So bewegt sich Nicolas Altenberger – zwei Szenarien
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So bewegt sich Nicolas Altenberger – zwei Szenarien

Ein Tag im Leben eines mobilen Menschen 2030 könnte einiges anders aussehen als heute. Sicherer, bequemer und unterhaltsamer könnte es werden. Oder umweltfreundlicher, vielseitiger und langsamer. Zwei nicht unmögliche Szenarien.

Ich habe mich in den letzten Wochen intensiv mit der Mobilität der Zukunft auseinandergesetzt. Ausländische Studien habe ich gelesen, aber auch Fachliteratur des Bundesamts für Strassen. Aus meinem angelesenen Wissen habe ich einen Tag im Leben eines mobilen Menschen im Jahr 2030 skizziert. Ein längeres Gespräch mit Thomas Sauter, Mobilitätsexperte und Studiengangleiter „Verkehrssysteme“ an der ZHAW School of Engineering, hat mich nachhaltig beeindruckt. Danach habe ich zwei Szenarien skizziert: Im einen läuft die Mobilität komplett über selbstfahrende Autos, im zweiten werden verschiedene Mobilitätslösungen kombiniert.

Szenario 1: Die Strassen gehören selbstfahrenden Autos

Nicolas Altenberger ist 35 Jahre alt und wohnt in der Agglomeration von Zürich, vielleicht in Bassersdorf. Heute muss er zu einem Kunden ins toggenburgische Ebnat-Kappel. Er checkt via App, ob sein bevorzugtes Pool-Auto verfügbar ist. Per Fernsteuerung ordert er das Auto zu seinem Haus. Dank Plug-in ist das Auto trotz kalten Aussentemperaturen angenehm vorgeheizt. Mit seinem Mobiltelefon schliesst er den Wagen auf. Auf dem Weg zur Arbeit nimmt er an einer Telefonkonferenz teil, sein Auto fährt derweil selber. Auf der Autobahn rundum sind nur noch selbstfahrende Autos unterwegs, die in dichten Platoons hintereinanderfahren. Meist sitzt nur eine Person im Wagen. Denn Verkehr ist viel billiger, weil viel effizienter. Nicolas steht, kaum auf der Autobahn, im Stau; das ist leider der Normalfall.

Auf dem Weg zur Arbeit nimmt er an einer Telefonkonferenz teil, sein Auto fährt derweil selber.

Nicolas erreicht Ebnat-Kappel mit zwei Stunden Verspätung, das Auto findet ohne Probleme den Kundenstandort. Nicolas hatte darum viel Zeit, auf der Fahrt das Meeting vorbereiten. Dauernd poppt Werbung auf seinem Handy auf; weil der Verkehr so billig ist, nutzen die Fahrzeuganbieter seine Daten, um ihm gezielt Werbung zuzuspielen. Nach dem Kundengespräch steigt Nicolas in ein vorgeheiztes Auto ein, das ihn zurück nach Zürich zum Hauptstandort seiner Firma bringt. Unterwegs isst er ein Sandwich und erledigt seine E-Mails und Telefonate. In Zürich, mit einer Stunde Verspätung, kann er direkt vor dem Eingang aussteigen, das Fahrzeug sucht sich selbständig einen Parkplatz im Parkhaus.

Auf dem Heimweg entspannt er sich auf dem Rücksitz mit einer Folge seiner Lieblingsserie auf Netflix.

Nicolas sitzt im Grossraumbüro in Zürich. Im Laufe des Nachmittags wird der Lebensmitteleinkauf seines bevorzugten Retailers in sein Auto geliefert, genauso wie Pakete der Post und anderer Lieferanten. Am Abend lässt er das Auto per Fernsteuerung vorfahren – natürlich wieder angenehm vorgeheizt. Auf dem Heimweg entspannt er sich auf dem Rücksitz mit einer Folge seiner Lieblingsserie auf Netflix. Er steht natürlich wieder im Stau. Zwischendurch drängt sich Werbung auf sein Gerät. Zu Hause schliesst er das Auto mit dem Smartphone ab. Dieses fährt selbständig in die Tiefgarage des Pool-Fahrzeug-Anbieters. Morgen will er frei nehmen. In der Pool-Fahrzeug-App sieht er, dass ein schnittiges Sportcabriolet zu haben ist – zum Spottpreis.

