Medien im Unterricht: Lehrer müssen nachsitzen
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Medien im Unterricht: Lehrer müssen nachsitzen

Viele Lehrpersonen in der Schweiz wünschen sich mehr Unterstützung und Weiterbildungsangebote für «Medien und Informatik», das zeigt die JAMESfocus-Studie zum Thema «Digitale Medien im Unterricht».

Als ob nicht jeden August schon genug auf Eltern, Kinder und Lehrpersonen zum Schulbeginn niederprasselt, zeigt der JAMESfocus-Bericht zum Einsatz von digitalen Medien in Schweizer Schulzimmern, wie es um die Digitalisierung unserer Volksschulen steht. Vieles, das die Zahlen zeigen, ist ermutigend. Aber so richtig toll sind die Ergebnisse auch nicht.

Fast alle Schulen (93 Prozent) haben Computer für den Einsatz im Unterricht zur Verfügung. In der Romandie ist die Ausstattung sogar noch ein wenig besser als in der Deutschschweiz. Es geben aber auch etwa 20 Prozent der Lehrkräfte an, dass die Infrastruktur an ihrer Schule «schlecht» sei. Und eine schlechte Infrastruktur heisst: keine Infrastruktur.

«Die Zahlen zeigen keinen Zusammenhang zwischen Mediennutzung im Unterricht und Alter der Lehrperson.»

Der Bericht räumt auch mit dem Vorurteil auf, dass ältere Lehrpersonen digitale Medien mehr oder weniger konsequent aus dem Klassenzimmer ausschliessen. Die Zahlen zeigen keinen Zusammenhang zum Alter der Lehrperson. Die eigene Affinität ist hingegen der wichtige Faktor, wie Lehrpersonen diesen Teil der Lebensrealität der Schülerinnen und Schüler integrieren.

Quelle: JAMESfocus – „Digitale Medien im Unterricht“, S.23

Die wichtigste Kritik aus dem Bericht betrifft aber die digitale Fitness der Lehrpersonen. Sie wurden befragt, wo sie sich Unterstützung wünschen oder nötig haben. Dabei zeigt sich ein Bild der Unsicherheit. Ein Drittel der Lehrpersonen fühlen sich nicht fit in technischen Kompetenzen, über ein Drittel ist sich der sozialen und gesellschaftlichen Wirkungen von Medien und Medieninhalten nicht sicher, und fast zwei Drittel wissen nicht, was genau denn im Unterricht zum Einsatz kommen soll.

Einige dieser Fragen können im Rahmen von Weiterbildungsmassnahmen an pädagogischen Hochschulen beantwortet werden, die die Lehrerinnen und Lehrer regelmässig besuchen. Auch wenn sich die Welt der Apps, Devices und Services laufend ändert und sich um die Länge eines Schuljahres foutiert – viele Dinge bleiben über Jahre hinweg quasi unverändert. Hier kann der eher träge Weiterbildungsprozess von pädagogischen Hochschulen mit ihrem fundierten Ansatz Wissen vermitteln, das mittel- und langfristig gültig bleibt. In anderen Bereichen wie dem Angebot von Apps und Services bedarf es einer bedeutend höheren Flexibilität. Einen Kurs zu entwickeln und Lehrmittel zu erarbeiten – das dauert zu lange und noch vor der Drucklegung (sic!) sind die Inhalte bereits überholt.

Muss man sich hier vom gängigen Wissens-Management verabschieden? Zu lernen, welche Apps in welchem Zusammenhang sinnvoll sind, um dann ein halbes Jahr später zu erfahren, dass der Anbieter gar nicht mehr existiert, oder dass es mittlerweile ein noch viel besseres Tool gibt – ist verlorene Zeit. Hier muss man sich auf Orientierungs- und Evaluationswissen beschränken: Nicht mehr «Welche App zu welchem Lernzweck?», sondern «Wie finde ich zu meiner Anforderung rasch und verlässlich eine Auswahl möglicher Apps und Dienste?» muss die Kernfrage sein.

«Eltern sollten nicht von Chaos reden, wenn Fritzchen heute mit dieser und morgen mit jener Vokabel-Lern-App nachhause kommt.»

Dieser Paradigmenwechsel ist in vielerlei Hinsicht herausfordernd. Die Lehrpersonen müssen in einen neuen Modus des kontinuierlichen Up-to-date-Bleibens wechseln. Sie müssen zudem mit der Unsicherheit und Unverbindlichkeit solcher Entscheide umzugehen lernen und brauchen dafür auch die Rückendeckung der Schulleitung. Und auch die Eltern müssen die Flexibilität, die sie bei ihrem eigenen Mediengebrauch längst anwenden, auch für die Schule ihrer Kinder gelten lassen. Und sollen nicht von «Chaos» reden, wenn Fritzchen heute mit dieser und morgen mit jener Vokabel-Lern-App nachhause kommt.

Der aktuelle JAMESfocus-Bericht zeichnet ein Bild einer Bildungslandschaft im Wandel – wir sind mittendrin. Und der Wandel hat es an sich, dass er unstet, unsicher und sich entwickelnd ist. Das ist die digitale Realität.

JAMESfocus – Digitale Medien im Unterricht

Die ausführlichen Ergebnisse der Studie finden Sie online.

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