Digitalisierung 1968: am Terminal eines IBM-Grossrechners

Studie und Ticketverlosung

Nur Automatisieren war gestern

Die Zeiten, als Computer den Menschen dank Automatisierung bloss simple Routineaufgaben abnehmen konnten, sind längst vorbei. Heute dringt die Digitalisierung in die Tätigkeit von Spezialisten vor und kann dadurch auch den Fachkräftemangel abschwächen. Müssen wir Menschen uns also künftig vermehrt spezialisieren? Eine Studie zeichnet hierzu ein differenziertes Bild.

Wann hat die Digitalisierung des Geschäftsalltags begonnen? Mit den ersten Grossrechnern, mit dem Siegeszug des Personal Computers Ende der 70er-Jahre, oder erst mit dem Aufkommen des Internet gegen Ende des letzten Jahrtausends? Sicher ist, dass das Internet der Digitalisierung einen grossen Schub bereitete. Plötzlich konnten Firmen ihre Korrespondenz am Computer erledigen und per E-Mail verschicken, statt tagelang auf die Antwort per Briefpost («snail mail», Schneckenpost) zu warten.

Heute, gut 20 Jahre später, steht die Digitalisierung an einem ganz anderen Ort. Viele Geschäftsprozesse sind ganz selbstverständlich digital. Korrespondenz, aber auch Buchhaltung und Banking lassen sich ohne grossen Aufwand papierlos und online erledigen. Zumindest aus technischer Sicht ist die Digitalisierung von Standard-Abläufen mehrheitlich gelöst. Die Buchhaltungssoftware holt sich die Zahlungsbelege aus dem Online-Banking, und Kommunikationskanäle wie Chat, E-Mail und Online-Konferenzen vereinfachen die Zusammenarbeit unabhängig vom Standort.

Mit Automatisierung gegen Fachkräftemangel

Viele Routineaufgaben sind längst digitalisiert und automatisiert. Und die Entwicklung geht weiter. Gemäss der Studie «Erfolgsfaktoren für KMU 2017» der Credit Suisse arbeitet fast die Hälfte der Schweizer Erwerbstätigen in einem Bereich mit mittlerem Automatisierungspotenzial, bei dem 30 bis 70 Prozent der Aufgaben automatisiert werden könnten. Die Grossbank bezieht sich dabei auf eine deutsche Studie von Ende 2015 («Folgen der Digitalisierung für die Arbeitswelt»).

Das bedeutet aber nicht, dass deshalb im grossen Stil Arbeitsplätze wegfallen. Denn die CS-Studie hat gleichzeitig ermittelt, dass hierzulande rund 90’000 KMU Mühe haben, geeignete Fachkräfte zu finden. Digitalisierte und automatisierte Abläufe können helfen, diesen Fachkräftemangel zu kompensieren. Die wenigen vorhandenen Fachleute können sich auf ihre Spezialistentätigkeit konzentrieren, während Routineaufgaben automatisiert werden.

Rund ein Viertel der befragten Unternehmen nutzen diesen Ansatz. Dabei korreliert der Automatisierungsgrad mit dem Potenzial einer Branche. So setzen Industrie, Handel und Informatikunternehmen überdurchschnittlich stark auf Automatisierung. Schlusslicht bilden Bildungswesen und Tourismus, also Branchen mit personalintensiven und individuellen Aufgaben und entsprechend tiefem Automatisierungspotenzial. Denn ein Roboter ist derzeit als Skilehrer ebenso wenig denkbar wie als Leiter eines Workshops in der Weiterbildung.

Führt Digitalisierung zu einer Spezialisierung?

Doch mit künstlicher Intelligenz und den allgegenwärtigen Sensoren des Internets der Dinge (IoT, Internet of Things) erobert die Informatik auch Tätigkeiten, für die bislang Fachleute nötig waren. In der sogenannten «Industrie 4.0» sorgen Sensoren und Software dafür, dass Fertigungsprozesse vollautomatisiert ablaufen und Nachschub rechtzeitig bestellt wird. Vereinfacht ausgedrückt: Nachdem die Informatik vor bald 20 Jahren einfache Routineaufgaben automatisiert hat, dringt sie nun in spezialisierte Bereiche vor. Künstliche Intelligenz konkurrenziert mit menschlichem Fachwissen. Was heisst das nun für Arbeitsplätze respektive menschliche Tätigkeiten?

Wenn die einfachen Arbeiten wegfallen, bleiben mehrheitlich spezialisierte Jobs übrig. Das ist, etwas vereinfacht ausgedrückt, eine absehbare Folge der Digitalisierung. Das bedeutet, dass vermehrt Fachkräfte gefragt sind und die Anforderungen an die Fähigkeiten der Mitarbeitenden steigen. Ein Beispiel: Früher kannte sich der Automechaniker, wie es die Berufsbezeichnung ausdrückt, mit allen Komponenten eines Autos aus und konnte diese reparieren. Heute ist die Berufsbildung aufgeteilt in den Automobil-Mechatroniker und den Automobil-Fachmann, der sich um rein mechanische Belange kümmert. Der Mechatroniker dagegen kümmert sich als Nachfolger des klassischen «Automech» auch um elektronische Komponenten. Fahrzeugprobleme stellt er anhand der digitalen Diagnosewerkzeuge fest, die die zahlreichen Sensoren und aufgezeichneten Computerdaten im Auto auslesen und defekte Komponenten identifizieren. Handwerkliches Geschick alleine reicht für diesen Beruf nicht mehr. Für die vierjährige Berufslehre ist neben logischem Denken auch ein Abschluss der obersten Sekundarstufe (Sek A) gefragt. Die Digitalisierung des Autos hat also zu einer Spezialisierung des Berufs geführt.

Allerdings, welchen Einfluss die Digitalisierung auf den Bedarf an Spezialisten wirklich habe, lasse sich heute noch nicht eindeutig feststellen, so die Autoren der CS-Studie. Und auch die befragten Unternehmen sind sich uneinig. Während 38 Prozent von einem steigenden Bedarf ausgehen, rechnen 54 Prozent mit einem gleichbleibenden Bedarf. Je digitaler eine Branche ist, desto höher schätzt sie den Bedarf nach Spezialisten. In der Informatik-Branche rechnen über 60 Prozent der Befragten mit einer Zunahme, während es im Baugewerbe nur etwa die Hälfte sind. Denn künstliche Intelligenz kann bereits heute Software entwickeln, während für den Bau von Häusern wohl noch länger Handwerker aus Fleisch und Blut gefragt sein werden.

 

Titelbild: Zwei Frauen an Terminals eines IBM-Grossrechners 1968. Quelle: IBM

 

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