz und Konzentration.» stimmt so nicht. Da fehlt ein «es» («braucht es»).

    Danke für den ansonsten spannenden Beitrag.

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