Startkapital

«Geld gäbe es eigentlich genug»

Wie findet man als Jungunternehmen Kapital? Welche Fehler sollte man vermeiden? Und was können Startup-Unternehmer von ihren Investoren verlangen? Antworten vom Venture-Capital-Spezialisten Steffen Wagner.

Herr Wagner, wenn ein Jungunternehmer auf Sie zukommt mit einem guten Produkt, mit viel Elan und mit einem offenbar funktionierenden Team – reicht das? Oder worauf achtet ein Startup-Investor sonst noch?

Zum Beispiel fragt er sich, ob es im Businessplan selber Unstimmigkeiten hat. Investoren achten nicht bloss darauf, dass die Auslegungen in den einzelnen Abschnitten stimmig sind, sondern auch, ob der Plan insgesamt konsistent ist. Es gibt enge Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Aspekten eines Business-Plans – Finanzplanung, Marketingstrategie, und so weiter. Wenn man da genauer hinschaut, sieht man in der Abstimmung, wieviel Denkarbeit eingeflossen ist in die Planung. Es ist kein gutes Zeichen, wenn irgendwo steht: «Wir brauchen 500’000 Franken für Marketing» – aber die Zahlen dann in der Finanzplanung gar nicht auftauchen. Das kommt übrigens erstaunlich häufig vor.

Was wären weitere Warnsignale?

Die «Coachability» ist ein Punkt: Wenn der Investor einen Firmengründer trifft und am Ende das Gefühl hat, der wisse alles besser, dann ist das ein grosses Warnsignal. Es ist wichtig, dass einer zugeben kann, dass er auch Schwächen hat.

Für Kapitalgeber ist der menschliche Aspekt also durchaus wichtig.

Sehr. Wir haben es auf Investiere mit wirklich jungen Unternehmen zu tun.  Hier gibt es wenig Historie und wenig Fakten, auf die man sich wirklich verlassen kann; also sind die Menschen das A und O. Und es gibt Investoren, die rasch einmal sagen: «So einem Typen würde ich nie Geld geben» – einfach weil sie Zweifel haben, ob jemand integer ist, ob auf ihn Verlass ist, dass es eine ehrliche Haut ist.


«Die Idee macht nur 1 Prozent des Erfolgs aus»


Vom berühmten Unternehmensförderer Branco Weiss stammt der Satz: «Ich gebe mein Geld lieber einer zweitklassigen Idee mit erstklassigen Leuten als einer erstklassigen Idee mit einem zweitklassigen Team.» Hatte er recht?

Sicher. Die Idee macht nur ein Prozent des Erfolgs aus, und die Umsetzung ist der ganze Rest. Und diese Umsetzung wird vom Team gemacht. Es gibt tatsächlich zweitklassige Produktideen, die dank guten Leuten zu einem Erfolgsunternehmen gewachsen sind. Dies sind dann oft nicht mehr die Ideen, die zu Beginn in den Köpfen waren, sondern sie haben sich mit dem Markt und mit dem Testen völlig gewandelt – und wurden so am Ende zu erfolgreichen Geschäften.

Wichtig ist die Idee, wichtig ist das Team – und als dritter Aspekt für den Erfolg gilt das Timing.  Wie bedeutsam ist das?

Auch sehr wichtig. Wir haben es oft mit disruptiven Innovationen zu tun; also nicht nur mit kleineren Verbesserungen an bestehenden Angeboten, sondern mit Produkten, die durchaus mal eine Branche umkrempeln können. Bei solchen Innovationen ist der Zeitpunkt des Markteintritts ganz wichtig. Man kann schnell mal ein paar Jahre zu früh sein, aber eigentlich auf das richtige Pferd gesetzt haben. Dafür gibt es ja viele Beispiele.

Gibt es Tricks, um zu ahnen, ob man richtig liegt in der Zeit?

Einen Tipp hätte ich schon: Wenn man gar keine Konkurrenten hat, ist man vielleicht ein bisschen zu früh. Es ist gar nicht schlecht, wenn ein paar andere Wettbewerber schon da sind, zumindest international. Wenn nirgendwo irgendjemand den Ansatz verfolgt, dann ist das in der Regel ein schlechtes Zeichen.


«Ein gutes Unternehmen will auch gute Investoren. Und dazu gehört nicht nur ein Portemonnaie»


Einmal umgekehrt gefragt: Was kann ich als Startup oder Jungunternehmer von einem Investor verlangen?

Wenn Sie ein guter Unternehmer mit einem guten Selbstbewusstsein sind, dann müssen Sie den gleichen Anspruch an Ihre Investoren haben: Ein gutes Unternehmen will auch gute Investoren. Und dazu gehört nicht nur ein Portemonnaie, sondern auch die Frage, ob dieser Investor Expertise, Know-how und ein Netzwerk mitbringt. Diesen Anspruch sollte man haben. Denn Geld gibt’s eigentlich genug, und als guter Unternehmer kann man sich seine Investoren zu einem gewissen Grad auch aussuchen.

Wie gefährlich kann so eine Partnerschaft sein? Es gibt Investoren, die eine ganz starke Rolle wollen – bis hin zur Bereitschaft, dass man ihnen am Ende den ganzen Laden abgibt.

