Bühnenbild Nora und das Puppenhaus.
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«Wir brauchen Emojis, um unsere wahren Gefühle zu verstecken»

Henrik Ibsens «Nora oder ein Puppenhaus» gilt als Klassiker der Weltliteratur. Nun führt Timofej Kuljabin das Stück im Schauspielhaus Zürich auf – mit SMS, Spracheingabe und Videotelefonie. Warum, erklärt der russische Theaterregisseur im Interview.

Herr Kuljabin, von allen Stücken, die Sie hätten umsetzen können, fiel Ihre Wahl auf Ibsens «Nora oder ein Puppenhaus». Warum?

Nun, eigentlich ging es mir in erster Linie gar nicht um das Stück an sich.

Sondern?

Am Anfang stand die Idee, ein klassisches Theaterstück in neuer Form wiederzugeben. Ich wollte es in die heutige Zeit transportieren – indem der Text nicht gesprochen, sondern auf dem Smartphone eingegeben wird. Die Charaktere sollten nur selten von Angesicht zu Angesicht sprechen. Der Grossteil des Stückes soll sich auf den Bildschirmen abspielen. Diese Idee war mein Leitgedanke. Erst danach habe ich versucht, ein Stück zu finden, das für dieses Konzept geeignet ist.

Timofej Kuljabin
Timofej Kuljabin

Ich frage nochmal: Warum gerade Ibsens «Nora»?

Ibsens Werke enthalten viel Psychologisches. Die Beziehung der einzelnen Charaktere zueinander steht bei ihm stark im Zentrum. Und dieses Zwischenmenschliche hielt er vorwiegend im Wort, im Dialog fest, nicht in Taten. Daher eignen sich seine Werke besonders gut für diese neue Form von Theater. Für «Nora» habe ich mich entschieden, weil es eines der meistaufgeführten Stücke überhaupt ist. Zahlreiche Regisseure haben bereits Erfahrungen damit gesammelt. Dieses klassische, populäre Stück auf eine neue, ungewohnte Weise umzusetzen – darin lag für mich der Reiz.

Ibsens «Nora»

Mit «Nora oder ein Puppenheim» (1879) schuf der Norwegische Dramatiker und Lyriker Henrik Ibsen einen Klassiker der Weltliteratur. Das Werk gibt einen Einblick in eine bürgerliche Kleinfamilie – und thematisiert dabei die Abhängigkeit der Frauen im 19. Jahrhundert von ihren Vätern und später von ihren Ehemännern. Bis heute steht der Ausbruch Noras aus ihrer Ehe für die Emanzipation der Frau. So leistete Ibsen mit dem Drama einen bedeutenden Beitrag zur damals aufkommenden «Frauenfrage».

Timofej Kuljabins Inszenierung wird bis 03. Januar 2019 im Schauspielhaus Zürich gezeigt.

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Also das altbekannte Drama in modernem, digitalem Gewand?

Ganz genau. Ich verfolge beim Stück einen rein formalen Ansatz. Denn ich bin davon überzeugt, dass man der Interpretation praktisch nichts Neues hinzufügen kann – gerade weil das Stück schon so oft aufgeführt wurde. Mir geht es deshalb nicht um das, was gesagt wird. Sondern um die Art und Weise, wie es kommuniziert wird.

Was waren die Herausforderungen einer solchen Umsetzung?

Ein Drama zum Grossteil über moderne Kommunikationsformen umzusetzen, hat grosse dramaturgische Veränderungen zur Folge. Rund 90 Prozent des Texts mussten abgeändert oder verworfen werden.

Timofej Kuljabin

Timofej Kuljabin gehört zu den bekanntesten jungen Theaterregisseuren Russlands. Nach seinem Abschluss 2007 an der Russischen Akademie für Theaterkunst in Moskau arbeitete er erfolgreich an russischen und ausländischen Theatern. Für seine Umsetzungen greift Kuljabin gerne auf Texte aus dem klassischen Repertoire zurück. Bekannt wurde der 35-Jährige etwa mit der Inszenierung von Tschechows «drei Schwestern», die er in russischer Gebärdensprache spielen liess.

Warum?

Wenn wir einander zum Beispiel per SMS schreiben, verwenden wir eine ganz andere Sprache, als wenn wir direkt miteinander sprechen. Die geschriebene Sprache ist stark vereinfacht, es geht primär um das Vermitteln von Information. Für die Aufführung haben wir das Stück deshalb zusammengeschnitten und dann an den Proben begonnen, den Text in die Smartphones einzutippen. Es waren die Schauspieler selbst, die den Text nicht originalgetreu, sondern verkürzt als Nachrichten zu versenden begannen. Das war notwendig, um dieses Stilmittel glaubwürdig einzusetzen.

Theater lebt von Emotionen. Doch nun stehen die Charaktere da und starren ständig auf ihre Handys. Ist das für den Zuschauer überhaupt interessant?

Ich denke, der Zuschauer erkennt die Emotionen, welche die Figuren beim Tippen der Nachrichten empfinden. Es stimmt, eine Nachricht allein kann wohl nicht alle Gefühle des Verfassers transportieren. Als Zuschauer sieht man aber den Verfasser wie auch den Empfänger der Nachrichten – mit allen dabei empfundenen Gefühlen. Dadurch erhält man ein umfangreiches Bild davon, was in den Charakteren vorgeht.

Schwingt auch da – neben der Rolle der Frau in der Familie– ein bisschen Gesellschaftskritik mit?

Natürlich beschränkt sich die Debatte über neue Kommunikationstechnologien nicht bloss auf das Theater. Es ist ein gesellschaftliches Phänomen. Die Sprache – oder die Art und Weise, wie wir miteinander sprechen – ist im stetigen Wandel und sehr komplex. Zum Beispiel verwenden wir Emojis oder Smileys nicht nur, weil sie genau unsere Empfindungen widerspiegeln. Wir nutzen sie auch, um unsere wahren Gefühle dahinter zu verstecken. Diese Überlegungen waren auch für mich persönlich interessant.

Warum?

Ich persönlich schreibe viel mehr mit Personen, als ich mit ihnen spreche. Und auch dort habe ich Wege gefunden, unterschiedliche Emotionen unterschiedlich auszudrücken. Ich kommuniziere über Text, Emojis oder Bilder.

Die Dialoge des Theaterstücks finden in Form von Chat-Nachrichten statt.

In «Nora oder ein Puppenhaus» teilen die Akteure einander aber auch folgenschwere Entscheidungen per Chat mit – und nicht von Angesicht zu Angesicht. Ist dieses Verhalten denn nachvollziehbar?

Aus persönlicher Erfahrung würde ich sagen: auf jeden Fall.

Sie handhaben es also ähnlich?

Absolut. Manchmal treffe ich äusserst wichtige Entscheidungen über Kanäle wie Facebook oder Whatsapp. Ich beende Geschäftsbeziehungen mit Text. Und gehe per Text auch neue ein. Ich glaube fest daran, dass sich genauso auch einige Zuschauer auf Chat-Apps und Social Media  einlassen, wie ich es tue.

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Gewinnen Sie jetzt 2 Tickets für die Aufführung von Nora oder ein Puppenhaus am Samstag, 15.12. im Schauspielhaus Zürich. Einsendeschluss ist am Donnerstag, 13.12. um 11:00 Uhr. Viel Glück!
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