Videotex – das legendäre Schwiizernet
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Videotex – das legendäre Schwiizernet

 
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Roger Baur (Text), 19. April 2016

Es kam mit der Post. Sieben Kilo schwer, 30 Zentimeter hoch, gut einen halben Meter tief, mit Schwarzweiss-Bildschirm und begleitet vom Geruch nach frischem Hartplastik. Zwar war damit keine Textverarbeitung möglich und ein Diskettenlaufwerk fehlte ebenfalls – dafür aber war alles Weitere bereits vorinstalliert und ein Modem integriert.

Online-Computer und Telefon in einem: Das erste PTT-Videotex-Terminal gabs nur zur Miete – für 14 Franken monatlich.
Auf Knopfdruck ging es via Telefonleitung ab auf die Datenautobahn – oder besser gesagt: Auf die Daten-Quartierstrasse durch eine kryptisch langsame Welt mit den grafischen Möglichkeiten des heutigen Teletext.

Anbieter wie Beate Uhse beschränkten sich auf Kurzgeschichten oder Gezeichnetes – zum Preis von zwei Franken pro Minute.

Shopping und Banking

Doch im Unterschied zum Teletext bot Videotex ein elektronisches Telefonbuch, Chat-Plattformen, eine Art E-Mail, Online-Shopping bei Jelmoli und ein Telebanking, das sich vom heutigen E-Banking nur unwesentlich unterschied.

Veranstaltungskalender waren in Videotex ebenso vorhanden wie eine Art E-Mail.
Die damals noch voll staatlichen PTT-Betriebe duldeten sogar kostenpflichtige Fragespiele oder Erotikangebote. Wobei die auf 1,2 Kbit/s beschränkte Technik weder Filme noch Fotos übertragen konnte. Anbieter wie Beate Uhse beschränkten sich darum auf Kurzgeschichten oder Gezeichnetes – zum Preis von zwei Franken pro Minute.

Teurer Wegbereiter fürs Internet

Doch selbst der SBB-Fahrplan schlug mit 20 Rappen pro Minute zu Buche – zusätzlich zu den verschiedenen und von Jahr zu Jahr stark schwankenden Nutzungsgebühren, die sich zusätzlich auf bis zu 28 Rappen pro Minute summierten.

Das World Wide Web nutzte in seinen Anfängen viele der Verbindungsleitungen und Systeme, die für Videotex vorgesehen waren.

Das konnte nicht gutgehen. Anfang der 90er-Jahre kämpfte Videotex ums Überleben und wurde gar zum Politikum. Hatten die PTT also ein Datennetz aufgebaut, das nun keiner brauchte? Fast sah es so aus. Bis das Internet kam. Denn das World Wide Web nutzte in seinen Anfängen ausgerechnet viele der Verbindungsleitungen und Systeme, die eigentlich für Videotex vorgesehen waren.

Videotex selbst ging 1995 in private Hände über. Die neuen Besitzer führten es unter dem Namen «Swiss Online» weiter und vermarkteten es später in Kombination mit einem Internetanschluss. Noch fünf Jahre lang sollte das einstige Videotex vor allem fürs Banking die erste Adresse bleiben. Doch am 30. September 2000 hatte es seine Schuldigkeit getan. Wer noch über ein Terminal verfüge, könne es mit der Post zur Entsorgung zurücksenden – das war seine letzte Botschaft.

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Wer hat an der Uhr gedreht: Haben Sie Videotex benutzt oder wussten Sie gar nicht, dass es diesen Service jemals gab?

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10 Kommentare zu “Videotex – das legendäre Schwiizernet

  1. Als junger Ingenieur bei Siemens durfte ich 1986/87 „PTT-Personal“ auf das Videotex Endgerät „Comtel 3210“ ausbilden. Das war „High Tech“ damals 🙂
    1988 konnte ich privat ein Endgerät für viel Geld käuflich erwerben. Ich bin sofort auf Telegiro (Post) und Telebanking aufgesprungen und habe damit bei Vorführungen in meinem privaten Umfeld grosses Erstaunen und Ungläubigkeit ausgelöst.
    Und noch etwas zur Verwirrung:
    In Deutschland hiess das Schweizer Videotex –> Teletex und damit es nicht zu einfach wurde das Schweizer Teletext –> Videotext ! Alles klar ? :-))

    1. Oh ja lieber Beat. Ich hab heute noch den Vertrag von 1988 mit der Abteilung Test- Daten- und Mietleitungen welche mir Telegiro und Telebanking ermöglicht haben.
      Das wären noch Zeiten. Ganz zu schweigen von der Uebertragungsgeschindigkeit…..14400 Baud oder so. 🙂

  2. 1989 hatte ich auch so ein Videotex Gerät, war eine feine Sache. Aber soooo teuer, jede Seite kostetse was 😀

  3. Ich bin zwar erst in diesem Jahr geboren, als Videotex eingeführt worden war. Da mich aber die Technikgeschichte schon immer fasziniert hat, habe ich sogar noch ein solches Gerät zu Hause. Leider ist nun das Netzteil hinüber, aber ich hatte es vor Jahren noch in Betrieb.

  4. Der Schweizer Videotext wurde zu einem Zeitpunkt erfunden, als in Frankreich das Minitel Allgemeingut war und dies gratis (ab 1979). Die ehemalige PTT hat aus Prestigegründen Hunderte von Millionen mit ihrem Videotex in den Sand gesetzt. Trotzdem sie von Frankreich, das Minitel hätte übernehmen können. Leider haben die Franzosen dann den Anschluss ans heutige Internet verpasst – waren aber dennoch die wahren Pioniere.

  5. Und England hatte ihr Prestel was Graphik fähig war, im Gegensatz zur Mosaiktechnik von Videotex. Entwickelt hatte es für die PTT „Standart Telefon“ heute Alcatel. Im Geschäftsbereich gab es viele Interessante und erfolgreiche Anwendungen, die man eigentlich in diesem Bericht herausheben sollte. Videotex hatte seinen Platz zu seiner Zeit und die meisten Angebote waren up-to-date, was man bei den heutigen Internet Angeboten nicht mehr findet. Zu viel Müll liegt rum im Netz und viele haben auch kein Update Management. :-).

  6. Ich habe in Deutschland damals den „Teletex“ (BTX = Bildschrim Text) von der Deutschen Bundes Post genutzt. Mit einem BTX-Modem 2400 Baud (von der Post ) und Hardwaredongel für die PC-BTX-Software.In den Anfängen vom Internet gab es so genannte „Gateways“ zum Internet und anderen Europäischen Teletext Anbietern. Die Verbindung zu den Gateways kostete 2.10 D-Mark pro Minute.
    Nacher wurde aus diesem Dienst Datex J. Bis zur Abschaltung des Dienstes benutzte ich ihn für das E-Banking.

  7. Ich bin jeweils wie ein geschlagener Hund nach Hause geschlichen, wenn es wieder danach roch, als könnte nächstens die 2-monatliche PTT Rechnung ins Haus flattern. Es war wirklich ein markt-ökonomisches Unding. Die PTT hatten noch nicht im Ansatz eine Ahnung was always-on bedeuten könnte. Ich hingegen (zum Leidwesen meiner Eltern) aber sehrwohl… 😀

  8. Achja, der gute alte Mupid 1 aus österreichischer Produktion! So ein Teil stand mal in den frühen 1990ern in der Postfiliale 1100 Wien in der Schalterhalle zum Ausprobieren rum. Allein die Einwahl dauerte mehrere Minuten.

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