Respekt im Internet
3 min

Wo bleibt der Anstand? Der respektlose Ton im Internet

In Kommentarfeldern, auf sozialen Medien und im Chat trifft man oft auf grobe, unangemessene und beleidigende Bemerkungen. Manche Internet User scheinen die gute Kinderstube abzulegen, wenn sie online Meinungen und Ereignisse kommentieren. Woher kommt das?

Kürzlich wurde ein Mann verurteilt, der auf einer sozialen Plattform eine Bundesrätin übel beleidigte. Er wünschte ihr körperliches und seelisches Leid an den Hals und griff dabei tief in die Kiste der Wörter, die wir unseren Kindern nie erlauben würden zu gebrauchen. Glaubt man den Kriminalstatistiken, nehmen die Klagen und Anzeigen wegen Beleidigungen, übler Nachrede oder Rufschädigung im Internet stark zu. Nun kann das einerseits an der Empfindsamkeit der Opfer liegen, die williger Anzeige erstatten, oder der Ton in online Foren ist einfach lauter geworden. Oder: Wir wollen uns diesen Ton nicht mehr gefallen lassen.

Neue Formen der Kommunikation

Das Internet bescherte uns neben Katzenvideos, Datenflut und 15 Minuten Berühmtheit für jeden auch diverse neue sogenannte Kommunikations-Arten. Wenngleich diese oft nur eine Weiterentwicklung von bekannten Formen sind, wirken im Internet andere Mechanismen. So hatten wir früher Leserbriefe geschrieben, wenn uns ein Artikel einer Zeitung einseitig erschien. Oder wir meldeten der Ombudsstelle der SRG, wenn Decolletés zu tief waren. Im Internet geht das heute rassiger. Mit ein paar Klicks kann man dem Autor eines Beitrags seine Missgunst unmissverständlich mitteilen. Mit dem Vorteil, dass mehr Meinungen geäussert werden. Mit dem Nachteil, dass diese nicht selten unüberlegt und noch mit der Wut und Empörung im Bauch abgesetzt werden.

Die vermeintliche Anonymität

Auch hält sich die Mär in den Köpfen vieler, dass das, was im Internet so dahergetippt wird, nicht den gleichen verbindlichen Stellenwert hätte, als das, was ich auf ein Briefpapier schreibe oder ins Telefon spreche. Und viele der sogenannten «Hate Speaker» vermeinen, im Internet sei man inkognito unterwegs, zumal man ja eh einen Nicknamen angegeben habe. Falsch gedacht: Wie in der analogen Welt ist auch im Internet alles genauso verbindlich. Eine Beleidigung im Kommentarfeld ist nicht mehr oder weniger schlimm, als wenn wir sie dem Gegenüber ins Gesicht schreien. Mehr noch: Im Internet ist die Beweislage meist sogar noch einfacher.

Privates, Öffentliches, Intimes

Das Modell der Nähe aus der Psychologie beschreibt drei Bereiche, in denen wir unsere Beziehungen zu anderen einordnen können. Wir kennen jemanden des öffentlichen Lebens, wir verkehren privat mit ihm oder in wenigen Fällen teilen wir auch Intimes miteinander. Und jede Beziehung ist in einem dieser Bereiche angesiedelt. Je nach dem Grad der Nähe verändert sich die Art, wie wir kommunizieren. Wir sind distanzierter, ironischer, kumpelhafter, sarkastischer oder ehrlicher. Nun kann man damit spielen, indem man diese einigermassen strengen Grenzen einseitig aushebelt. Zum Beispiel dann, wenn jemand eine Person des öffentlichen Lebens mit dessen Privatleben oder sogar mit intimen Informationen kommentiert. Es muss aber ein beiderseitiger Konsens darüber bestehen, wo man die gemeinsame Beziehung verortet. «Haben wir zusammen Schafe gehütet?» ist eine typische Reaktion, wenn das Gegenüber von einer anderen Beziehung ausgeht. Wenn nun jemand im öffentlichen Raum die Sexualpraktiken eines anderen zu kommentieren weiss, oder sich erlaubt, eine andere Meinung mit Dummheit gleichzusetzen, zeugt das nicht selten von einem Missverständnis über die Art der Beziehung, die man miteinander hat.

Prinzipien des Umgangs

Jede Beziehung basiert auf Kommunikation. Solange wir richtig, ehrlich, angemessen und respektvoll kommunizieren, steht die Beziehung auf gutem Grund. Wer diese Prinzipien über Bord wirft, muss sich darauf besinnen, was er eigentlich im Schilde führt. Wer nämlich regellos kommuniziert, setzt seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel und am Ende wird er nicht mehr gehört, egal wie viele Ausrufezeichen man setzt. Wir müssen wieder bewusster kommunizieren und uns auf die einfachen Regeln des Austausches zurückbesinnen. Und wenn es auf dem Weg einen Richter braucht, der uns klar macht, was Anstand und Respekt ist, dann ist das nicht ein Ruhmesblatt für uns, sondern eine notwendige Lehrstunde.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Jetzt lesen