Unternehmensentwicklung

KMU müssen wachsen – aber wie?

An Wachstum führt für KMU kein Weg vorbei. Doch die Quantität ist dabei nicht alleine ausschlaggebend.

Die «Wachstumsformel» der Ökonomen – die sich weltweit durchgesetzt und quasi zum Dogma entwickelt hat – ist im Prinzip einfach: Wachstum führt zu mehr Wohlstand. Wohlstand ist absolut erstrebenswert, da wir alle nicht mehr wie im Mittelalter leben möchten. Wir haben also kein «Wahlrecht» auf Wachstum, wir müssen ständig weiter wachsen. Gemessen wird das Wachstum volkswirtschaftlich an der Zunahme des Bruttoinlandproduktes (BIP), unternehmensintern an der Zunahme des Gewinns vor Steuern und bei börsenkotierten Firmen an ihrem Aktienwert.

 

Anderes Verständnis von Wachstum

Wenn wir also wollen, dass es uns morgen besser geht als gestern, dann müssen wir von allem immer mehr produzieren und als Konsumenten natürlich auch verbrauchen. Dabei wird völlig unterschlagen, weil für die Statistiken natürlich absolut entscheidend, dass im BIP auch jede Menge unsinniger, unnützer und auch schädlicher Produkte und Dienstleistungen mitgemessen werden. Und dass in Unternehmen Gewinne nicht nur mittels Wertschöpfung für die Kunden erzielt werden können, sondern auch mit radikalen Kostensenkungsmassnahmen, Massenentlassungen oder gar Bilanzfälschungen. Ins Perverse gedreht bedeutet dies, dass der Wohlstand also statistisch gesehen zu einem signifikanten Teil auch mit «schlechten» Gütern und «schlechter» Unternehmensführung geschaffen wird.

Und trotzdem bin auch ich überzeugt: «Wachstum unterliegt keinem Wahlrecht». Das zeigen alle Fälle meiner Beratungspraxis, die guten und die weniger guten. Wer nicht wächst, hat mit seinem Unternehmen mittel- und langfristig keine Überlebenschance. Allerdings müssen wir von einem anderen Verständnis von Wachstum ausgehen und uns von den – leider auch bei KMU – heute üblichen Erfolgsgrössen Umsatz, Anzahl Mitarbeiter, Gewinn oder Marktanteile als alleine seligmachende Zielgrössen verabschieden.

 

An den Kernkompetenzen arbeiten

Sie ahnen es schon, Wachstum muss vor allem qualitativ verstanden werden. In der Praxis denken und planen die meisten KMU-Unternehmerinnen und -Unternehmer zwar meist in rein quantitativen Grössen. Das haben sie bedauerlicherweise von den grossen Unternehmen und der BWL unreflektiert übernommen. In der Realität kümmern sie sich aber glücklicherweise meist um die qualitativen Aspekte in ihren Unternehmen.

Was ist qualitatives Wachstum im Unternehmen genau? Allgemein formuliert ist es die Fähigkeit, heutige und künftige Kundenprobleme immer besser lösen zu können. Im Speziellen bedeutet es eine tiefgreifende Beschäftigung mit Kundenproblemen und das Suchen von immer besseren Lösungen. Das nennt man dann Innovation und führt zu einer hohen Kundenloyalität und Wiederkaufsrate. Es bedeutet aber auch verantwortungsvolle Führung statt Delegation der Führungsverantwortung an Leistungsanreizsysteme. Und es bedeutet ebenfalls zielorientierte Mitarbeiterentwicklung und -qualifizierung. Das nennt man dann Pflege der Unternehmenskultur. Sie führt unter anderem zu tiefer Fluktuation und einer hohen Mitarbeiterzufriedenheit bei niedrigen Krankenständen. Weiter bedeutet es, dass intensiv am – statt bloss im – Unternehmen gearbeitet wird mit dem Ziel, dieses für seine Kunden sichtbar vom Wettbewerb zu unterscheiden und damit in seiner Anziehungskraft laufend zu verbessern. Das nennt man dann Kernkompetenzen, Wettbewerbsvorteile bis hin zur absoluten Alleinstellung.

 

Wachstum zum Nutzen der Kunden

Alle oben beschriebenen qualitativen Wachstumsschritte können gegangen werden, ohne an den quantitativen Wachstumsgrössen herumzuschrauben. Sie sind sogar realisierbar, ohne dass Wachstum im klassischen Sinn stattfinden muss. So kann ich mir problemlos einen guten Betrieb vorstellen, der zwar umsatzmässig und von Mitarbeiterbestand her gar nicht oder nur marginal wächst. Hinsichtlich seiner Problemlösungskompetenz vollbringt er aber Meilenschritte und entwickelt sich kontinuierlich zum «Best of Class». Als Folge davon, das gebe ich zu, wird sich irgendwann (meist früher als später) auch die Profitabilität massiv verbessern.

Wenn ich mir die Unternehmen, welche ich in den letzten Jahren intensiver kennenlernte, vor meinem geistigen Auge vorstelle, dann erkenne ich sehr rasch, wer qualitativ wächst, sich also laufend verbessert und im Sinne von höherer und nutzenbringender Wertschöpfung für seine Kunden weiterentwickelt. Ich erkenne auch diejenigen, die diesbezüglich an Ort treten, auch wenn sie möglicherweise jetzt noch ihren Umsatz steigern können. Dieses innere Bild lässt für mich nur einen Schluss zu: Wachstum unterliegt keinem Wahlrecht.

 


Urs PrantlAutor:

Urs Prantl ist Spezialist für nachhaltige Zukunftsgestaltung und Inhaber der KMU Mentor GmbH. Seit Ende 2011 unterstützt er insbesondere IT-, Software- und Hightechfirmen und ihre Unternehmer bei ihrer strategischen Ausrichtung mit Hilfe einer Alleinstellungspositionierung. Davor arbeitete er über 20 Jahre als Softwareunternehmer im DACH-Raum.

 


 

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