5G: Mehr Speed für weniger Stau
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5G: Mehr Speed für weniger Stau

Erst war es primär ein Problem auf Autobahnen, doch zunehmend stockt der Verkehr auch auf Überlandstrassen und selbst mitten in Dörfern: Stau gehört zu den grössten Schweizer Verkehrsproblemen. Dabei müsste Stau gar nicht sein, selbst bei grossem Verkehrsaufkommen. Denn die Ursachen sind überraschend simpel.

Die Geschichte wiederholt sich, täglich ab 6 und 16 Uhr. So auch an diesem Tag. Auf unzähligen Monitoren beobachtet Jessica Ladanie von Viasuisse, was sich gerade auf den Strassen abspielt: Die Zahl der Fahrzeuge nimmt zu, der Verkehr wird ruppiger, die Seitenwechsel häufen sich. Die Folge sind Abbremsungen, Ausweichmanöver – dann stockender Kolonnenverkehr und schliesslich Stau. «Stau entsteht in 80 Prozent der Fälle dadurch, dass die Leute ganz einfach unvorsichtig fahren. Etwa durch abruptes Abbremsen, unnötige Spurwechsel und unkonzentriertes Fahren», erklärt Ladanie, die bei Viasuisse die deutschsprachige Redaktion leitet.

«Stau entsteht in 80 Prozent der Fälle dadurch, dass die Leute ganz einfach unvorsichtig fahren.» Jessica Ladanie, Viasuisse

Denn Tatsache ist: Selbst bei dichtem Verkehr müsste sich der Verkehr nicht stauen, er ist schlichtweg eine Folge von irrationalem Verhalten. Als Beispiel zeigt Jessica Ladanie auf den Autobahnabschnitt von Bern Richtung Härkingen. Die Reduktion von drei auf zwei Spuren direkt nach einer Ausfahrt wäre aufgrund der Kapazität kein Problem – verursacht aber regelmässig Staus mit einem Zeitverlust von bis zu 45 Minuten. Und das nur aus dem simplen Grund, weil Vordrängler das Reisverschlusssystem missachten und dadurch Abbremsungen auslösen. Das führt zu Rückkopplungen und endet im Stau.

Jessica Ladanie und ihrem Team bleibt dann nur noch der Vollzug und manchmal eine vergebliche Warnung. «Umfahren Sie den Stau nicht», erklärt sie gerade im Radiointerview – um kurze Zeit später auf dem Monitor zu sehen, dass die Warnung einmal mehr vergebens war. Unzählige Autos verlassen die Autobahn in der Hoffnung auf schnelle Besserung. Ein zutiefst menschliches Verhalten – und gleichzeitig ein grosser Fehler. Denn als Faustregel gilt:

Ist der Stau einmal in Sichtweite, haben bereits so viele Fahrer die Autobahn verlassen, dass die Umfahrung mehr Zeit in Anspruch nimmt.

Mitunter verlieren die Fahrer auf den Landstrassen Stunden, während auf der Autobahn der Stau nur Minuten gekostet hätte. Nicht selten auch, weil das Navigationsgerät dazu geraten hat. Doch die berücksichtigen Umfahrungsmöglichkeiten zu wenig schnell. Denn das, so Ladanie «kennt nur schwarz oder weiss. Stau oder freie Fahrt. Wir aber haben zum Beispiel die Information, dass eine Unfallstelle noch sehr bald geräumt ist. Diese Information hat ein solches System nicht.» Noch nicht. Denn nun steht die Verkehrsinformation vor ihrer grössten Revolution – vor einer, die sie im besten Falle überflüssig macht.

Das künftige Erfolgsrezept gegen den Stau besteht aus zwei Zutaten: Geschwindigkeit und Integration. Oder anders gesagt: Die Verkehrsmeldung wird noch schneller erstellt und direkt ans Auto übertragen. Dort integrierte Systeme wie Abstandsmessung oder Tempomat passen ihr Verhalten automatisch an. Dass das funktioniert ist bereits heute zu beobachten, wie Damian Birch, Head of IT bei Viasuisse erklärt. «Wegen den in vielen neuen Autos eingebauten Abstands-Reglern merken wir schon heute, dass es weniger Stau gibt.» Und künftig können solche Systeme noch genauer und noch schneller reagieren. Firmen wie Tesla und BMW setzen darum auf 5G – das Mobilnetz der nächsten Generation ist die Voraussetzung, um Autos mit Informationen zu speisen. «Da entstehen riesige Mengen von Daten, die verarbeitet werden müssen – schon nur, weil jedes Auto seinen Standort ständig verändert. Das heutige Mobilnetz kann das nicht und nicht schnell genug verarbeiten», erklärt IT-Experte Birch.

«Wegen den in vielen neuen Autos eingebauten Abstands-Reglern merken wir schon heute, dass es weniger Stau gibt.» Damian Birch, Head of IT Viasuisse

Denn schon in naher Zukunft wird nicht nur Viasuisse via Radio zum Autofahrer sprechen. Künftig können bereits vorausfahrende Autos Impulse an kurz darauffolgende weitergeben – innert Millisekunden. Das verhindert dann nicht nur Stau, sondern im besten Fall auch Unfälle. «Idealerweise», sagt darum Jessica Ladanie leicht schmunzelnd, «wird unser Job überflüssig.»

Wieso es 5G für den Verkehr braucht

Nicht erst das Auto der Zukunft ist es, sondern schon heute sind viele Neuwagen vernetzt. Die technische Voraussetzung zur Vermeidung von Stau wäre also zunehmend vorhanden und selbst ältere Modelle ab Jahrgang 2004 können nachgerüstet werden, etwa mit Lösungen wie «Autosense».

Doch das Nadelöhr liegt beim Netz: Sobald der Verkehr vernetzt wird, fallen unwahrscheinlich viele Daten an. Allein auf dem Schweizer Autobahnnetz bewegen sich nämlich täglich über 7 Millionen Fahrzeuge, die ihre Position im Durchschnitt um 27 Meter pro Sekunde verändern. Alleine diese beiden Zahlen zeigen, dass die anfallenden Datenmengen nicht nur gross sind – sondern auch unwahrscheinlich schnell verarbeitet werden müssen. Doch genau dafür reichen weder die Kapazität, noch die sogenannte Latenzzeit – also die Verzögerung – des heutigen 4G-Netzes aus. Experten wie Thomas Rohrbach vom Bundesamt für Strassen (Astra) sind sich darum einig, dass 5G unabdingbar ist für den Verkehr: «Gerade damit Autos automatisiert oder teilautomatisiert unterwegs sein können, braucht es ultraschnelle Kommunikationsverbindungen. Damit die Fahrzeuge innert Millisekunden wissen, wo sich das nächste Fahrzeug befindet, was sich direkt vor, hinter und neben dem Fahrzeug befindet – und da spielen Firmen wie Swisscom eine sehr grosse Rolle.»

«Gerade damit Autos automatisiert oder teilautomatisiert unterwegs sein können, braucht es ultraschnelle Kommunikationsverbindungen.» Thomas Rohrbach, Bundesamt für Strassen (Astra)

Denn Swisscom wird noch 2018 damit beginnen, das 5G-Netz punktuell einzuführen. Nicht nur für künftige Verkehrslösungen – sondern auch für andere Bereiche, in denen man auf neue Netze dringend angewiesen ist. Etwa in der Industrie, im Gesundheitswesen oder im Bereich der Energieproduktion.

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