3 min

Würden Sie Ihren Kindern das Reden verbieten?

Whatsapp erst ab 16? Das ist über das Ziel hinausgeschossen – findet unser Kolumnist Michael In Albon.

Die beliebte Chat-App ist nun nur für Nutzer ab 16 Jahren frei zugänglich. Die EU freut’s. Und die Datenschutz-Beauftragten in der Schweiz auch. Klar ist: Whatsapp und alle anderen vermeintlich kostenlosen Services auf dem Internet sammeln Daten und machen Geld damit. Auch mit den Daten unserer Kinder.

 

US-amerikanische Unternehmen müssen die Daten von Kindern unter 13 Jahren mit besonderer Vorsicht handhaben. Aus diesem Grund sind Facebook, Whatsapp, Snapchat, etc. gemäss den Geschäftsbedingungen auch erst ab diesem Alter freigegeben. Das ist die juristische Realität. Die Lebensrealität ist die: In der Schweiz haben über 50 % der Primarschüler und 100 % der Sekundarschüler ein Handy. Und damit auch die eine oder andere soziale App. Klar, Facebook zieht nicht mehr so, wie auch schon, aber die Lücke haben Snapchat und Instagram (letzteres gehört zum Facebook-Konzern) rasch gefüllt. Damit haben sich also nicht wenige über die Geschäftsbedingungen hinweggesetzt und chatten, posten und snappen, was das Zeug hält. Wieso?

Kinder in ihrem Erwachsenwerden interagieren mit anderen Kindern. So lernen sie unterschiedliche soziale Mechanismen wie streiten, lieben, debattieren. Und sie erfahren Neues, vergleichen sich mit anderen und finden am Ende zu einer eigenen Identität. Dieses Vorgehen passierte früher auf dem Pausenhof und in der Quartierstrasse, auf dem Schulweg. Heute zusätzlich in digitalen sozialen Medien. Und daran sollte sich auch nichts ändern.

Kinder interagieren mit anderen Kindern. Früher auf dem Pausenhof. Heute zusätzlich in digitalen sozialen Medien. Und daran sollte sich auch nichts ändern.

Michael In Albon

Wenn nun Facebook ihre beliebte Chat-App erst ab 16 freigibt, tut sie dies nicht etwa, um Kinder von ihrem Kommunikations- und Interaktions-Drang abzuhalten. Sie tut dies, weil sie der europäischen Politik einen Knochen vorwerfen muss. Denn nach den Skandalen rund um ihre Daten und deren Umnutzung muss sie guten Willen beweisen. Und unsere Regierungen fallen drauf rein.

Wie medienstark sind Sie?

Informationen zu Medienerziehung bei Swisscom gibt es unter Medienstark.

Sie denken wohl, damit wäre dem Jugendmedienschutz Genüge getan. Endlich können diese Firmen die Daten unserer Kinder nicht mehr abgreifen! Ein Phyrrus-Sieg, fürwahr.

Wenn wir diese zu Ende denken, könnten wir ja Lesen und Schreiben lernen auf die Zeit nach dem 16. Geburtstag verschieben. Dann könnten die Kinder gleich das ganze Internet nicht nutzen und so sicher erwachsen werden. Wir könnten auch Fingerprint-Leser so regulieren, dass sie Abdrücke von Minderjährigen gar nicht akzeptieren. Oder wir könnten Webseiten ausdrucken und Korrekturlesen, bevor wir sie den Kindern abgeben. Oder wir könnten…

Es bringt nichts, Whatsapp erst ab 16 zuzulassen. Kinder wollen, sollen und müssen kommunizieren dürfen.

Michael In Albon

Es bringt nichts, Whatsapp erst ab 16 zuzulassen. Kinder wollen, sollen und müssen kommunizieren dürfen. Auch mit den neuen Geräten und Diensten. Freilich: Die Daten-Sammler hinter diesen Plattformen sollen die Daten nicht zu unangemessenen Zwecken nutzen dürfen, sogar Daten von Minderjährigen besonders schützen. Das ist aber mit einer Zugangskontrolle nicht zu bewerkstelligen. Kinder müssen bereits im Kindesalter lernen können, wo die Gefahren lauern und wie man sie umschifft. Und das können sie nur, wenn sie diese Services nutzen. Wie beim Fahrrad fahren: Sollen sie lernen, sich im Strassenverkehr richtig zu verhalten, müssen sie auf die Strasse. Im Kinderzimmer kann man das nicht üben. Ich plädiere dafür, dass die Kinder Whatsapp nutzen sollen, jedoch unter Aufsicht und Begleitung der Lehrerinnen und Lehrer, der Väter und Mütter. Verbieten wir den Kindern den digitalen Quassel, verbieten wir ihnen, mündige Mitglieder der Informationsgesellschaft zu werden.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

2 Kommentare zu “Würden Sie Ihren Kindern das Reden verbieten?

  1. Das Problem sind nicht die Kids sondern Lehrer, Trainer, Verwandte etc. die glauben wegen der permanenten Erreichbarkeit unserer Kids nicht mehr vorausplanen und KLAR und VOLLSTAENDIG kommunizieren zu müssen. Es ist nicht ok, wenn Kids um 10 Uhr abends noch Regieanweisungen für den nächsten Tag erhalten, sie sich eine Veranstaltung aus x-Nachrichten zusammenreimen müssen und Events bald so oft wieder abegesagt und verschoben kriegen, wie sie angekündigt werden.
    Wer 20+ Kids anschreibt trägt Verantwortung und sollte deshalb öfters und vor allem früher das Gehirn einschalten, anstatt unsere Kids mit dem Mikromanagement eines pupertierenden Kindermeitlis zuzumüllen!

Jetzt lesen