«Politische Aussagen sind als Sportler ein No-Go»
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«Politische Aussagen sind als Sportler ein No-Go»

Skifahrerin Vivianne Härri und Snowboarder Martin Lässer stehen am Beginn ihrer Sportkarriere. Trotzdem werden sie bereits auf der Strasse erkannt. Warum die beiden nie über Politik reden und von wem sie die wichtigste Lektion zum Auftritt in der Öffentlichkeit gelernt haben.

Im Competec-Logistikzentrum in Willisau herrscht reger Betrieb: Päckchen tuckern auf Förderbändern durchs Erdgeschoss, wo Angestellte ihre Gabelstapler an den Regalen vorbeimanövrieren, Waren transportieren, lagern, sortieren. Ein Stockwerk höher zeichnet sich ein ganz anderes Bild: provisorisch eingerichtete Foto- und Filmstudios, Ski- und Snowboard-Athleten und -Athletinnen, die einzeln oder in Gruppen vor den Kameras posieren, sich unterhalten, herumalbern oder im Renndress und in Skischuhen durch die Hallen sputen. Es ist die Werbewoche von Swiss Ski: In diesen Tagen kommt das Kader des Schweizer Skiverbands zusammen und steht für ihre Sponsoren nochmals vor die Linse, ehe die Saison beginnt.

Vivianne Härri
Vivianne Härri

Unter den Spitzensportlern befinden sich auch Vivianne Härri und Martin Lässer. Sie, 19, Maturandin an der Sportmittelschule Engelberg – und Siegerin der letzten Schweizer Meisterschaft der Alpinen in der Kategorie Kombination.  Er, 20, gelernter Zimmermann – und Sieger der letzten Snowboard-Schweizermeisterschaft in der Kategorie Big Air. Beide sind Teil der Swisscom Snow Talents, das sich speziell an junge, aufstrebende Skifahrer, Snowboarder, Skispringer oder Langläufer richtet. Diese erhalten durch das Sponsoring nicht nur finanzielle Unterstützung: «Es ist das Gesamtpaket, das wirklich cool ist», sagt Vivianne Härri begeistert.

«Wir bekamen auch schon VIP-Tickets für Veranstaltungen, werden Hilfe bei der Gestaltung unserer eigenen Website erhalten und hatten auch eine Schulung, in der wir lernten, uns zu vermarkten». Martin Lässer ergänzt: «Dazu gehörte auch der Umgang mit Social Media. Uns wurde gezeigt, wie man sich präsentieren soll und was es zu beachten gilt, damit man nicht ins Fettnäpfchen tritt.»

Social Media: nicht so stressig, wie man denkt

Bei den beiden Athleten steht vor allem Instagram hoch im Kurs, wo sie regelmässig Beiträge veröffentlichen – sei es privat, oder im Zusammenhang mit ihrer Karriere. Vivianne lacht und gesteht: «Für mich reicht Instagram eigentlich, zumindest privat ist mir nicht danach, noch andere Kanäle zu nutzen.» Eine eigene Website sei aber schon das Ziel – um auch jene zu erreichen, die mit Social Media nur wenig anfangen können. Auch Martin sieht darin Potenzial: «Gerade um neue Sponsoren zu bekommen, ist die eigene Website sicher ein gutes Mittel – aber auch ich habe noch keine.»

Dafür sei es wohl noch etwas zu früh. Doch auch wenn beide noch am Beginn ihrer Karriere stehen: Durch die Aufnahme in die Snow Talents wissen sie bereits, was zum Bekanntsein alles dazugehört. Mails müssen jetzt stets gut formuliert, Richtlinien eingehalten und Instagram-Posts mit den richtigen Hashtags versehen werden. «Das musste ich früher alles nicht so genau machen», hält Vivianne Härri fest. Eine grosse Umgewöhnung sei es – wohl zum Erstaunen ihrer Mutter – aber nicht: «Sie hat manchmal das Gefühl, dass mich all diese Dinge stressen würden. Aber es ist eigentlich kein grosser Aufwand – da ich ja quasi mit Social Media aufgewachsen bin.» Martin Lässer nimmt es ebenfalls gelassen: «Wir machen es ja gerne, daher spielt es eigentlich gar keine Rolle, ob die Betreuung der Social-Media-Kanäle ein grosser Aufwand ist oder nicht.»

