Lügen, dass sich die Balken biegen
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Lügen, dass sich die Balken biegen

Medienkompetenz-Experte

Michael In Albon ist Leiter «Schulen ans Internet» und Jugendmedienschutz-Beauftragter bei Swisscom. Er verantwortet das Programm der Swisscom-Medienkurse, bei denen jährlich über 25’000 Personen teilnehmen. Informationen zu Medienerziehung bei Swisscom gibt es unter Medienstark.

Michael In Albon (Text), 15. März 2018

Durch die virale Verbreitung von Inhalten im Internet und vor allem über die sozialen Netzwerke wachsen Falschmeldungen in eine ganz neue Dimension. Da junge Menschen Plattformen wie Youtube oder Instagram als Informationsquelle nutzen, ist klar: Wir Erwachsenen müssen fit werden im Erkennen von gefälschten Infos, die sich mehr oder weniger gekonnt als News tarnen.

Damit kommt gleich auch die philosophische Frage nach der Wahrheit zutage. Denn es ist nicht einfach – eigentlich unmöglich –, zwischen der Wahrheit und der Lüge zu unterscheiden. Klar: 1 + 1 wird niemals 3 geben, ausser man lügt. Aber man kann 3 als Ergebnis gelten lassen, wenn man unterstellen will, dass die Verbindung zweier Dinge mehr sei als deren Summe. Die Sheldon Coopers unserer Welt werden damit aber immer ihre Mühe haben.

Die Lügen-Schule

Die Schulen können das Ihre dazu beitragen. Lehrpersonen müssen sich überlegen, wie sie mit ihren Schutzbefohlenen darüber reden wollen, was wahr ist. Politische Meinungen können schwerlich in Schwarz und Weiss unterschieden werden. Was nun, wenn eine Lehrperson mit einem Mitte-Rechts-Gemeinderat durchaus zufrieden ist und überzeugt ist, dass die linke Opposition schlicht übertreibt mit den negativen Folgen dieses oder jenes Vorhabens? Wie soll sie – ohne sich zu verdrehen – im Klassenzimmer über Lügenbarone und lange Holznasen sprechen und ihre politische Überzeugung beiseitelegen? Die Wahrheit – so Goethe – liegt im Auge des Betrachters.

Die Wahrheit ist relativ

Somit haben wir also nicht nur die Entscheidung zu treffen, was wahr oder falsch ist, sondern auch noch, wie sich dieser Entscheid in Bezug auf mich deuten lässt. Nicht nur die Unterscheidung von Lüge und Wahrheit, sondern auch ich als Wahrnehmender muss mich hinterfragen. Wenn man der Tatsache, dass Exponenten der Politik in letzter Zeit aus Lügen eine olympische Disziplin machen wollen, etwas Gutes abgewinnen will: Wir üben unser Urteilsvermögen unentwegt. Fast täglich überschwemmen uns Meldungen von diesseits und jenseits des Atlantiks, und fast täglich müssen wir eine Nachricht hinterfragen. Das schärft die Sinne.

Lehrpersonen müssen sich auf eine Ebene begeben, die von den eigenen Überzeugungen entkoppelt ist. Auch das ist freilich schier unmöglich. Geht es um das Gründungsjahr der Zugvögel-Rettungsvereinigung im Diemtigtal, kann ich mich gut davon entheben. Weil es mir egal ist. Aber was, wenn es um etwas geht, woran mir viel liegt?

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Ein Kommentar zu “Lügen, dass sich die Balken biegen

  1. Der Abschnitt „Die Lügen-Schule“ zeigt mir persönlich sehr gut, wo die Prioritäten der linken Medienkompetenz liegen. Da werden die Lügenbarone und langen Holznasen ganz einfach beim politischen Gegnern verortet. Linke Lehrpersonen müss(t)en sich auf eine neutrale Ebene begeben, die von den eigenen Überzeugungen entkoppelt sind. Politische Meinungsbildung gehört aber definitiv nicht zu den Aufgaben unserer Schulen. Bestenfalls vermitteln sie vertieftes Wissen in Kumulieren und Panaschieren, erklären im Staatskundeunterricht die Schweiz und ihre direkte Demokratie. Punkt.

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