Aus Sicht der Investoren braucht es eine Exit-Bereitschaft. Nur durch einen Verkauf des Unternehmens oder durch einen Börsengang können sie am Ende zu Geld kommen. Dividenden kann man sich von jungen Unternehmen ja lange keine erhoffen, also muss diese Exit-Perspektive schon da sein. Der Gründer muss also die Bereitschaft haben, in einem absehbaren Zeitraum – zum Beispiel zwischen 5 und 10 Jahren – das Unternehmen auch wieder abzugeben. Dabei sind Business Angels allerdings etwas entspannter als Venture-Capital-Fonds. Die haben meist weniger Geduld.

Lautet Ihr Tipp an Jungunternehmer also: Seht zu, dass ihr einen Business Angel kriegt – und nicht einen grossen Institutionellen Investor?

Man kann das nicht pauschalisieren. Wichtig ist einfach: Von einem institutionellen Venture-Capital-Fonds würde ich verlangen, dass er mir aufzeigt, wie er mir dereinst bei einem Verkauf des Unternehmens oder beim Börsengang helfen kann. Bei einem Business Angel stellt sich diese Frage nicht zuerst – sondern eher: Kann er mir mit meiner Go-To-Market-Strategie helfen? Was kann er zu den nächsten Schritten beitragen?


Mehr: «Die Firmenwert-Rechner – hier sehen Sie, was Ihr Unternehmen wert sein könnte»


Wie einigt man sich bei der Firmenbewertung? Auf welche Formel würden Sie setzen?

Ich setze nie nur auf eine Methode. Ein guter Investor sollte sich aus verschiedenen Perspektiven der Bewertungsfrage nähern. Natürlich sollte er rechnen, also zum Beispiel die Discounted-Cashflow-Methode anwenden. Er sollte aber auch ähnlich gelagerte Unternehmen suchen und dort die Zahlen anschauen. Er sollte mal eine Bottom-up-Rechnung machen und herausfinden, was an Zeit und Geld eingeflossen ist in das Unternehmen. Und so weiter. Es gibt typischerweise sechs oder sieben Methoden, und es ist clever, wenn man die alle mal anwendet und schaut, welche Spannweite sich daraus ergibt.

Diese Spannweite wird dann schon mal beträchtlich sein …

… genau. Und innerhalb dieser Spannweite ist die Bewertung dann Voodoo. Da muss man nicht mehr so tun, als ob man den Firmenwert pseudowissenschaftlich auf den Franken genau einschätzen könnte.


«Es hilft, wenn man nicht bei Null anfangen muss»


Investiere.ch ist in einem Bereich tätig, den man zur Crowdfinanzierung zählen kann. Wie findet man erfolgreich Geld auf einer Online-Finanzierungsplattform?

Wir sind eine spezielle Form innerhalb des Crowdinvesting, weil es hier auch Elemente von traditionellen Business-Angel-Netzwerken und VC’s gibt. Aber wenn «Crowd» bedeutet, dass man sich online einer grösseren Zahl von Investoren präsentiert – dann ist einer der Erfolgsfaktoren schon, dass man sich nicht nur an Experten richtet, sondern auch an Investoren, die von der Thematik etwas weiter entfernt sind. Also ist Verständlichkeit wichtig. Wir haben zwar auch schon erfolgreich Nanotechnologie-Unternehmen finanziert; aber die Herausforderung ist doch grösser, wenn das Thema sperrig ist.

Welche Bedingungen sind sonst noch zu beachten?

Es hilft, wenn man nicht bei Null anfängt. Wenn man also schon sagen kann, dass man bereits ein gewisses Commitment anderer Investoren hat. Das schafft Vertrauen. Es ist wie in anderen Bereichen auch: Am schwersten fällt es, die ersten Investoren zu gewinnen; doch wenn man die mal hat, dann folgen die anderen leichter. Es hilft natürlich auch, wenn der, der früh ja sagt, eine gewisse Glaubwürdigkeit hat. Wenn eine Firma im Tourismus tätig ist und einen Kapitalgeber für sich gewinnen kann, der schon zwanzig Jahre in der Tourismusindustrie war und hier selber schon erfolgreich ein Unternehmen aufgebaut hat, dann ist das natürlich ideal.


Steffen Wagner Verve CapitalSteffen Wagner ist Mitgründer und CEO der Venture-Capital-Plattform Investiere beziehungsweise Managing Partner des Venture-Capital-Unternehmens Verve Capital Partners in Zürich. Wagner hat Wirtschaft und Philosophie in Berlin und Madrid studiert und war von 1999 bis 2010 als Managementberater tätig, unter anderem für PricewaterhouseCoopers, b&m management, Accenture und UNDP.

Investiere ist mittlerweile die grösste Crowdfunding-Plattform der Schweiz. Konkret ist es eine Co-Investment-Plattform, auf der einerseits Unternehmen sich selber und ihre finanziellen Anforderungen präsentieren, und andererseits Risikokapitalgeber nach Firmen suchen können, bei denen sie sich mit Beiträgen ab 10’000 Franken beteiligen können.

 

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