Wie viel Virtual Reality verträgt ein Kind?
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Wie viel Virtual Reality verträgt ein Kind?

Virtual Reality – ein Erlebnis, das Erwachsene aus den Socken haut. Was, wenn mein Kind ein VR-Game spielen möchte? Experte Michael In Albon über Virtual Reality, Gewalt in Games und unnütze Verbote.

Das VR-Spiel

Das Virtual-Reality-Game, das die Kinder im Videobeitrag spielen, heisst «Hell Eluja». Es wurde von der kleinen Freiburger Produktionsfirma Oniroforge entwickelt. Am Festival «Stunfest» in Rennes erhielt es den Public Choice Award. In den App Stores von Apple und Google wird es voraussichtlich ab Ende Jahr zu finden sein.

Herr In Albon, Sie sind Jugendmedienschutz-Experte und selbst Vater. Ihre Söhne sind sieben und neun Jahre alt. Gamen sie bereits?

Ja. Mein jüngerer Sohn ist jetzt in der ersten Klasse und lernt lesen. Aber er spielt bereits seit Längerem. Er hat gelernt, wie ein «Spielen»-Button aussieht, obwohl er das Wort noch nicht lesen konnte.

Was spielen Ihre Söhne?

Im Sommer sind sie auf den «Pokémon Go»-Zug aufgesprungen. Im Moment ist «Minecraft» sehr beliebt und ein «Star Wars»-Game. Sie spielen auf dem Familien-Tablet oder auf den Geräten von mir und meiner Frau. So behalten wir die Kontrolle.

Wie Kinder an der Suisse Toy in Bern auf ein VR-Spiel reagieren.

Sind sie denn nicht zu jung dafür?

Nein. Für mich sind zwei Themen entscheidend. Zum einen geht es um die Aussage des Spiels, um seinen Inhalt. Und zweitens darum, wie realistisch Dinge dargestellt werden.Wenn die Realität im Game stark abstrahiert wird, habe ich weniger Probleme damit, auch wenn meine Söhne in einem Spiel zum Beispiel auf Gegner schiessen. Sie spielen ja draussen auf der Strasse auch Räuber und Poli.

«Ob ich dem Gegner in einem Mittelalter- oder einem neuzeitlichen Terror-Spiel den Kopf abhacke, ist irrelevant. Die negative Aussage des Spiels ist verheerend.»Michael In Albon, Jugendmedienschutz-Experte bei Swisscom

Was ist mit Mittelalter-Spielen? Sie sind oft sehr realitätsnah, zeigen aber etwas, was Jahrhunderte zurückliegt.

Das ist für mich kein Argument. Ob ich dem Gegner in einem Mittelalter- oder einem neuzeitlichen Terror-Spiel den Kopf abhacke, ist irrelevant. Die negative, gewalttätige Aussage des Spiels ist ausschlaggebend und kann verheerend sein. Das können Kinder und Jugendliche nicht verarbeiten.

Sprechen wir über Virtual Reality. VR bietet der Gaming-Industrie ganz andere Möglichkeiten, eindrückliche Illusionen zu schaffen. Das muss Eltern doch zu denken geben.

VR erlaubt tatsächlich beeindruckende Erlebnisse. Das führt zum Problem, dass Gewalt und auch Pornografie noch realer erlebt werden können. Ich bin überzeugt, dass gerade die Pornoindustrie auf diesen Zug aufspringen wird.

«Verbote sind nicht zielführend. Wenn ich bestimmte Inhalt zuhause verbiete, heisst das nicht, dass dieses Verbot auch im Freundeskreis gilt.»Michael In Albon, Jugendmedienschutz-Experte bei Swisscom

Wo ziehen hier als Vater Grenzen?

Ich lasse mich vom gesunden Menschenverstand leiten. Eltern merken am besten, welche Inhalte ihr Kind verstören oder überfordern. Vorsicht und Zurückhaltung ist immer richtig.

Angenommen einer Ihrer Söhne erzählt zuhause, ein Freund besitze jetzt eine VR-Brille. Wie reagieren Sie?

