Kann eine Smartwatch das Smartphone ersetzen?
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Kann eine Smartwatch das Smartphone ersetzen?

Dank Multi Device funktionieren die neue Apple Watch Series 3 und die Huawei Watch 2 autonom. Sie müssen also nicht wie andere Smartwatches ständig mit dem Smartphone verbunden sein. Doch eignet sich eine smarte Uhr, um im Alltag das Smartphone zu ersetzen? Swisscom Magazin machte den Test.

Beim ersten Badi-Besuch dieser Saison merke ich, dass dieser Sommer anders sein wird als die Sommer der vergangenen Jahre. Das ständige Aufpassen aufs Handy gehört dank der Smartwatch am Handgelenk der Vergangenheit an! Waren bisherige Smartwatch-Modelle lediglich eine eingeschränkte Erweiterung des Smartphones, können die Apple Watch Series 3 und die Huawei Watch 2 auch als eigenständiges Gerät genutzt werden, mit dem sich telefonieren, surfen, chatten und vieles mehr machen lässt.

Möglich macht dies Multi Device. Bei dieser Technologie befindet sich zwar die Haupt-SIM-Karte noch immer im Handy, zusätzlich können aber weitere Geräte mit einer zusätzlichen SIM-Karte (entweder eine embedded SIM, virtuelle SIM-Karte oder eine physische SIM-Karte) ausgestattet werden, welche dieselbe Handynummer nutzen. Wie bewähren sich diese autonomen Uhren als Smartphone-Ersatz? Wir haben die Apple Watch Series 3 und die Huawei Watch 2 während einer Woche getestet und das Smartphone zuhause gelassen.

Das Smartphone zu Hause zu lassen löst am Anfang ein komisches Gefühl aus.

Tag 1: Völlig losgelöst

Es braucht Überwindung, das Haus mit leerer Gesässtasche zu verlassen. Das iPhone bleibt liegen, stattdessen soll die Apple Watch sämtliche Aufgaben übernehmen, die sonst das Handy erledigt. Ein Blick auf die Wetter-App prognostiziert gutes Wetter, und in der Fahrplan-App suche ich den Zug raus, der in 15 Minuten auf Gleis 5 losfährt. An Tagen, an denen ich den Zug zur Arbeit nehme, kaufe ich normalerweise unterwegs mit dem Smartphone ein Ticket. Mit der Uhr klappt das aber nicht: Weder die SBB-App noch die App des lokalen Verkehrsverbundes lassen einen Ticketkauf allein per Smartwatch zu. So heisst es halt, am Automat ein Ticket kaufen.

Das Lesen von Online-News klappt im Zug ganz gut. Apps von Medien wie «Tages-Anzeiger», «20 Minuten» oder «NZZ» listen die neusten Artikel auf dem Mini-Display relativ gut lesbar auf. Für längeres Lesen ist die Uhr allerdings nicht geeignet. Der Arm ermüdet ebenso wie der Finger, der ständig scrollen muss und die Augen, die auf das Mini-Display gerichtet sind. Eine herumliegende Gratis-Zeitung sorgt für Entspannung.

Tag 2: Zum Glück ist Siri immer dabei

Die Versuchung ist gross, das iPhone einzupacken. Trotzdem bleibt das Gerät auch heute zuhause. Beim ersten eingehenden Anruf, vibriert die Apple Watch am Handgelenk und gibt einen Klingelton von sich. Weil die Airpods gerade nicht zur Hand sind, nehme ich den Anruf direkt an der Uhr entgegen. Via Lautsprecher und mit dem Handgelenk vor dem Gesicht bleibt die Stimme des Gesprächspartners zwar verständlich, doch ist dieses Knight-Rider-mässige Telefonieren nicht so mein Ding. Deshalb verwende ich für die folgenden Anrufe das Bluetooth-Headset.

Das Wählen von gespeicherten Kontakten oder auch von Nummern über den kleinen Tastenblock auf dem Uhren-Display funktioniert zwar erstaunlich gut, doch wären diese Handgriffe auf dem Smartphone deutlich bequemer als auf dem 1,5-Zoll-Bildschirm. Deshalb kommt immer häufiger die Sprachassistentin zum Zug, die für diverse Funktionen Befehle entgegennimmt, Telefonnummer aus dem Adressbuch wählt oder SMS im Diktat schreibt. Dieselben Funktionen beherrscht auch die Huawei Watch 2, die wir abwechslungsweise zur Apple Watch verwenden. Während die Apple Watch nur zusammen mit dem iPhone genutzt werden kann, verbindet sich die Huawei Watch sowohl mit Android-Geräten als auch mit dem iPhone.

