Boyd Cohen Smart City
7 min

«Städte müssen ihre eigene Identität finden»

Man muss das Thema Smart City in kleinen Schritten angehen – alles zu realisieren, ist sowieso nicht möglich. Das findet Smart-City-Experte Boyd Cohen. Im Interview gibt der in Barcelona lebende Amerikaner Auskunft über seine Motivation, sein Werk – und über Ansätze für eine smarte Region Schweiz.

Boyd Cohen, warum leben Sie als Amerikaner eigentlich in Barcelona?

Barcelona ist schon lange ein Pionier, wenn es um Smart City und urbane Innovationen geht. Ich habe die Entwicklungen in Barcelona immer aus der Ferne, aus Süd- und Nordamerika studiert – und wollte auch Teil dieses innovativen Ökosystems sein.

Als Smart-City-Experte müssen Sie das ja sagen.

Nun, es gab auch andere Gründe. Durch meine Arbeit bin ich auch viel in Europa unterwegs – von Barcelona aus gelange ich ohne allzu grossen Aufwand in andere europäische Städte. Dazu kamen persönliche Motive. Als ich meine Frau kennenlernte, haben wir jeweils drei Städte vorgeschlagen, in denen wir uns in Zukunft ein Leben vorstellen könnten. Barcelona stand bei uns beiden an erster Stelle. Wir schätzen das Wetter, das Essen, die Kultur wie auch die Fussgängerfreundlichkeit. Ich besitze in Barcelona keinen Führerschein, da ich mich in der Stadt problemlos mit öffentlichen Verkehrsmitteln und anderen Fahrdiensten fortbewegen kann. Insgesamt bietet Barcelona einfach eine hohe Lebensqualität…

Smart-City-Experte Boyd Cohen
Boyd Cohen: „Man muss das Thema Smart City in kleinen Schritten angehen.“

… die Sie in den USA nicht gehabt hätten?

Nein. Meiner Meinung nach ist die Lebensqualität in Europa grundsätzlich viel besser als in den Vereinigten Staaten. Europäische Städte sind sehr fussgängerfreundlich; ihr habt mehr öffentliche Verkehrsmittel, eine bessere Infrastruktur, mehr Kultur und Geschichte. Ihr habt nicht so stark mit Verkehrsstaus zu kämpfen, weil nicht so viele Leute aufs Auto angewiesen sind.

Das ist auch aus ökologischer Sicht ein grosser Vorteil. Die USA geniesst da ja nicht gerade den besten Ruf.

Es ist beängstigend und frustrierend, dass wir im Jahr 2019 einen Präsidenten eines der wichtigsten Länder der Welt haben, der sagt, er glaube nicht an den Klimawandel. Doch in der Wissenschaft geht es nicht um Glauben, es geht darum, die Forschungsergebnisse zu lesen und zu verstehen. Trump jedoch weicht aus und prophezeit wirtschaftliche Probleme, sollten wir auf den Klimawandel Acht geben. 2011 habe ich mit meinem Buch «Climate Capitalism» bereits gezeigt, wie die Regierung eine CO2-arme Wirtschaft annehmen und davon profitieren kann. Der Grossteil der Welt hat die Dringlichkeit von sauberer Wirtschaft, erneuerbarer Energie und Elektrofahrzeuge erkannt. In den USA ist diese Mentalität noch nicht stark verbreitet.

Sehen Sie sich mit ihren Büchern, Aufsätzen und Vorträgen als Weltverbesserer?

Den Ehrgeiz, die Welt zu verändern, habe ich schon seit rund 20 Jahren, als ich meine Doktorarbeit begonnen habe. Damals hatte ich dieses Bild einer Karriere, in der ich die Welt verändere und damit Geld verdiene. Und ich glaube, das habe ich getan.

Wie sind Sie aufs Thema Smart City gestossen?

Bereits als ich an «Climate Capitalism» gearbeitet habe, war ich frustriert, wie langsam die Arbeit der Vereinten Nationen in Sachen Klimaschutz voranschritt. Ich begann mich mit der Frage zu beschäftigen, wo Klimaschutz schnell stattfindet – und fand heraus, dass das Thema auf städtischer Ebene oft und schnell angepackt wird.

Warum?

Die Bürgermeister leben selbst in den Städten, die sie vertreten. Sie sind damit direkt von den dortigen Umweltproblemen betroffen. Ausserdem haben sie eine direktere Beziehung zu ihren Wählern. Und auf lokaler Ebene ist das Thema Klimawandel weniger stark politisiert. Die «Conference of Mayors», die «C40 Cities Climate Leadership Group», oder der Konvent der Bürgermeister in Europa: All diese städtischen Bewegungen und Zusammenschlüsse haben sich dem Klimaschutz verpflichtet. Da wurde mir klar, dass man für den Klimaschutz Städte ins Visier nehmen sollte. Zudem stiess ich durch meine Recherche auf intelligente Stromnetze, mit denen versucht wird, die Effizienz der Energieverteilung in Städten zu verbessern. Nach intelligenten Stromnetzen kamen die intelligenten Städte.

Dazu entwickelten Sie ein Smart City Wheel, in dem sie in einem einfachen Schema die Kriterien einer Smarten Stadt aufzeigen. Für Metropolen mit mehreren Millionen Einwohnern mag das Rad Gültigkeit haben; aber haben kleinere Städte die gleichen Voraussetzungen, um smart zu werden?

