Süchtig nach Strava
4 min

Süchtig nach Strava

Hast du vergessen, Strava zu starten oder dein GPS einzuschalten? Dann hättest du auch zu Hause bleiben können: «If it’s not on Strava, it didn’t happen» – behauptet die Community. Ein Insider erklärt, wie die App funktioniert.

Mario Wittenwiler (Text), Markus Lamprecht und zvg (Fotos), 27. April 2018

Wer mag sich noch an die alten Geschwindigkeitstachos für Velos erinnern, auf welchen ein simpler Pfeil die Fahrgeschwindigkeit anzeigte? Der Schreibende selbst jagte diesen nach der Primarschule auf der steilen Dorfstrasse im Hirzel schon mal auf 70 km/h hoch. Zeiten ändern sich. Wer heute in der Veloszene etwas auf sich hält, lässt sich mit der App Strava sowie GPS-basiertem «Tacho» am Fahrradlenker mehr als nur die Geschwindigkeit mitteilen: In Wochen-, Monats- und Jahresstatistiken werden sämtliche sportlichen Aktivitäten wie Radfahren, Lauftrainings, Längen im Schwimmbecken oder Skitouren als digitales Trainingstagebuch aufgezeichnet. Als Leistungswerte werden nicht nur die zurückgelegte Strecke und die Geschwindigkeit, sondern auch Herzfrequenz oder Kraftübertragung angezeigt.

Weltweite Community

Um Strava hat sich eine weltweite Community gebildet. Auch eine Reihe von Profisportlern laden regelmässig zurückgelegte Trainings- und sogar Rennstrecken hoch. User können sich so mit Profis messen, sich miteinander vernetzen, liken und folgen.

Ein Anhänger von Strava ist der Kommunikationsprofi Oliver Butscher. Als die Tour de France durch seinen Wohnort Bern und über die Monbijoubrücke führte, nutzte er den Steilpass für einen direkten Vergleich. Sein Fazit: «Keine Chance gegen die Profis! Der Schnellste jagte mit sagenhaften 74 km/h über die Brücke!»

Zum Interviewtermin in Zürich reiste der sportliche 44-Jährige standesgemäss mit dem Velo an. «Als Vorbereitung schaute ich mir auf der App die Route eines Bekannten an, der die Strecke Bern–Zürich regelmässig mit dem Velo zurücklegt. Anschliessend legte ich meine eigene Route wunschgemäss fest und optimierte sie so, dass es auch noch für einen Kafi-Halt reichte.»

Kürzlich absolvierte Butscher eine Langstreckenprüfung, ein sogenanntes «Brevet», rund um den Bodensee. Dank Strava konnte er sich optimal vorbereiten: «Ich wusste nicht nur, mit welchen Steigungen – zum Beispiel am Pfänder – zu rechnen ist, sondern auch, wer aus meiner Community alles teilnimmt.» Der Veranstalter, Audax Suisse, ist auch als virtueller Club auf Strava vertreten. «So bleibe ich das ganze Jahr über auf dem Laufenden. Auch kann ich so mein Netzwerk ständig mit neuen Bekanntschaften erweitern.»

Olis Leistung auf der Fahrt rund um den Bodensee.

Powernap am Strassenrand

Der letztjährige Höhepunkt in der Agenda von Oliver Butscher war das Brevet London–Edinburgh–London. Die 1430 Kilometer in freier Streckenwahl legte er auf dem Rennvelo unbegleitet in 105 Stunden zurück. «Alle 80 Kilometer gab es Kontrollstellen, wo man auch übernachten konnte. Einige Teilnehmende machten aber schon mal einen kurzen Powernap irgendwo am Strassenrand», erzählt er.

Statistiken der ersten Etappe des Brevets London-Endinburgh-London.

Messen Sie Sich mit den Besten

Im Swisscom Online-Shop finden Sie Fitbits und Smartwatches. Fordern Sie Oliver Butscher doch auf Ihrer nächsten Velotour heraus.

Apple Watch Series 3 4G Aluminium

Zurzeit trainiert Oliver für «Navad1000», ein Mountainbike-Rennen, in welchem auf einer 1000 Kilometer langen Strecke zwischen Romanshorn und Montreux 31 000 Höhenmeter zurückgelegt werden müssen. «Ein Fernziel von mir ist die Teilnahme am 1200-Kilometer-Brevet Paris–Brest–Paris.» Es sei das Langstreckenbrevet überhaupt und gelte als die «Mutter der Tour de France». Zu Trainingszwecken kann er auf Strava nun per Handyverbindung und Live-Anzeige auf dem Velocomputer speziell zugeschnittene Strecken nachfahren. «Meine öffentlichen Trainingsdaten sowie die ständige Vergleichbarkeit motivieren mich schon mal, auch alleine zu trainieren – auch wenns mal regnet.»

KOM: King of Mountain

Auf Strava als Schnellster auf einer Strecke angezeigt zu werden, sei eine Ehre und werde selbstverständlich verteidigt, erklärt Butscher. Die App kann einen Trainingsweltmeister auch zum temporären «King of Mountain» küren. Für das Absolvieren von speziellen Herausforderungen erhält man ein virtuelles Abzeichen. Bei der «Rapha Festive 500» müssen dazu zwischen Weihnachten und Silvester 500 Kilometer zurückgelegt werden. «Dafür bekommt man ein richtiges Stoffabzeichen zugeschickt», sagt Butscher und freut sich.

Strava belohnt besondere Leistungen mit virtuellen Pokalen. Hier die Pokal-Galerie von Oli.

Lädt das System nicht zum Betrügen ein, etwa indem man den Velocomputer mit der gespeicherten App im Auto mitnimmt? «Das lässt sich nicht zu 100 Prozent ausschliessen», so Butscher. Kürzlich machte er einen Kollegen darauf aufmerksam, dass er seine angezeigte Geschwindigkeit unbeabsichtigt temporär auf über 80 km/h «frisierte»: «Er hatte tatsächlich sein Gerät auf dem Autodach vergessen.»

Als Nerd verwalte er per App sogar seine Ausrüstung, indem er einzelne Komponenten wie die Kette oder Bremsbeläge erfasste. Cool findet der Aficionado auch die Live-Übermittlung des Standorts: Damit könne die Liebste überprüfen, ob er sich noch bewege – oder schon beim Bier sitze.

Auch in der Fremde ein Local

Eine sogenannte «Heatmap», welche mit Big Data funktioniert, zeigt an, wo Strava-Sportler am häufigsten unterwegs sind. Die Strecken, die häufig gefahren werden, eignen sich dem Prinzip der Schwarmintelligenz folgend am besten zur Nachahmung.

Der Zusatzdienst «Local» ist äusserst praktisch, wenn man in fremden Orten und Städten unterwegs ist. Als Ortsfremder würde man vielleicht die stark befahrene Hauptstrasse nehmen statt die parallel dazu verlaufende Nebenstrasse.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Jetzt lesen