Remote Work: Als digitaler Nomade arbeitet Michael Schranz überall.
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Arbeiten zwischen Bern und Bogotá

Michael Schranz war mit seiner Frau und den vier Kindern auf Weltreise – Südamerika, Australien, Asien. Und hat in dieser Zeit überall gearbeitet. Doch wie geht das? Von den Chancen und Schwierigkeiten des Arbeitens auf Distanz und einem tierischen Besuch im Büro.

Als wir das erste Mal telefonieren, ist Michael Schranz bereits auf seiner letzten Etappe der elfmonatigen Weltreise. Während ich im Büro in Zürich sitze, sitzt mein Gesprächspartner auf der Terrasse vor dem Haus in der Nähe von Bangkok. Ich freue mich aufs Mittagessen, bei ihm ist jetzt dann grad Feierabend.

Denn Michael Schranz hat keine Ferien. Der fürs Marketing und Business Development bei der Schweizer App-Schmiede Apps with love zuständige Familienvater arbeitet während seiner Weltreise. Mit seiner Frau und den vier Kindern im Alter zwischen zwei und elf Jahren ist der digitale Nomade fast ein Jahr unterwegs. Südamerika, dann Australien und Südostasien. Reisen und Arbeiten mit Familie? Wenn ich an die Zeit zurückdenke, als meine eigenen Kinder noch klein waren, kann ich mir das kaum vorstellen.

Unterwegs arbeiten: mobiles Büro in Kolumbien.
Internet, Schreibtisch und Notebook, und schon ist Michael Schranz‘ Büro eingerichtet. Hier in Kolumbien.

Die Frage liegt auf der Hand, wie Familie Schranz sich organisiert. «Meine Frau und ich haben uns die Kinderbetreuung aufgeteilt», erzählt er mir via Skype. «Ich mache mit den älteren zwei am Morgen Schule und arbeite daneben. Meine Frau kümmert sich in dieser Zeit um die Kleinen.» Das Schulmaterial für die beiden Primarschüler füllt einen ganzen Koffer. Nur ein Teil davon befindet sich  in Form von Apps auf den iPads der beiden Jungs, deren «Schule» viel selbständiges Lernen umfasst. Und manchmal, ergänzt Michael Schranz, arbeite er auch abends, wenn die Kinder im Bett seien.

Konzentrierte Bildschirmarbeit und tierische Ablenkung

Natürlich kommt ihm entgegen, dass ein Grossteil seiner Arbeit in der Vorbereitung von Projekten besteht. Bildschirmarbeit. Projektdokumentationen zusammenstellen, Konzepte erarbeiten, die Social-Media-Kanäle betreuen. Präsentationen vorbereiten. «Einen Teil der Arbeit kann ich gut offline erledigen», nimmt Michael Schranz meine nächste Frage vorweg.

Das Internet ist der Draht ins Büro. «Am Anfang habe ich allerdings zu viel nur per E-Mail kommuniziert», blickt er selbstkritisch zurück. Danach habe er häufiger telefoniert, was den Austausch mit den Arbeitskollegen vereinfacht habe.

Waran im Büro: Wenn ein digitaler Nomade unterwegs arbeitet.
Überraschender Besuch: Ein Waran schaut im Büro in Thailand vorbei.

Die Distanz zum Büro befreit den Kopf. «Ich muss aufpassen, dass ich meine Kollegen in Bern nicht mit Ideen überhäufe», lacht Michael Schranz. Und überrascht mich kurz darauf mit der Aussage, dass er früher kaum Homeoffice gemacht habe, auch aus Platzgründen. Doch mit dem Arbeiten als digitaler Nomade kann er sich durchaus anfreunden: «Ich arbeite unterwegs sehr effizient und konzentriert», fügt er an. «Anders als im Büro mit den vielen Unterbrechungen und Ablenkungen.» Ablenkungen gibt es auch auf der Weltreise, allerdings einer etwas anderen Art. Etwa, wenn plötzlich ein Waran auf der Terrasse auftaucht, die als Büro dient.

Kundenmeetings von den Anden aus

Gut drei Wochen später. Die Temperaturen sind auch in der Schweiz auf sommerliche Werte geklettert. Familie Schranz ist mittlerweile wieder zuhause. Und so treffen wir uns für ein zweites Interview in Bern. Nach dem Skype-Gespräch jetzt von Angesicht zu Angesicht. Wie hat er das eigentlich auf seiner Reise gemacht? Wie war das, mit Kunden zu kommunizieren und gleichzeitig 15’000 Kilometer entfernt im südamerikanischen Hochland am Computer zu sitzen?

«Ich habe mich um die Weiterentwicklung kleinerer, bestehender Projekte gekümmert», erzählt er. «Wenn ich mit Kunden telefoniert habe, war das jeweils ein Austausch zu Zweit.» Wenn er sich um die Weiterentwicklung von Apps with love kümmert, müsste er sich aber auch mit neuen Projekten beschäftigen, denke ich mir. Und hake nach, wie das denn mit den Sitzungen zum Projektstart stehe, wo meistens alle Beteiligten zusammenkommen.

Michael Schranz

Der 36-Jährige ist bei der Berner Digitalagentur Apps with love für Marketing, Sales und Business Development zuständig. Das Unternehmen zählt rund 25 Mitarbeitende und entwickelt Apps für Kunden. Für Swisscom hat Apps with love unter anderem den Swisscom Roaming Guide und die «Patrouille des Glaciers»-App entwickelt.
Seine Erlebnisse als digitaler Nomade hat Michael Schranz in einem Blog festgehalten.

«Vor der Abreise habe ich in der Schweiz einen Stellvertreter aufgebaut, der mich an diesen Meetings vertreten hat», löst Michael Schranz das Rätsel auf. «Ich habe im Austausch mit ihm den Pitch vorbereitet, und er hat sich dann mit dem potenziellen Kunden getroffen.»

Zeitverschiebung verlangt nach Flexibilität

In der Schweiz sind Meetings zu hiesigen Bürozeiten. Wie ist Michael Schranz mit der Zeitverschiebung umgegangen, da es bei ihm je nach Aufenthaltsort noch sechs Stunden früher oder bereits fünf Stunden später war? «Ich habe auch schon Meetings abends um zehn abgehalten», erinnert er sich zurück. Ist die Zeitverschiebung also ein Nachteil? Nicht nur, Michael Schranz kann den unterschiedlichen Zeiten auch Positives abgewinnen: «Gerade aus Australien und Asien konnte ich meine Kollegen bei dringenden Arbeiten unterstützen, weil bei mir der Arbeitstag im Vergleich zur Schweiz ein paar Stunden früher begann.» Dafür musste er Kunden und Kollegen beibringen, dass er halt am späteren Nachmittag Schweizer Zeit nicht mehr erreichbar sei.

Auch hier gilt also, was sich wie ein roter Faden durch die ganze Reise zieht: Flexibilität und Improvisation sind wichtig. Nicht nur beim Reisen, sondern auch bei der Arbeit von unterwegs.

Die Antwort erahne ich bereits, als ich Michael Schranz frage, ob er es wieder machen würde? «Ja, wir überlegen uns, nochmals auf Weltreise zu gehen, wenn die Kinder etwas grösser sind.»

 

Die Fotos hat uns Michael Schranz zur Verfügung gestellt.

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