Geld

Jeder KMU-Chef muss auch Finanzchef sein

Selbst hervorragende Firmen scheitern, wenn an der Spitze das Finanz-Knowhow fehlt. Hier einige Regeln für den richtigen Umgang mit dem Geld.

Von Madeleine Stäubli-Roduner, «Handelszeitung»

Die Software, die die Berner Firma offerierte, war technologisch veraltet. Daher beschaffte die Geschäftsführung Kapital und überarbeitete das Programm. Doch sie brachte es nie richtig zum Laufen. Trotzdem gewann die Firma einen Kunden und installierte dort die Software.

Da das Programm nicht funktionierte, musste die Berner Firma dem Kunden eine saftige Konventionalstrafe zahlen. Diese Strafe führte zu einem Liquiditätsengpass des Unternehmens, das ohnehin schon einige falsche Markt­­entscheidungen getroffen hatte. Kein Wunder, dass die Firma Konkurs ging.

Das Beispiel verdeutlicht, dass falsche Produkt- und Marketingentscheide zu Geldnot führen und existenziell bedrohlich sein können. Finanzfragen sind verknüpft mit zahlreichen Unternehmensbereichen und daher zentral. «Gesunde Finanzen sind Chefsache, da viel zu wichtig, um sie ausschliesslich an den Treuhänder zu delegieren», sagt Hans Blatter, KMU-Experte aus Ammerzwil BE. 

Wenn der Chef kein Finanzchef ist

Allerdings fehle es manchen fachlich versierten Führungskräften an der nötigen Expertise. «Dabei ist es unabdingbar, dass ein Chef sich auf diesem Gebiet auskennt oder ausbilden lässt», sagt Blatter. Denn meist hat ein KMU-Chef intern keinen Profi für diese Belange. Auch Urs Gauch, Leiter KMU-Geschäft Schweiz der Credit Suisse, sagt: «Im Gegensatz zu Grossunternehmen verfügen KMU nicht über die gleichen Mittel für spezialisierte Finanzabteilungen.» Folglich gibt es keine interne Fachperson, die etwa die Bonität von alten und neuen Kunden überprüft, die Investitionsplanung angeht oder die Erfolgszahlen versteht. Dadurch können Firmen horrende Geldsummen verlieren.

Um solche Szenarien zu verhindern, drängt sich gemäss Experten unter anderem eine ständige Kontrolle der Liquidität auf, da laut Urs Gauch «auch das operativ erfolgreichste Geschäft stets ausreichend Liquidität benötigt». Auch Blatter fordert, ein Frühwarnsystem zu installieren, um einen Engpass oder eine drohende Insolvenz rechtzeitig zu erkennen.

Schlechtes Finanzmanagement gefährdet auch das beste Unternehmen

Die Finanzlage eines KMU spiegelt laut Gauch seinen Mehrwert, den Kunden wahrnehmen und bezahlen. «Stimmt dieser nicht, hat die Unternehmung längerfristig kaum Überlebenschancen. Daran ändert auch eine sehr gute Finanzstruktur nichts», sagt Gauch.

Umgekehrt gebe es immer wieder Beispiele von guten und ­innovativen Unternehmen, die durch schlechtes Finanzmanagement gefährdet seien. Wenn ein KMU in finanzielle Schwierigkeiten gerät, liegen die Ursachen laut Blatter jedoch eher selten nur in finanztechnischen Fehlern, sondern vielmehr in betrieblichen Bereichen, welche die Finanzlage belasten.

Wo überall Probleme liegen

Viele KMU leiden an organisatorisch oder technisch veralteter Produktion und sind deshalb nicht konkurrenzfähig. Oder ihre Leistung ist austauschbar, ein Alleinstellungsmerkmal fehlt. Es gibt keine Eigenentwicklungen, Patente und Lizenzen; als Folge setzt die Firma auf ungesund tiefe Preise. «Sehr viele KMU sind in dieser Situation», sagt Blatter. Andere verlieren sich beim Aufbau des Exportgeschäfts, da sie die Marketingkosten und die dafür notwendige Zeit unterschätzen. Bei Startups wird die Finanzierung zwar oft sorgfältig geplant, aber das Produkt findet nicht den erhofften Erfolg bei Kunden. Daher überlebt ein Drittel bis die Hälfte der Startups das fünfte Jahr nach der Gründung nicht.


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Manche Betriebe tätigen Fehlinvesti­tionen in Maschinen, Lager oder zu grosszügige Liegenschaften. Gerade Überinves­titionen in Kapazitäten sind laut Blatter verbreitet; beispielsweise least eine Firma Maschinen, die sie voll auslasten müsste, um die Leasingraten bezahlen zu können. Daher ist sie gezwungen, auch nicht kostendeckende Aufträge anzunehmen, was die Einnahmen stark schmälert.

Kennen Sie die finanztechnischen Grundregeln?

Doch auch bei der Einhaltung der finanztechnischen Grundregeln hapert es mancherorts. Ungünstig wirken sich beispielsweise fehlendes Eigenkapital und mangelnde Reserven aus, denn dies limitiert die Mittel für Forschung und Entwicklung und schafft Probleme in Zeiten von schwachen Auftragseingängen und Konjunkturdellen.

Hinter vielen Missständen steckt laut Blatter eine mangelhafte Datenerhebung. «Die zur Analyse notwendigen betriebswirtschaftlichen Daten stehen in KMU oft nicht zur Verfügung.» Dies führe zu Nicht- oder Fehlentscheidungen. Wenn diese Zahlen vorliegen und unprofitable Kunden und Bereiche bekannt sind, fehlt im Betrieb vielfach der Wille, etwas zu verändern. «Die internen Widerstände gegen Veränderungen sind in der Regel gross.»

Tipps: So schätzt man die Risiken richtig ein

1. Analysen 

  • Kleinfirmen können sich laut KMU-Experte Hans Blatter auf einige Kostenkontrollen beschränken, etwa die Personal- und Materialkosten im Verhältnis zum Umsatz analysieren.
  • Mittelgrosse Firmen sollten weitere ­Instrumente einsetzen, namentlich ­Monats- oder Quartalsabschlüsse mit Kurzanalysen, Cashflow-Rechnungen und Liquiditätspläne mit Kommentar, rollende Dreijahrespläne für die Bereiche Budget, Finanzen, Investitionen und Trends im Markt.

2. Regeln

Folgende Punkte sind nach Ansicht von Experte Urs Gauch von der Credit Suisse besonders zu beachten:

  • Stetige Liquiditätssicherung. KMU sollen mittels Kontenübersicht, Liquiditätsplanung und Cash Management sämtliche Engpässe überbrücken.
  • Risiken richtig einschätzen. Häufig werden Debitorenrisiko, Währungsri­siko oder Zinsrisiko unterschätzt. KMU sollten sich diese Risiken bewusst ­machen und abwägen, welche sie mit oder ohne Absicherung in Kauf nehmen wollen.
  • Die eigene  Zahlungsmoral. Sie ist laut Blatter ein zentraler Punkt: «Wenn die Kreditwürdigkeit angekratzt ist, werden Lieferanten restriktiv und es fehlt meist Kapital für grössere Anschaffungen.»
  • Zuverlässiger Finanzierungspartner. Ein KMU soll seinen Finanzpartner sorgfältig auswählen, denn dieser kann in turbulenten Zeiten nicht einfach ­gewechselt werden.

Ein Beitrag von handelszeitung.ch

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