Roger Federer: einer der es kann

Martin Lässer
Martin Lässer

Zu dieser Gelassenheit passt auch die Strategie, welche die beiden im Netz und in der Öffentlichkeit fahren: stets natürlich bleiben. Das sei das A und O. Für Martin Lässer versteht sich das von selbst. Ganz zwanglos hält er fest: «Man soll sich doch einfach so zeigen, wie man ist. Wer sich verstellt und versucht, sich mit haufenweise Posts in den Vordergrund zu drängen, nur um Fans zu bekommen, erreicht vermutlich gerade das Gegenteil.»

Vivianne Härri pflichtet dem bei: «Das Publikum hat es doch bestimmt lieber, wenn sie sehen, dass wir auch nur Menschen sind. Ich habe schon viele Rückmeldungen erhalten, dass es am besten rüberkommt, wenn ich natürlich bleibe und gar nicht gross über den Medienzirkus um mich herum nachdenke.» Wer es richtig macht, wissen die beiden Wintersportler ganz genau: Roger Federer. Für beide sei er eine herausragende Persönlichkeit, die bei Interviews stets sympathisch rüberkommt. «Und er ist halt so, wie er ist», betont Martin Lässer nochmals. «Das kommt einfach gut an.»

Nichtsdestotrotz: Als Person des öffentlichen Lebens kann man sich nicht alles erlauben. Von gewissen Themen lässt man lieber die Finger – Vivianne Härri etwa von Politik: «Politische Aussagen sind als Sportler ein No-Go», sagt sie. «Wenn man bekannt ist, sollte man Politisches lieber sein lassen.» Martin Lässer nennt als Beispiel das Treffen zwischen Mesut Özil und Erdogan, Vivanne Härri ergänzt mit der Doppeladler-Affäre. «Mit solchen Botschaften kann man sich wirklich die Karriere versauen», stellt Martin Lässer fest. Viel lieber bleiben die beiden beim Sport – auch auf Social Media.

Surreale Begegnungen auf der Strasse

Schon heute kommt es manchmal vor, dass die beiden Nachwuchstalente auf der Strasse erkannt werden. Für Vivianne Härri sind diese Begegnungen immer noch ein bisschen surreal: «Ich beginne meistens einfach zu lachen, wenn mich jemand anspricht. Für mich ist das nach wie vor ein wenig komisch und ungewohnt. Ich bin ja noch nirgends mit meiner Karriere», sagt die Goldmedaillengewinnerin bescheiden. Martin Lässer zeigt sich da schon selbstbewusster: Ihm habe es schon früher, als er noch turnte, nichts ausgemacht, vor andere Leute zu treten. Und als Snowboarder findet er es cool, diesen Bekanntheitsgrad zu haben. «Es gibt einem schon ein bisschen das Gefühl, dass man es geschafft hat. Das macht mich stolz», gibt er zu.

Doch vor allem sieht er seine Karriere als Chance, andere für seinen Sport zu begeistern. Auch er hatte seine Vorbilder, starke Snowboarder, denen er nacheiferte. «Ich denke, nun kann ich ein Vorbild für andere werden und so das Freestyle-Snowboarden auch ein Stück weit fördern.» Auch Vivianne Härri erkennt, wie wertvoll die Erfahrungen sind, welche die beiden als Sport-Idole und Personen der Öffentlichkeit sammeln werden: «Es geht nicht nur um den Sport oder um unsere Karriere. Der Umgang mit Medien bringt sicher auch in anderen Lebensbereichen etwas.»

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