Crowdlending-Kredit für Schweizer KMU: Praxisbeispiel

KMU-Investitionen finanzieren

Mit Crowdlending ohne Bank zum Kredit

KMU finanzieren ihre Projekte zunehmend über Crowdlending anstatt über Banken. So auch Peter Graf, Inhaber des Fahrradherstellers UrbanRider. Doch welche Erfahrungen machte der Unternehmer damit?

Vor fünf Jahren machte Peter Graf, ein begeisterter Radfahrer, sein Hobby zum Beruf. Er gründete die Firma UrbanRider, in dem sich die Kunden ihre Stadtflitzer online zusammenstellen können. Zudem profilierte er sich mit der Entwicklung und Produktion von Kindervelos, die leichter sind als die gängigen Modelle.

2016 sah Graf aufgrund der Nachfrage nach Kindervelos die Chance, einen Wachstumsschub für sein KMU auszulösen. Für die Produktion eines neuen Modells brauchte er allerdings eine Vorfinanzierung. Der Gang zu den Banken erwies sich als unergiebig: Die Institute zeigten wenig Interesse, und Graf selber fand den Service «kompliziert und intransparent».

Crowdlending: Mehr Risiko, mehr Zins

Seine Lösung hiess Crowdlending. Es ist eine Form der Kreditbeschaffung, bei dem Gelder von verschiedenen Anlegern zu einem Kredit zusammengefasst werden. «Ich informierte mich bei mehreren Plattformen und reichte schliesslich den Kreditantrag bei Swisspeers ein», so Graf. Nach der Bonitätsprüfung wurde das Projekt bei den Investoren online zur Auktion ausgeschrieben.


Zwei Wochen später war das Geld auf dem Konto: 60’000 Franken, verzinst zu 4,25 Prozent über eine Laufzeit von drei Jahren. Der Zinssatz wurde auf der Basis der Risikoprüfung festgelegt. Dabei gilt wie im traditionellen Kreditgeschäft: Je höher das vom Kreditnehmer ausgehende Risiko, desto höher der Zinssatz. Der relativ moderate Zins für UrbanRider deutet auf eine hohe Kreditwürdigkeit hin.

Crowdfunding-Volumen steigt

Dauern Kreditanträge bei Banken im Schnitt sechs Wochen, geben die Online-Finanzierer an, die Anträge für Crowdlending innert weniger Tage zu bearbeiten. Die virtuelle Alternative ist denn auch für KMU verlockend: Laut dem Crowdfunding-Monitoring der Hochschule Luzern sind 2016 die über Crowdfunding vermittelten Gelder erstmals auf deutlich über 100 Millionen Franken gestiegen. Der im Vorjahr noch unbedeutende Bereich KMU-Kredite erreichte 28 Millionen Franken (siehe Box).

Rund 50 Crowdfunding-Plattformen sind in der Schweiz mittlerweile aktiv, davon richtet sich ein gutes Dutzend an KMU. Sie bieten sich vor allem für Kreditgrössen von bis zu 300’000 Franken an, ein Bereich, der für Banken meist nicht attraktiv ist. «Im Gegensatz zu den Banken sehen wir uns als Partner auch von sehr kleinen Unternehmen und entwickeln gemeinsam mit ihnen Lösungen», sagt Teddy Amberg, Leiter Business Development von Creditgate24.

Der kollegiale Umgang bedeutet allerdings nicht, dass den Unternehmern das Geld nachgeworfen wird. Nur ein Bruchteil der Kreditanfragen führt zu einem Abschluss; bei Creditgate24 ist es jede fünfte. «Wir nehmen die Bonitätsprüfung sehr ernst», betont Amberg, «Ausfälle können wir uns nicht leisten.»

Crowdlending-Plattformen verlangen Gebühren

Crowdfunding boomt

«In diesem Jahr hat sich Crowdfunding auf beeindruckende Art und Weise entwickelt», schreibt Andreas Dietrich vom Institut für Finanzdienstleistungen (IFZ) der Hochschule Luzern im neusten Crowdfunding-Monitoring. Danach ist das Volumen an vermittelten Geldern zwischen 2015 und 2016 von 28 auf 128 Millionen Franken gestiegen, die Zahl der Kampagnen von 1’342 auf 3’098.

Der Teilbereich Crowdlending – also die Vermittlung von Unternehmenskrediten – explodierte förmlich von 0,6 auf 28 Millionen Franken. Ein KMU-Kredit liegt bei durchschnittlich 171’000 Franken. Interessant ist, dass neben Privatpersonen zunehmend institutionelle Investoren und Family Offices aktiv sind, welche die neue Anlageklasse entdeckt haben und auch die entsprechenden Summen bereitstellen. Für 2017 wird nochmals eine «deutliche Wachstumsbeschleunigung» erwartet.

Swisspeers-Gründer Alwin Meyer stellt fest, dass viele Firmen den beantragten Kredit gar nicht bedienen können und darum nicht fremdkapitalfähig seien. Crowdlending eigne sich nur für etablierte Firmen, die wie UrbanRider bereits Einnahmen erzielten. «Start-ups brauchen hingegen Eigenkapital etwa mittels Crowdinvesting», so Meyer.

Die Online-Geldvermittler fordern für ihre Tätigkeit eine Gebühr, die laut Crowdfunding-Monitoring zwischen 0,45 und 5 Prozent liegt. Bei Swisspeers etwa zahlen Kreditnehmer neben einer einmaligen Gebühr von 2’000 Franken jährlich 0,5 Prozent auf den ausstehenden Kreditbetrag. Creditgate24 verlangt jährlich 0,6 bis 0,8 Prozent der Kreditsumme, maximal 3 Prozent.

Offenheit bringt PR-Effekt

Auf dem Online-Kapitalmarkt muss Finanzierung nicht mehr etwas sein, das hinter verschlossenen Türen passiert. Durch den Gang an die Öffentlichkeit können die Kampagnen vielmehr zur Kundengewinnung genutzt werden. Auf der Swisspeers-Plattform treten Kreditnehmer auf Wunsch mit Namen auf, was laut Alwin Meyer einen «nicht zu unterschätzenden PR-Effekt» hat. Anders sieht das Teddy Amberg von Creditgate24, die in jedem Fall die Anonymität der Kreditnehmer wahrt: «Je mehr sich die Unternehmer öffentlich exponieren, desto emotionaler wird es», sagt Amberg, «das wollen wir verhindern».

Peter Graf sieht die Transparenz als Vorteil. Über Blogs und Posts in den sozialen Medien können potenzielle Kunden und Investoren sehen, wie er das Geld einsetzt. «Ich möchte das Thema Kredit enttabuisieren und andere Unternehmen zu Crowdlending ermuntern», sagt er. Die Offenlegung seiner Kreditgeschäfte bringe zwar einen Werbeeffekt, gleichzeitig steige aber auch der Erfolgsdruck: «Umso wichtiger ist es, sicherzustellen, den Kredit auch zurückzahlen zu können», rät Graf.

Das Projekt dürfe nicht auf Hoffnungen beruhen, sondern brauche einen soliden Businessplan. Als er den Kredit für seine Kindervelos beantragte, hatte er nicht nur einen Vertriebspartner auf sicher, sondern auch schon Interessenten aus dem bestehenden Kundenstamm. So ist die Rechnung für Peter Graf vollends aufgegangen.

 

Fotos: Boris Baldinger

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