Szenario 2: Verschiedene Mobilitätslösungen werden kombiniert

Nicolas Altenberger ist 35 Jahre alt und wohnt in der Agglomeration von Zürich, vielleicht in Bassersdorf. Heute hat er einen Termin mit einem Kunden aus dem toggenburgischen Ebnat-Kappel. Nicolas ist zu Fuss unterwegs in sein bevorzugtes Gemeinschaftsbüro um die Ecke in seinem Quartier in Bassersdorf. Dort hat er die neueste Infrastruktur, um sein Kundenmeeting später per Videokonferenz machen zu können. Das Erlebnis ist fast so gut, wie wenn er da wäre. Durch grosse Glasscheiben hat er einen schönen Blick nach draussen. Rundherum sind viele Menschen zu Fuss, mit Fahrrädern oder mit neuen kleinen, fahrzeugähnlichen Geräten unterwegs. Man sieht elektrifizierte Trottinette, Segways, neue Mikromobile, E-Bikes.

Personenfahrzeuge sind elektrisch, selbstfahrend und geteilt, und es gibt viel weniger Autos.

Bevor Nicolas einkaufen, zur Arbeit, zum Arzt oder auf eine Behörde geht, überlegt er immer, ob es Sinn macht, dort physisch hinzugehen. Oder ob er diese Tätigkeiten auch einfach im virtuellen Raum erledigen könnte. Personenfahrzeuge sind elektrisch, selbstfahrend und geteilt, und es gibt viel weniger Autos. Eine Beispielrechnung für Lissabon hat ergeben, dass man den gesamten Verkehr von heute mit 10 Prozent der Fahrzeuge abwickeln könnte. Darum braucht es keine Parkplätze mehr am Strassenrand. Die frei werdende Fläche wird dem aktiven Verkehr zur Verfügung gestellt. Nicolas liebt es inzwischen, mit dem Fahrrad durch Zürich zu fahren.

Eine Beispielrechnung für Lissabon hat ergeben, dass man den gesamten Verkehr von heute mit 10 Prozent der Fahrzeuge abwickeln könnte.

Nicolas sitzt noch im Gemeinschaftsbüro in Bassersdorf. Er hatte gerade ein nettes Gespräch mit einer Kollegin, die an einem interessanten Projekt arbeitet. Vielleicht ergibt sich sogar eine Zusammenarbeit. Das Wetter ist schön, er will die Mittagspause in einem nahegelegenen Park verbringen. In der Stadt gibt es nun viel mehr Grünfläche und Platz zum Verweilen. Auch weil es ein Mobility Pricing gibt, das die Nutzung von Fläche besteuert.

Nach der Mittagspause schlendert Nicolas zum nächstgelegenen Micro-Hub im Quartier, um ein Päckchen abzuholen. Das sind Besorgungs- und Entsorgungsstationen in einem. Die letzte Meile erledigt Nicolas selber, damit wird der ganze Zustellverkehr überflüssig. Auch muss er kaum mehr Sachen in Übersee kaufen, das meiste kann er im 3-D-Shop um die Ecke selber ausdrucken. Am Nachmittag arbeitet er zu Hause, denn der Wäschekorb ist übervoll. Am Abend will er mit Freunden an ein Festival, dafür nutzen sie ein Sammeltaxi, das sich verschiedene Leute teilen. In der App zum Bestellen des Taxis können sie auswählen, ob sie mit eher extrovertierten oder introvertierten Leuten fahren wollen.

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