«Wir hätten nicht gedacht, dass das Ganze so gross wird»
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«Wir hätten nicht gedacht, dass das Ganze so gross wird»

Wie sechs junge Multimediastudierende dank einer Telefonkabine in einem Sommer zu fast professionellen Eventveranstaltern wurden.

Es knackt und pfeift aus den Boxen. Der erste Slam-Poet beschreibt den Alltag einer Rentnerin, das Publikum, eine Mischung aus jungen hippen Bernern und ein paar älteren Paaren ist noch nicht recht warm. Nico sieht angespannt aus und geht Elif am Mischpult zur Hand. Die zwei Multimediastudierenden versuchen den Ton einzustellen, was nicht gelingt. Erst als Nicos Vater eingreift, bekommen sie die Tonstörungen in den Griff. Er kenne sich mit Unterhaltungselektronik aus, sagt mir der Vater von Nico später. Und er habe noch keine Veranstaltung in der Kleinkunstkabühne verpasst.

Von rechts nach links: Nico, Elif, Luana und Nicos Vater: Gemeinsam bekommen sie die Tonstörungen in den Griff.

«Das gesamte Projekt ist nur dank unserem Netzwerk möglich gewesen», sagt Nico. Die kleine Bühne ist eine ausgediente Telefonkabine von Swisscom. Aussen in grellem violett-gelb lackiert, innen blau erleuchtet. Früher wollte man darin möglichst ungestört telefonieren, heute wollen die Künstler darin das Publikum unterhalten. Der heutige Slam Poetry Contest ist bereits die vierte Veranstaltung auf der 1,05 mal 1,05 Meter grossen Bühne in diesem Sommer. Damit der Abend reibungslos abläuft, haben die sechs Initianten alle Arbeiten aufgeteilt: Elif bedient das Mischpult, Alina schiesst Fotos, Juliette und Milena filmen und Nico ist der Springer. Die Rollen wechseln sie an jedem Veranstaltungsabend.

Der Anfang

Angefangen hat alles vor etwa einem halben Jahr, als Milena und Nico bei einem Wettbewerb der Swisscom mitmachten. «Mein erster Gedanke war es, eine Telefonkabinen-Dusche oder -Bibliothek als Idee einzureichen, dann kam mir das Wortspiel Kleinkunstkabühne in den Sinn.» Als er es seinem Umfeld davon erzählte, wurde er zuerst nur komisch angeschaut. «Doch im April haben wir zu sechst die Idee beim Voting eingereicht und innerhalb einer Woche etwa 500 Stimmen für unsere Idee erhalten. Das hat nicht ganz zum Gewinn der Kabine gereicht, dann war aber die Jury derart überzeugt von unserem Projekt, dass wir die Kabine trotzdem erhalten haben», sagt Nico stolz.

Die Kabine

Zuerst freuten sich die sechs einfach über den Gewinn. Ziemlich rasch jedoch begann die Arbeit: als erstes mussten sie ein Fundament für die die 500 Kilogramm schwere Kabine planen. Gebaut hat das Konstrukt Luanas Vater aus Holz, damit das schwere Ding aus Glas und Metall mit dem Pallettrolli verschoben werden kann. Mitte Juli wurde die Kabine in den Hof des PROGR, des Zentrums für Kulturproduktion in Bern, geliefert. «Aus Sicherheitsgründen und damit sie nicht umkippt, mussten wir die Kabine mit einer Eisenkette an einen Baum ketten.» Auch eine Haftpflicht-Versicherung war nötig. Lackiert hat die Kabine ein befreundeter Maler, den Nico noch aus Kindertagen kennt. «Er erledigte die Lackierarbeiten und wir halfen beim Abschleifen».

Kleinkunstkabühne Live
Diese Telefonkabine hat ein zweites Leben erhalten: Das eigens kreierte Logo der Kleinkunstkabühne ziert nun als Leuchtschrift die Telefonkabine im PROGR-Hof.

