Mobil-Marketing

Braucht Ihr KMU eine eigene App? Dann sollten Sie ein paar Fehler vermeiden

Viele Firmen ahnen, dass Sie eine eigene App benötigen – aber sie wissen nicht genau, wie man sie optimal einsetzt. Hier einige Tipps dazu.

Von Stefan Mair

Ein Beitrag von handelszeitung.ch

Unter Schweizer App-Entwicklern kursieren die wildesten Erzählungen, wie Firmen mit ihren Apps scheitern. So stellte eine Firma versehentlich geheime Interna auf ihre App und war dann monatelang nicht in der Lage, sie wieder offline zu stellen. Essenslieferanten hatten wochenlang Karten mit unterschiedlichen Preisen online, Geschäfts­inhaber waren mit Kunden konfrontiert, die sich an längst abgelaufenen, aber noch nicht aus den Apps entfernten Gewinnspielen beteiligen wollten.

Verärgerte Kunden, Imageverlust und technische Überforderung: Das bekommen viele Schweizer KMU bei ihren Apps gratis dazu. Zugleich ist den Unternehmen bewusst,, dass Apps längst zu den wichtigsten Firmenbotschaftern der mobilen Welt geworden sind.

Wie aufwendig die Produktion und Pflege einer App aber ist, hat sich noch nicht überall herumgesprochen. «Hardware und Systeme ändern sich rasch, dadurch können schnell unvorhergesehene Anpassungswünsche entstehen», sagt Daniel Wanitsch von der Entwicklungsfirma iBros. «Der Unterhalt einer App wird von den Firmen oft ­unterschätzt.»

Besondere Chance für KMU

Dabei bieten Apps auch für kleine ­Firmen grosse Chancen: Eine Studie des Marktforschungsinstituts Marketagent sieht das Potenzial auch für KMU in der Abgrenzung von Mitbewerbern, der Imagepflege, vor allem aber in der Interaktion zwischen Kunden und Unternehmen. Etwa, dass Kunden über Push-Benach­­rich­tigungen unkompliziert erreicht und auch ­informiert werden können.

Weniger Hoffnungen dürfen sich Firmen laut der ­Marketagent-Studie hinsichtlich einer Absatzsteigerung machen. Dagegen sei vor allem die Möglichkeit, mit Kunden direkt in Verbindung zu treten – sei es durch Feedback oder sogar einen Live Chat – für KMU, die nicht mit Millionen von Usern ­interagieren müssen, von unschätzbarem Wert und ein Unterscheidungsmerkmal.

Die gängigen Fehler

Aber genau da hakt es: Kundenfeedback wird bei vielen Apps kaum berücksichtigt, technische Standards werden nicht ständig aktualisiert, bei vielen KMU gerät die App, wenn sie im Store verfügbar ist, in Vergessenheit. «Mobile Business ist bei den Unternehmen noch nicht angekommen», sagt Steffen Heym, Mitinitator einer Studie zu mobilen Angeboten von Firmen der Universität St. Gallen. «Es gibt keine strategische Entwicklung, es ist wie vor zehn Jahren im Internet, man findet nur Repräsentanz.»


Checkliste: 10 Punkte, die man bei der Entwicklung einer eigenen App beachten sollte


Tatsächlich sind in Stores immer noch Apps verfügbar, die gar nicht mehr für das aktuellste Gerät ­optimiert sind. Viele Firmen geben sich zudem mit einer einmaligen Investition in eine App zufrieden. Oft ist diese App aber gar nicht für die Ziele und Bedürfnisse der Firma geeignet. Joseph Melettukunnel vom Entwicklerbüro Fourloop in Zürich erklärt: «Firmen sollten sich zuerst einmal fragen, ob sie wirklich eine App benötigen. Denn oft werden diese Apps einmalig ­installiert und dann nie wieder gestartet.»

