KMU global

Wenn das Briefpapier aus Singapur kommt

Kann selbst ein kleines Unternehmen einzelne Aufgaben nach Asien oder Osteuropa auslagern? Wie funktioniert das? Das haben wir für Sie getestet.

Seit der Franken im Januar einen neuen Sprung gemacht hat, hört man es fast täglich: Auch KMU müssen verstärkt Arbeiten und Prozesse in andere Länder outsourcen. Denn nur so bleiben sie trotz teurem Franken konkurrenzfähig.

Das tönt einleuchtend. Aber was nützt der Ratschlag einem Kleinunternehmen, das weder die Kontakte noch die Ressourcen hat, um Einkäufer, Beschaffungs-Manager oder ganze Teams im Ausland zu finanzieren?

Die Alibaba-Wirtschaft

Eine Antwort lautet: Im globalen und digitalen Zeitalter lässt sich vieles von hier aus steuern. Am eindrücklichsten bewies dies der erfolgreichste Börsengang unserer Zeit: Der Online-Marktplatz Alibaba wurde zum Milliardenkonzern, indem er die Angebote chinesischer Fabriken für die ganze Welt verfügbar machte – per Mausklick.

Darum wollten wir das für Sie am konkreten Objekt testen. «Wir schenken Ihnen einen neuen Look», lautete die Aktion, bei dem wir mit vier KMU einen neuen Design-Auftritt erarbeiteten.

Auf grossen internationalen Dienstleistungs-Plattformen fahndeten wir nach Grafik-Unternehmen, die für unsere KMU ein neues Logo, Briefpapier und Visitenkarten entwickelten. Ob in Asien oder Europa, Nord- oder Südamerika.

Weshalb ein Logo, weshalb ein Look? Natürlich benötigen KMU auf diesem Weg häufiger Lösungen für Informatik-Projekte, Übersetzungs-Pakete, neue Apps, Datenaufbereitungen oder eine Auswahl an Werbegeschenken und Give-Aways. Doch der Vorteil an einer Design-Aufgabe ist halt, dass man das Ergebnis zeigen kann.

 

Das Ergebnis? Durchmischt. Oder anders gesagt: Die schweizerische grafische Branche muss die globale Konkurrenz keineswegs fürchten.

Ein erstes Kernproblem zeigte sich in den Abläufen. Hier tauchen bald allerlei grössere und kleinere Hürden auf:

  • Sprache. Wer eine Arbeit auf Dienstleistungs-Plattformen wie Fiverr, Twago, Elance, Amazon Mechanical Turk, Gigalo oder Alibaba outsourcen will, muss meistens die englische Sprache gut beherrschen. Und dabei oft eben auch den Fachjargon: Was meint der andere genau, wenn er ein «sample» verlangt?
  • Recht. Nach Schweizer Gesetz ist der Einsatz von so genannten Freelancern, Teilzeit- und Projektmitarbeitern durch solche Plattformen ohnehin erschwert: Denn in diesem Fall gilt die Online-Plattform als Vermittlerin – und laut Arbeitsvermittlungsgesetz darf hier nur mit Unternehmen zusammengearbeitet werden, die eine entsprechende schweizerische Bewilligung haben (zur Liste). Doch um solch eine Bewilligung bemühen sich global tätige Plattform-Betreiber wie Elance, Amazon oder Alibaba gar nicht erst. Korrekterweise kann man also für einen Auftrag ausschliesslich eingetragene Unternehmen engagieren – nicht Einzelpersonen. 
  • Kultur: Regelmässig sorgen kulturelle Gräben für Verwirrung. Ein hübsches Beispiel: Bei der Auftragserteilung für das Logo des Restaurants Schlosspintli erwähnten wir, dass das Haus direkt am Thunersee liegt. Aus der bevorzugten Wasserlage könnte sich vielleicht ein Sujet ergeben. Die Gestalter in Fernost gingen voller Elan darauf ein: Sie entwarfen ein Logo mit Palmen und Strandfarben – es hätte bestens zu einer Bar in Jamaica gepasst… Auch der Tippfehler musste dann im Online-Mailverkehr ausgemerzt werden.

  • Mail-Ping-Pong: Die Missverständnisse bringen es mit sich, dass Schritt für Schritt viele Details geklärt werden müssen. Was bei einem Grafikatelier in der Schweiz in einem direkten Gespräch und per Fingerzeig rasch bereinigt werden könnte, wird hier zum Mail-Ping-Pong.

Mehrere Stufen: Ohnehin kommuniziert man mit den ausländischen CI-Unternehmen meistens über einen «Relationship Manager» oder einen «Account Manager», der wiederum den Kontakt mit dem zuständigen Team hält: eine weitere Stufe, wo Missverständnisse entstehen können.