Ich würde mich bestätigt fühlen. Darin, dass Verbote nicht zielführend sind. Wenn ich ein Medium oder einen bestimmten Inhalt zuhause verbiete, heisst das nicht, dass dieses Verbot auch im Freundeskreis gilt. Ich würde eine Virtual-Reality-Brille besorgen und das Medium zusammen mit meinem Sohn konsumieren. So hätten wir die Grundlage, um gemeinsam darüber zu reden.

«Wir Eltern müssen uns mit neuen Technologien auseinandersetzen. Sonst können wir unsere erzieherische Verantwortung nicht wahrnehmen.»Michael In Albon, Jugendmedienschutz-Experte bei Swisscom

Das heisst aber auch: Habe ich als Vater oder Mutter von den neuen Technologien keine Ahnung, dann habe ich verloren.

Genau. Wir Eltern müssen uns an dieser Entwicklung beteiligen. Sonst können wir unsere erzieherische Verantwortung nicht wahrnehmen. Der bekannte Youtuber Mirko Drotschmann sagte kürzlich in einem Interview, ein guter Lehrer habe heute zu wissen, was Snapchat sei. Und auch Väter und Mütter müssen das wissen.

So gehen Eltern mit dem Thema Gamen um. Umfrage am Rande der Suisse Toy in Bern.

Sie sagten: Verbote sind nicht zielführend. Setzen Sie denn gar keine Regeln?

Regeln sind nicht Verbote. Ein Verbot schliesst Medien aus, ohne dass man sich damit auseinandergesetzt hat. Regeln sind anders. Wir führen zuhause ein eher strenges Regime. Wir begrenzen die Online-Zeiten. Meine Söhne suchen – wie alle Kinder – Wege, die Regeln zu dehnen und zu umgehen. Darum ist Kontrolle wichtig. Eltern müssen konsequent bleiben.

Wie viel Online-Zeit geben Sie Ihren Kids?

Wenn sie sich in der Schule und Zuhause gut verhalten, verdienen sie sich 15 Minuten Online-Zeit pro Tag.

 Das ist sehr wenig!

(lacht) Und es gibt deswegen immer Diskussionen, glauben Sie mir. Aber durch diese Regeln lernen die Kinder auch, sich einzuschränken und sich zu konzentrieren. Sie haben fünf Spiele und 15 Minuten Zeit – sie entscheiden sich bewusst für jenes Game, dass sie am liebsten haben. Diese Kompetenz schützt im Endeffekt auch vor Suchtverhalten.

VR-Flug zum Mond: Eine Virtual-Reality-Produktion soll Kindern die Mondlandung der Apollo-11-Mission näher bringen. Video: Youtube/Immersive VREducation. (Hinweis: 360-Grad-Videos von Youtube werden in einigen Browsern, unter anderem Safari, nicht richtig angezeigt.)

Wir haben bisher nur über Gefahren gesprochen. Hat Virtual Reality nicht auch ein grosses Potenzial im E-Learning-Bereich?

Ja. Und dies wird vollkommen unterschätzt. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir in zehn Jahren den Bau der Pyramiden oder des Empire State Buildings mit VR nacherleben können. Diese Technologie bietet Möglichkeiten, wie wir sie bisher nie hatten. Auch gibt es bereits Anwendungen, mit denen ich über eine VR-Brille Anweisungen bekomme, wie man zum Beispiel bei einem Auto den Anlasser tauscht, oder eine Salbe herstellt.

Sie befürworten VR an den Schulen?

 Ja und Nein. Wenn die Anwendung Selbstzweck bleibt, hat die Lehrperson verloren. Zeit und Relevanz: Es muss einen Mehrwert geben. Zudem bleibt ein Sekundärerlebnis immer hinter der Realität zurück. Man darf eine tatsächliche Exkursion, zum Beispiel zu einem Bach, nicht mit einem VR-Erlebnis ersetzen. Wenn aber ein solches Primärerlebnis nicht möglich ist, gibt es aus meiner Sicht keinen Grund, auf Virtual Reality zu verzichten.

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Welche Games lassen Sie Ihre Kinder spielen? Wie lange sollen Kinder pro Tag am Bildschirm sein?

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