Bewerbungsgespräch: Richtig fragen, beobachten, einschätzen

Der erste Eindruck zählt. Der zweite auch

Mit Standardfragen lässt sich in einem Bewerbungsgespräch kein aussagekräftiger Eindruck eines Kandidaten gewinnen. Die Checkliste für ein gewinnendes Gespräch.

«Welches ist Ihre grösste Schwäche?» Die Standardfrage im Bewerbungsgespräch erhält in der Regel auch eine Standardantwort: «Ungeduld!». Logisch, der Bewerber oder die Bewerberin kann ja in jedem Ratgeber nachlesen, was der Arbeitgeber hören will. Mit solch vorhersehbaren Fragen ist heute nicht mehr viel über sein Gegenüber zu erfahren.

 

Die Persönlichkeit des Bewerbers eruieren

In der knappen Zeit eines Vorstellungsgesprächs sollte die Chance genutzt werden, einen Menschen hinter dem Bewerbungsdossier kennen zu lernen – seine Fachkenntnisse, seine Motivation und seine Persönlichkeit. Die Interviews liefern die Entscheidungsgrundlage, damit die offene Stelle fachlich und menschlich richtig besetzt werden kann.

Entsprechend sollten Fragen gestellt werden, die einen Blick hinter die Fassade des Kandidaten erlauben. Zum Beispiel: «Was ist das Verrückteste, das Sie jemals in Ihrem Leben gemacht haben?», «Was bringt Sie auf die Palme?», «Wie ist Ihr aktueller Chef?» oder «Wer ist Ihr Vorbild – und warum?»

Achten Sie neben den Antworten vor allem auch auf nonverbale Signale wie Kleidung, Mimik, Gestik, Haltung und Stimme. Sitzt er aufrecht oder lümmelt er sich in den Stuhl? Wippt er mit dem Fuss? Nimmt er Pseudo-Denkerposen ein? Das alles kann auf Aggressivität, Arroganz oder mangelnde Manieren hinweisen.

 

Bewerbungsgespräch zwischen mündigen Menschen

Fragen nach Persönlichem wie Hobbys oder Familie sind tabu. Laut Datenschutzgesetz dürfen nur solche Informationen erfragt und gesammelt werden, die unmittelbar für ein Arbeitsverhältnis nötig sind. Unerlaubt sind demnach Fragen zu Schwangerschaft und Kinderwunsch, Religion und politischer Gesinnung, Vermögensverhältnissen, Krankheiten und sonstigen Gebrechen, Partnerschaft und Familienverhältnissen.

Ein Bewerbungsinterview sollte kein Kreuzverhör sein, sondern ein freundliches Gespräch unter mündigen Menschen. Allerdings darf es zuweilen durchaus herausfordernd sein; nur so zeigt sich, wie belastbar ein Bewerber ist. Sie können den Stressmoment immer noch abfedern mit der Bemerkung «Ich wollte nur mal prüfen, wie Sie reagieren, wenn Sie unter Druck stehen». Aber seien Sie sich bewusst, dass die Art der Fragen auch viel über den Fragesteller verrät.

 

Die Checkliste

1. Vorbereitung

  • Legen Sie die organisatorischen Eckpunkte fest: Termin, Ort, Dauer.
  • Legen Sie Stellenbeschreibung, Bewerbungsunterlagen und Firmenunterlagen bereit.
  • Organisieren Sie je nachdem eine Arbeitsplatzbesichtigung, ein Interview mit dem direkten Vorgesetzten oder einen Rundgang durchs Unternehmen. 

 

2. Vorstellung (10 Minuten)

  • Heissen Sie den Kandidaten willkommen, bedanken Sie sich für die Bewerbung und das Interesse an der Firma.
  • Skizzieren Sie den Ablauf des Gesprächs.
  • Stellen Sie sich und Ihre Firma kurz vor und weisen Sie auf die Bedeutung der ausgeschriebenen Stelle hin.
  • Bringen Sie den Kandidaten zum Reden, zum Beispiel so:
    • «Erzählen Sie mir etwas über sich, das ich unbedingt wissen sollte.»
    • «Wie haben Sie sich auf das Gespräch heute vorbereitet?»
    • «Worauf sind Sie stolz in Ihrem Leben?»
  • Leiten Sie dann über zu seiner Motivation:
    • «Warum haben Sie sich bei uns beworben?»
    • «Wie stellen Sie sich die Funktion gemäss Inserat vor?»

 

3. Fragerunde (30 Minuten)

  • Gehen Sie das Profil des Bewerbers durch mit Ausbildung, Fachwissen, Berufs- und Führungserfahrung. Mit der Frage «Bitte fassen Sie Ihren Lebenslauf mit den wichtigsten Stationen zusammen» erfahren Sie, was dem Bewerber wichtig ist.
    • Erfahren Sie mehr zu Charakter und Persönlichkeit des Bewerbers, seine Selbsteinschätzung, sein Arbeits- und Sozialverhalten und seine Werte mit Fragen wie:
    • «Nennen Sie mir einen Misserfolg und was Sie daraus gelernt haben.»
    • «Was ist Ihr grösster Erfolg, den Sie im Beruf erreicht haben?»
    • «Wie würden Sie Ihren Arbeitsstil beschreiben?»
    • «Wann stossen Sie an Ihre Grenzen?»
    • «Wie lösen Sie Konflikte im Team?»
    • «Was war der schwierigste Entscheid, den Sie jemals treffen mussten?»
  • Fragen Sie nach den Erwartungen an die neue Stelle:
    • «Wie stellen Sie sich das erste halbe Jahr hier bei uns vor?»
    • «In welchen Situationen sind Sie am leistungsfähigsten?»

 

4. Formelles (10 bis 15 Minuten)

  • Besprechen Sie die Anstellungsbedingungen: Arbeitszeit, GAV, Kündigungsfrist, Ferien, Sozialleistungen, Probezeit sowie das mögliche Eintrittsdatum.
  • Reden Sie über Lohnvorstellungen mit Fragen wie:
    • «Was haben Sie vorher verdient?»
    • «Welchen Lohn stellen Sie sich vor?»

 

5. Abschluss (5 Minuten)

  • Ermuntern Sie den Bewerber, Fragen zu stellen, und klären Sie offene Punkte.
  • Definieren Sie das weitere Vorgehen, organisieren sie allenfalls einen Schnuppertag. Schliessen Sie mit der Frage:
    • «Welchen Mehrwert geben Sie uns, wenn wir uns für Sie entscheiden?»
  • Geben Sie einen Termin für das Feedback bekannt und halten Sie sich daran.

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