Ist Strategie-Entwicklung Aufgabe des Verwaltungsrats?

Selbst wenn Geschäftsführung und Verwaltungsrat in vielen KMU identisch sind: Jedes KMU sollte sich die Frage stellen, wie es strategische Fragen anpackt. Nicht immer ist eine interne Antwort die beste.

Ist der Verwaltungsrat verantwortlich für die Strategie der Firma? In der überwiegenden Zahl der KMU ist diese Frage eher theoretischer Natur. Dort sind Verwaltungsrat und Geschäftsführung ohnehin meist identisch. Wenigstens hier in der Schweiz mit dem angelsächsischen System der Personalunion von Aufsicht und Ausführung entspricht dies der Realität. Dennoch, die obige Fragestellung ist praktisch von grosser Bedeutung und sollte in jedem KMU diskutiert werden, wenn auch unter Einbezug der folgenden zusätzlichen Aspekte.

 

Externer Verwaltungsrat im KMU

Nicht selten finden sich – auch in kleinen KMU – externe Verwaltungsräte bzw. Beiräte. Sie sollen das Unternehmen vor Betriebsblindheit schützen und ihm Know-how und Beziehungen vermitteln, die es sonst nicht hätte. Diese Idee ist begrüssenswert und kann für die Eigentümer der Firma von hohem Nutzen sein.

 In der Praxis stelle ich jedoch immer wieder fest, dass den externen Verwaltungsräten das für die Strategie-Entwicklung notwendige Know-how vollkommen fehlt. Sie wurden in der Regel auch nicht aufgrund ihres Strategiewissens ins Unternehmen geholt, sondern allein aufgrund ihrer Beziehungen zu Investoren, aufgrund ihrer Freundschaft zu den Eigentümern oder oftmals auch wegen ihres Know-hows in spezifischen Fachfragen wie Marketing oder Finanzen. Die fehlende Betriebsblindheit bleibt damit nicht selten als einziger positiver Effekt im Strategieprozess übrig.

 

Strategie-Entwicklung muss im Unternehmen selbst stattfinden

Weitaus praktischer und vor allem erfolgversprechender ist es, die Strategie-Arbeit direkt ins Unternehmen zu verlagern. Kopf des Strategie-Teams sollten regelmässig die mitarbeitenden Geschäftsleitungsmitglieder sein, die wie oben dargestellt ohnehin auch die VR-Sitze innehaben. Bewährt hat sich ausserdem der frühzeitige Einbezug von Schlüsselmitarbeitern, die entweder von ihrer Position im Unternehmen einen engen Strategiebezug aufweisen (wie beispielsweise im Marketing, Vertrieb oder der Produkteentwicklung), oder die aus eigenem persönlichen Interesse ihren Beitrag zur Unternehmensgestaltung mit leisten wollen.

Viele Strategieberater von KMU sind sich mittlerweile einig: «Mitarbeiter sind die besten Strategen». Last but not least sind in die Strategiearbeit involvierte Mitarbeiter um das x-fache motivierter, interessierter und loyaler als solche, die bloss auszuführen haben, was andere sich ausgedacht haben. Nicht zuletzt liegt gerade hier eine der zentralen Stärken von KMU im Vergleich zu den grossen Unternehmen und Konzernen, die ihre Strategien weit entfernt von den Mitarbeitern im Elfenbeinturm austüfteln.

Weiter beobachte ich immer wieder, dass rein intern gebildete Strategieteams in ihren Workshops und Meetings zwar «Strategie» auf der Agenda stehen haben, sich aber dann trotzdem fast nur noch über das operative Geschäft unterhalten – dies oftmals im Glauben, man diskutiere und entscheide Strategisches. Auch der mir bekannte KMU-Chef mit rund 30 Mitarbeitern, der kürzlich meinte, «Meine Leute können und müssen alles entscheiden, was das Tagesgeschäft von ihnen verlangt. Bloss strategische Entscheidungen – wie der Kauf eines neuen Autos – sind dann natürlich meine Sache» oblag dieser Fehleinschätzung.

Die Integration eines externen Spezialisten für Strategie kann der Gefahr «Operatives für strategisch zu halten» klar Paroli bieten. Er bringt die ungetrübte Aussensicht mit, er gilt nicht als «Prophet im eigenen Lande» und er kann das Management bei der Umsetzung immer wieder mit sanftem Druck aus den Tiefen des operativen Business holen und an die wichtige strategische Sicht der Dinge – das sogenannte «Big Picture» – erinnern. Lässt sich für diese Rolle dann sogar ein entsprechend Strategie-erfahrener Verwaltungsrat finden, so schlägt man als KMU gleich zwei Fliegen mit einer Klappe.

 


Urs PrantlAutor:

Urs Prantl ist Spezialist für nachhaltige Zukunftsgestaltung und Inhaber der KMU Mentor GmbH. Seit Ende 2011 unterstützt er insbesondere IT-, Software- und Hightechfirmen und ihre Unternehmer bei ihrer strategischen Ausrichtung mit Hilfe einer Alleinstellungspositionierung. Davor arbeitete er über 20 Jahre als Softwareunternehmer im DACH-Raum.

 


 

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