Auch Oliver Mannhart vom Entwickler­büro Smooh sagt: «Das Entwickeln einer App ist nicht billiger als andere Softwareentwicklungen und birgt dieselben Risiken.» Dazu stehen die KMU-Apps im Store gleichberechtigt neben den Apps grosser Unternehmen, die hohe Summen in die Umsetzung investieren und eigene Betreuerteams besitzen.

Die Kernfrage: Wann macht eine App wirklich Sinn?

Wenn eine KMU-App optisch, inhaltlich oder technisch nicht bestehen kann, ist die mit vielen Hoffnungen verbundene Applikation schnell wieder vom Smartphone oder vom Tablet gelöscht. Bei etwa 60 Apps, die der durchschnittliche Schweizer User auf seinem Smartphone mit sich herumträgt, ist diese Gefahr beträchtlich.

Die Lösung für manche Firmen könnte sogar sein, auf eine App zu verzichten und stattdessen auf mobile Webseiten zu setzen. «Eine App macht dann Sinn, wenn man eine Funktion benötigt, die eine mobile Seite nicht oder nur schlecht lösen kann. Das können etwa ­direkte Benachrichtigungen, Funktionen, die auf gespeicherte oder verschlüsselte Daten zugreifen müssen, oder auch Funktionen für Promo-Aktionen sein», erklärt Entwickler Joseph Melettukunnel.

Vorsicht bei App-Wrappern

Und hier müssen Firmen, die sich wirklich für Apps interessieren, aufpassen: Auf dem Markt kursieren nämlich viele sogenannte App-Wrapper. Diese sehen auf den ersten Blick so aus wie eine App und werden möglicherweise auch so teuer verkauft. Es handelt sich aber nur um Pseudo-Apps, die eine mobile Webseitenversion darstellen. Bei diesen Angeboten hakt es dann nicht nur in der Darstellung – neben der schlechten Grafik kommt es auch zu Performanceproblemen und Abstürzen.

Wer seine App nicht fortlaufend aktualisiert und auch technisch entwickelt, hat bereits verloren, bestätigt Gary Calcott, technischer Manager beim App-Entwickler Progress Software in Frankfurt am Main: «Die Entwicklungszyklen werden immer kürzer», so Calcott. Im optimalen Fall müssten Entwickler «fortlaufend Apps erstellen, testen und für den Einsatz frei­geben». Eine Aufgabe, an der kleine Mobilbudgets von KMU schon einmal scheitern können.


Der Zeitplan für die App-Pflege

Grafik: «Handelszeitung»


Und was kostet das?

Alleine für die Entwicklung einer Durchschnittsapp muss nämlich ein fünfstelliger Betrag hingeblättert werden. Eine Alternative für diese Firmen, welche die Bedeutung von mobilen Apps erkennen, aber nicht unbegrenzt investieren können, sind «standardisierte Apps». Diese funk­tionieren nach dem Baukastenprinzip und enthalten die am häufigsten gewünschten Funktionen wie verwaltbare Listen für Produkte oder Dienstleistungen, Kontaktformulare und Fotogalerien.

Eine weitere gute Variante, den Umgang mit mobilen Apps zu üben und gleichzeitig die Mitarbeiter darauf ein­zurichten, ist, Apps unternehmensintern einzusetzen. So arbeitet beispielsweise die St. Galler IT-Firma Namics mit einer App, die Raumbuchungen, Adresslisten und Arbeitsstunden verwaltet. Jeder Mitarbeiter hat Zugriff, einen offiziellen Verantwortlichen für die App gibt es bisher nicht.

Klar ist jedoch: Im Umgang mit Apps geübte Mitarbeiter würden kleinere Firmen auf jeden Fall weniger kosten als die jetzige ­Situation, wo viele Firmen die Pflege ihrer Apps komplett vergessen oder teuer an ­externe Dienstleister auslagern müssen.

• Bild: Sean MacEntee, Flickr CC

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