Zahlungssysteme. Komplex sind auch die Zahlungssysteme. Hier kann man auf die verschiedensten Varianten stossen: Stundensätze, Fixpreise, feste Pakete, verschiedenste Stückelungen der Abläufe. Und wenn dann etwas falsch versteht, hat man am Ende einen Auftrag erteilt, der nicht passt.

Ehrlichkeit. Das Positive dabei: Wir hatten es nie mit Unsauberkeiten oder gar betrügerischen Versuchen zu tun. Die Partner auf der ganzen Welt arbeiteten korrekt. Die Zahlungen über Paypal oder Kreditkarte hatten keine Phishing-Konsequenzen. Und da die Dienstleistungs-Plattformen ebenfalls Benotungssysteme kennen (wie von Ebay oder Amazon bekannt), ist für einen guten Qualitätsstandard gesorgt. Alle Auftragnehmer waren bei Bedarf zu Veränderungen, Anpassungen und Nacharbeiten bereit. Die Zusammenarbeit war fast durchwegs sehr erfreulich.

  • Einheitlichkeit. Ob aus Kanada, Russland, Nepal, Bangladesch, Rumänien oder Argentinien – die Vorschläge waren oft arg ähnlich. Einer der KMU-Chefs kommentierte die Resultate denn mit dem Satz: «Das sieht alles so amerikanisch aus». Was auch damit zu tun hat, dass wir es auf der Gegenseite mit grossen Firmen zu tun hatten, die teils selber Ableger in diversen Ländern haben. Wer also böse will, kann von einem globalen Einheitsbrei reden.

Günstig, wenn ohne Flops

Oder anders: Die dezente Eleganz, für die das schweizerische Design so weltberühmt ist, wurde beispielsweise kaum geliefert.

Grundsätzlich heisst das also: Es ist möglich, für Preise zwischen 30 und 150 Franken im Ausland eine neue Corporate Identity mit allem Drum und Dran entwerfen zu lassen. Aber man riskiert dabei auch Flops, so dass ein zweiter Versuch (mit entsprechenden Mehrkosten) nötig wird.

Und wenn man dann später noch Anpassungen vornehmen will, zum Beispiel beim Drucker oder im Copyshop, dann ist es halt von Vorteil, wenn man einen Geschäftspartner um die Ecke hat.

Die Ergebnisse

Senn Goldschmiede, Rorschach

Die Besitzer des Goldschmiede-Ateliers, Hans und Roland Senn, wünschten einen eher zurückhaltenden Auftritt ohne allzu viele Schnörkel. Sie regten an, dass die bereits vorhandene Firmenfarbe – postgelb – übernommen werden könnte. 


Vorschlag aus Pakistan

Vorschläge aus Kanada, Mazedonien

Die Lösung mit dem Ring wird von Hans Senn als gelungen erachtet: «Sehr schön». Die Goldschmiede in Rorschach sehen vor, die Vorschläge dereinst einzusetzen, wenn auch in weiter aufbereiteter Version.


Restaurant Schlosspintli, Spiez

Besitzer und Wirt Jürg Gloor war bereit für Wagnisse: Der neue Look könne auch auffällig, bunt und mutig sein – «Hauptsache, es fägt». Als Input für eine Idee nannte Gloor, dass das Schlosspintli eine sehr bevorzugte Lage direkt am Wasser hat.

Vorschlag aus Nepal

Vorschläge aus Singapur, Russland

Jürg Gloor favorisiert am Ende die Schriften-Lösung mit dem Besteck und gedenkt, den Entwurf fürs «Schlosspintli» einzusetzen. Das Logo mit dem abgebildeten Schloss sei zwar auch gelungen, aber letztlich doch «zu karibisch».


Malergeschäft Daniel Stöcklin, Adliswil

Das Unternehmen feiert dieses Jahr seinen 50. Geburtstag. Derzeit verwendet es ein Logo, das auf auf dem Firmenkürzel DS sowie auf Blau- und Grautönen beruht. Dies wurde als Input weitergegeben.

Vorschlag aus Singapur

Vorschläge aus Argentinien, Indien

Geschäftsführer Daniel Stöcklin bevorzugt den Vorschlag mit dem kreativ eingesetzten Farbroller: «eine schöne Lösung». Ob und wie er sie verwenden wird, ist aber noch ungewiss.


Restaurant Quellenhof, Gossau

Besitzer Jürg Dänzer zieht ebenfalls eher zurückhaltende Entwürfe vor, er würde aber den Designern recht freie Bahn lassen. Zum Ideen-Input erwähnt er die markante zentrale Lage des «Quellenhofs» – und dass man das bislang das Sujet der Quelle – Wasser – bei der Gestaltung der Visitenkarten verwendet habe.

Vorschläge aus Australien, Rumänien, Indonesien

Wirt Jürg Dänzer findet alle Vorschläge prüfbar: «Es hatte gleich mehrere interessante Ideen». Welche der «Quellenhof» einsetzen wird, möchte er intern noch besprechen.

 

 

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