Das Bedienen der Huawei-Uhr mit den Fingern geht zwar, ist jedoch weniger bequem als mit dem Handy.

Tag 3: Joggen ohne Ballast

Die Jogging-Runde über Mittag zeigt die wahren Vorzüge der autonomen Smartwatch. Ohne Smartphone in der Tasche oder am Oberarm läuft es sich freier und leichter. Trotzdem bleibe ich erreichbar, zeichne den Lauf per Trainings-App auf und streame Musik von Apple Music per Mobilfunknetz. Um den Akku zu schonen, empfiehlt es sich aber, die Musik vorab vom Handy auf die Uhr zu laden, anstatt über längere Zeit zu streamen. Während die Apple Watch 16 GB Speicher hat, sind es bei der Huawei Watch nur 4 GB. Weil bei der Huawei durch das Betriebssystem und vorinstallierte Apps bereits rund die Hälfte des Speichers belegt werden, bleiben rund 2 GB für weitere Apps, Musik oder andere Daten übrig. Füllt man den verfügbaren Speicher mit Musik, reicht das etwa für 500 Songs. Diese Musiksammlung ist zwar nicht riesig, doch dürfte sie auch für die längsten Joggingrunden ausreichen – und falls die gespeicherte Musik langweilt, kann man ja immer noch streamen.

Ein Anruf kommt während des Waldlaufs nicht rein, aber gelegentliches Vibrieren am Handgelenk vermeldet eingehende Nachrichten, News, Social-Media-Posts und E-Mails. Eigentlich möchte man sich jetzt nicht damit beschäftigen, doch weil ein kurzes Drehen des Unterarms den Blick auf die aufpoppende Meldung auf einen Blick freigibt, ist man stets versucht, die Neuigkeiten im Auge zu behalten. Vielleicht sollte man mal ganz ohne Elektronik Sport machen – oder zumindest die Einstellungen für die Mitteilungsanzeigen so einstellen, dass wirklich nur jene Neuigkeiten auf dem Uhrendisplay erscheinen, die man sich beim Sport wünscht.

Tag 4: Navigieren per Mini-Display

Sowohl die Apple Watch als auch die Huawei Watch sind nicht mehr auf das GPS-Signal des Handys angewiesen, sondern verfügen über eine eigene Satelliten-Ortung. Diese lässt sich bestens für eine Navigation nutzen. Weil das Display dazu aber zu klein ist, lasse ich, lasse ich mich per Sprache und per Vibration am Handgelenk leiten. Das funktioniert erstaunlicherweise recht gut. Die Apple Watch vibriert für «links Abbiegen» dreimal kurz, und dies zweimal hintereinander. «Rechts Abbiegen» wird mit zwölf kurzen Vibrationen gemeldet.

Das Navigieren mit der Huawei-Uhr ist am angenehmsten per Sprach- und Vibrationssteuerung.

Die meisten Funktionen, die eine Internetverbindung verlangen, stehen nur dann zur Verfügung, wenn zuhause das iPhone eingeschaltet und mit dem Netz verbunden ist. So kommen weder E-Mails noch neue Kalendereinträge rein, wenn das Handy im Flugmodus ist. Auch Siri steht dann nicht zur Verfügung, und Nachrichten gelangen erst wieder auf die Uhr, wenn man das Smartphone wieder einschaltet. Man tut also gut daran, das zuhause gelassene Handy nicht auszuschalten.

Tag 5: Einkaufen und Kochen

Es gibt Apps, die sich auf der Smartwatch bequemer nutzen lassen als auf dem Handy. Zum Beispiel die Koch-App Kitchen Stories oder die Einkaufsliste Bring!. Nutzt man die Apps auf der Smartwatch, hat man die Hände frei zum Kochen und Einkaufen. Das ist ganz praktisch, wenn man den Einkaufswagen durch die Regale schiebt und nicht immer wieder das Handy hervornehmen muss, um die aktuelle Einkaufsliste zu checken. Bei der Huawei Watch ist der Play Store direkt integriert. Apps können also direkt auf die Uhr geladen werden, ohne den Umweg über das Smartphone machen zu müssen.