Auch ein Logo hat Nico in stundenlanger Arbeit kreiert. Dieses prangt nun als violett-gelbe Leuchtschrift auf der Kabine, auf Flyern und auf der Webseite. Gefertigt ist der Schriftzug aus einer alten Calanda-Leuchtwerbung. Auch diese Arbeit hat ein Kollege von Nico übernommen und belastete daher das knappe Budget nicht.

Der Event-Betrieb

Gleichzeitig zum Aufstellen und Gestalten der Kabine mussten Sponsoren gesucht und Flyer gestaltet werden. «Der Aufwand war gegen Schluss doch viel grösser, als wir anfänglich gedacht hätten. Wir arbeiteten die letzten Wochen nonstop am Projekt. Es ist sehr streng und ich hätte gerne wieder einmal Ferien», sagt Milena und sieht mich mit müden Augen an. Seit Wochen geht die Freizeit der Multimediastudierenden für die Gestaltung von Kommunikationsmitteln, Sponsorensuche, Verhandlung mit Künstlern,  das Organisieren und Installieren von Technik, Videodrehs und -bearbeitungen oder die Webseitepflege drauf. Was als Studienprojekt geplant war, ist inzwischen viel mehr geworden. Auch die Suche nach Künstlern gestaltete sich nicht immer einfach – nicht jede Kunst eignet sich für eine Telefonkabine. «Doch viele Künstler freuen sich darauf, in der Kabine aufzutreten, weil es etwas Spezielles ist», fügt Nico an.

Milena ist heute zuständig fürs Filmen, ihre Lieblingsrolle, wie sie mir verrät.

Die Finanzierung

Auch wenn die Projektgruppe dank guten Kontakten vieles ohne Unkosten beziehen konnte, mussten die Flyer gedruckt, Versicherungen bezahlt und Material gekauft oder gemietet werden: «Dafür war Geld nötig, wir sind ja alle Studierende.  Um dies zu beschaffen und Unterstützung zu erhalten, benötigten wir anfänglich ein stichfestes Konzept. Grosse Unterstützung haben wir unter anderem von einem Crowdfunding-Projekt bei We make it erhalten», so Nico.

Zurück in den Hof des PROGR, wo es inzwischen Nacht geworden ist. Nicos Blick ist nach wie vor angespannt und er sieht immer wieder in den Himmel. Ob der Regen doch noch kommt? Inzwischen steht die letzte Künstlerin, Hannah Sophia Reinhard, auf der Bühne. Auf den ersten Blick wirkt sie schüchtern. Doch als sie ihre Worte lautstark und in schönstem Hochdeutsch vorträgt, hört auch der Hinterste und Letzte zu. Sie erhält den tosendsten Applaus und gewinnt damit den Slam-Poetry-Contest.

Hannah Sophia Reinhard aus Roggwil hat schon einige Spoken Word-Wettbewerbe für sich entschieden. Sie gewinnt auch den heutigen Slam Poetry Contest.

Es blieb trocken, der Abend war ein Erfolg, alle sind zufrieden. Doch die sechs Veranstalter sind müde. «Jeder von uns hat sich sicher schon gefragt: Wie viel bin ich noch bereit zu investieren?» Bis zum Ende der Veranstaltungsreihe werden alle mitziehen, da ist sich Nico absolut sicher. Aber wie es nächstes Jahr weitergeht, das steht noch in den Sternen. Die Kabine jedoch, die bleibt ihnen auf jeden Fall erhalten.

Jetzt ist erstmal aufräumen angesagt. Morgen sind wieder Vorlesungen angesagt und sie werden parallel dazu die nächste Veranstaltung vorbereiten müssen. In zwei Wochen tritt eine sechsköpfige Band auf.

Swisscom Publifon-Wettbewerb

Noch stehen sie fast an jeder Ecke, spätestens seit dem Siegeszug des Handys fristen sie jedoch ein einsames Dasein: die Publifon-Telefonkabinen. Laufend werden die letzten verbliebenen Kabinen abgebaut, eine Ära geht zu Ende. Swisscom hat den 10 letzten Telefonkabinen ein zweites Leben ermöglicht und sie darum kreativen Köpfen überlassen. Nico war einer der glücklichen Gewinner.

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