KEYSTONE/ AP Handout /Ellen DeGeneres/Twitter
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Mein Ich – die Kunstform Selfie

Das berühmteste und am meisten geteilte Selfie stammt von der amerikanischen Entertainerin Ellen de Generes, das sie während der Oscar-Verleihung 2014 mit einigen Stars machte. Obwohl sicher jeder wusste, dass Ellen die Awards moderiert, schien es ihr ein Bedürfnis, dass sie mittels Selfie allen zeigte: «Ich war dabei!» Oder hat ein Selfie etwa noch eine andere Funktion?

Die Kunstform kam mit dem Medium. Indem die Industrie auf die eigentlich irre Idee kam, ein Telefon mit einer Kamera zu vermischen, wurde uns allen die Möglichkeit an die Hand gegeben, zu jeder Tages-und Nachtzeit Fotos von Wichtigem und Eindrücklichem zu machen. Die Selbstverliebten unter uns machten daraus freilich ein «Das Wichtigste und Eindrücklichste – neben mir selbst!». Und schon war es da, das Selfie.

Ein Selfie zeigt mich vor einem Monument, an einer Veranstaltung oder in sonst einer Situation, und ich mache das Foto selbst. Wobei: Viele unter uns wehren sich oft, wenn sie merken, dass eine Linse auf sie gerichtet wird. Selbst-Belichtung scheint aber okayer. Die Kunstform ist sehr verbreitet, mit Instagram und Snapchat hat sie sogar spezifische Plattformen, auf denen man sie teilt. Und Selfies müssen unbedingt geteilt werden, weil ihnen sonst der Sinn verloren geht. So viele Selbstportraits braucht kein Mensch und ich sehe vor dem Eiffelturm ziemlich ähnlich aus, wie in meinem Garten. Nur das Teilen macht das Selfie nicht zu einem Selfie, aber das Teilen macht es wertvoll. Dass andere mich und mein Selfie sehen, ist unabdingbar, genaugleich, wie ein Theaterstück mit Publikum bedeutend mehr Sinn macht.

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Übernimmt es eine Funktion der Selbst-Findung? Entdeckt man sich mit Selfies besser? Erkennt man das, was einen im Innersten zusammenhält? Jugendliche im Netz präsentieren sich nicht selten mit einem alternativen Selbstbild. Sie experimentieren, wie sie auf ihre Freunde wirken, und ändern die Haarfarbe, ihre Kleidung, ihre Bildsprache. So entwickeln sie ihre Persönlichkeit und geben sich ein «Image». Das Selfie ist naheliegend eine Form, die dieses Spiel zulässt. Ohne aufwändige Inszenierung, bei sich zuhause im Kinderzimmer oder auf dem Weg zur Schule. Aber diese Erklärung funktioniert für Pubertierende.

Selfies müssen unbedingt geteilt werden, weil ihnen sonst der Sinn verloren geht.

Michael In Albon

Wieso machen dann erwachsene ausgewachsene und gefestigte Menschen immer noch Selfies? Hier eine Erklärung zu finden, käme einer wilden Spekulation gleich und alles oder nichts ist richtig: Selbstverliebtheit, kommunikativer Übereifer, Protokollierungswahn, sich «junges» Verhalten aneignen, Postkarten-Porto sparen, unauffällig prüfen, ob man noch Essensreste im Bart hat, kontrollieren, ob der Lipgloss nicht zu viel ist.

Sogar Wissenschaft beschäftigt sich mit dem Phänomen

Verschiedene Forschungen haben sich bereits mit diesem Phänomen auseinandergesetzt. Die Amerikanerin Jean M. Twenge nahm in ihrem Buch «Me, My Selfie and I» das Selfie sogar als DAS Merkmal wahr, das uns Alten von den Jungen unterscheidet. Das Selfie hat sich länger überlebt, als es bei Internet-Trends üblicherweise der Fall ist. Und weil es präsent ist in unserem Alltag und nicht wenig Zeit verschlingt, ist es auch sinnvoll, genauer hinzusehen, woher das Selfie kommt, was seine Funktion ist und was es mit uns und der Wahrnehmung von uns macht. Die junge Filmstudentin Ann Ziegler hat ihre Bachelor-Arbeit an der HTW Chur genau diesem Phänomen gewidmet und ich durfte Ihr während der Recherche auch Red und Antwort stehen. In einem Clip bietet sie einen Überblick über ganz viele Aspekte des Phänomens des elektronischen Selbstportraits. Und wären die Aufnahmen mit mir ein Selfie gewesen: Ich hätte ganz bestimmt die Krawatte gerichtet!

 

 

 

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