Die Einkaufs-App „Bring“ funktioniert auf der Apple-Uhr sogar besser als auf dem Handy.

Tag 6: Stromknappheit

Weil der Akku der Uhr um Dauerbetrieb nicht den ganzen Tag durchhält, kommen Ladekabel mit Powerbank wohl oder übel immer mit. Es gibt aber ein paar Kniffs, um die Akkulaufzeit zu verlängern. So speichert man die Musik besser lokal auf der Uhr, statt sie zu streamen, zudem gibt es im Trainings-Modus eine Stromspar-Funktion. Im Verbund mit dem Smartphone hingegen reichten beide Akkus zusammen länger als ein einzelnes Gerät. Deshalb kommen künftig wohl wieder beide Geräte mit.

Multi Device bei Swisscom
Um die Apple Watch 3 oder ein anderes Zusatzgerät zu verwenden, das mit derselben Handynummer wie das Smartphone arbeitet, benötigt man die Option Multi Device. Diese ist bei den inOne-Abos L und XL bereits vorhanden, bei den kleineren Abos kostet die Option monatlich 5 Franken.

Tag 7: Verstärkung per iPhone

Um zu sehen, wie unterschiedlich sich die Uhr mit und ohne verbundenem Smartphone nutzen lässt, nehme ich das Smartphone heute mit. Nun kann immer jenes Gerät genutzt werden, das sich für die jeweilige Funktion oder Situation besser eignet. Die Strassenkarte beispielsweise ist auf dem 4,7-Zoll-Bildschirm viel übersichtlicher als auf der Armbanduhr. Und sogar ein Ticket für den Bus oder den Zug hat man in einer Minute gekauft. Dafür bleibt das Smartphone viel öfter in der Tasche – etwa, wenn ich eine ankommende Nachricht lesen möchte oder wenn der Kalender den nächsten Termin aufmerksam macht. Zudem halten die Akkus so lange wie nie durch.

Fazit

Beim Sport sind sowohl die Apple Watch 3 als auch die Huawei Watch 2 perfekte Begleiter. Im Alltag hingegen gibt es so einige Anwendungen, die auf sich dem Smartphone viel bequemer und schneller nutzen lassen als auf einer Armbanduhr. Zudem ist der Akku bei intensiver autonomer Uhren-Nutzung schnell leer. Darüber hinaus lassen sich mit dem Smartphone Videos und Fotos anschauen, und man hat immer eine Kamera und eine Taschenlampe mit dabei.

Sport macht mit der Smartwatch mehr Spass als mit dem Handy. Das ist eine Erkenntnis nach einer Woche Smartwatch-Gebrauch.

Empfehlenswert ist auf jeden Fall, ein Bluetooth-Headset zu nutzen. Telefonieren geht zwar auch ohne Airpods und Co., doch mit den kabellosen Kopfhörern lassen sich viele Funktionen besser und angenehmer nutzen. Die autonomen Smartwatches sind nicht wirklich ein kompetenter Alltags-Ersatz und sollen es auch gar nicht sein. Vielmehr bleiben sie eine Ergänzung des Smartphones – wenn auch mit viel mehr Möglichkeiten als ältere Smartwatch-Modelle. Nicht unbedingt für tagelange Nutzung, sondern für kurze handylose Einsätze wie etwa beim Sport, zum Einkaufen oder Schwimmen eignen sich die Uhren hervorragend.

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2 Kommentare zu “Kann eine Smartwatch das Smartphone ersetzen?

  1. Hallo Swisscom
    Ist die Samsung Gear S3 LTE (mit eSim) auch Swisscom MultiDevice kompatible? Wenn ja, welche Version muss ich kaufen: T-Mobile oder AT&T?

    1. Lieber Stephan, die Samsung Gear S3 Frontier LTE wurde nur in den USA verkauft mit T-Mobile und AT&T. Die US-Operatoren verwenden keine Frequenz-bänder, welche in Europa verfügbar sind. Somit funktioniert Samsung Gear S3 Frontier LTE auf dem Swisscom Netz leider nicht. Lieber Gruss, Laura – für die Redaktion

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