Smart City Wheel
Das «Smart City Wheel»

Ich denke, das Rad lässt sich auch für kleine Städte hinzuziehen. In einer kleinen Stadt Smart-City-Projekte zu realisieren, kann auch weniger aufwändig sein als in einer Metropole. Man stösst unter Umständen auf weniger Bürokratie, und flächendeckende Lösungen sind schneller zu implementieren. Ein kostenloses Wi-Fi-Netzwerk in Genf aufzubauen, ist einfacher als in Jakarta oder Bangkok.

Dafür verfügen kleinere Städte auch über weniger Finanz-, Bildungs-, Technologie- oder Personalressourcen.

Man muss das Thema Smart City in kleinen Schritten angehen. Wir können nicht alles realisieren – schon gar nicht auf Anhieb. Wichtig ist es, jene Probleme in Angriff zu nehmen, die unsere Bürger auch wirklich betreffen. Ich mag es, wenn Entscheidungsträger auf die Strasse zu echten Menschen gehen und fragen, was diese an ihrer Stadt am liebsten ändern würden. Die Anliegen der Bürger zu verstehen, bildet die Grundlage für Smart-City-Strategien.

Wenn eine Stadt dem Smart City Wheel nicht vollends gerecht werden muss: Machen Ihre und andere «Smart City Rankings», wo die smartesten Städte der Welt aufgelistet werden, überhaupt noch Sinn?

Tatsächlich bin ich von den Rankings heute weniger begeistert als früher. Als ich diese Ranglisten erstellt habe, wollte ich weltweit das Bewusstsein dafür schärfen, was eine intelligente Stadt ist, wie man sie vielleicht messen und die Aufmerksamkeit der Medien auf intelligente Städte lenken kann – und die Leute dazu bringen, darüber zu sprechen. Die Menschen sind von Natur aus kompetitiv, und die Smart City Rankings sollten dies fördern. Heute habe ich das Gefühl, dass sie nicht mehr nützlich sind. Meistens sehe ich neue Smart City Rankings, und ich glaube nicht wirklich an ihre Ergebnisse.

Weshalb hegen Sie heute solche Zweifel?

Ich schätze, ich bin zunehmend daran interessiert, was jede Stadt einzigartig macht, anstatt Städte miteinander zu vergleichen. Eine Stadt sollte besser ihre ganz eigene Strategie entwickeln, anstatt sich Sorgen darüber zu machen, wie sie im Vergleich zu Barcelona, Wien oder was auch immer abschneidet.

Sie präsentieren neuerdings ein weiteres Smart-City-Schema: Das «Happy Cities Hexagon». Löst dieses das «Smart City Wheel» ab?

Happy Cities Hexagon
Das «Happy Cities Hexagon»

Für mich sind es zwei verschiedene Werkzeuge. Das Rad dient eher der Stadtverwaltung, es zeigt, welche Möglichkeiten sie hat, um ihre Stadt zu verbessern und intelligenter zu machen. Das Sechseck ist eher bürgerzentriert, es veranschaulicht, was Bürger in ihrer Stadt glücklich macht.

Wie lassen sich die Modelle auf die Schweiz anwenden?

Man sollte die Schweiz eher als intelligente Region betrachten, anstatt zu versuchen, jede kleinere Stadt isoliert smart zu machen. Eine smarte Regionalstrategie wäre denkbar. Gleichzeitig muss man die lokale Kultur und Einzigartigkeit zulassen. Zu sagen, dass die Schweiz nur eine große, intelligente und vollkommen homogene Region ist, wäre der falsche Ansatz. Die «Region Schweiz» besteht nach wie vor aus mehreren Epizentren mit verschiedenen Kulturen, Sprachen und Interessen. Betrachten Sie es wie eine Fussballmannschaft: Ein Team, wo jedes Mitglied wie ein Torhüter, Stürmer oder Mittelfeldspieler unterschiedliche Funktionen wahrnimmt. Das «Happy Cities Hexagon» könnte auf lokaler Ebene Projekte hervorrufen, während das «Smart City Wheel» als übergeordnete Strategie für die gesamte Schweiz dienen könnte – etwa durch Verbände, die versuchen, das Thema Smart City auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.

Mit ihrem Start-up IoMob setzen Sie auf die Blockchain-Technologie. Muss diese auch in Schweizer Städten zum Einsatz kommen?

Nicht zwingend. Das Ziel ist eine Stadt, in der die Menschen in der Lage sind, ihre Ziele zu erreichen, in der sie glücklich sind, wo mehr Integration und weniger Kriminalität stattfinden – genauso wie Fortschritt, um Innovatoren zu gewinnen. Ich bin zwar von der Blockchain-Technologie überzeugt; deswegen muss sie aber nicht jeder Stadt eingesetzt werden. Wie gesagt, Städte müssen ihre eigene Identität finden und danach streben. Trotzdem gibt es sozusagen allgemeingültige Bedingungen, die alle smarten Städte ausmacht: Inklusivität, kein grosses soziales Gefälle, eine gute Bildung, kulturelle Aktivitäten. Diese Dinge sollte man in jeder Stadt vorfinden.

Das Interview wurde im Rahmen der 6. Nationalen Smart City-Tagung des Bundesamtes für Energie durchgeführt.

Zur Person

Boyd Cohen (*1970) ist ein Stadt- und Klimastratege, der im Bereich der nachhaltigen Entwicklung und intelligenter Städte arbeitet. Cohen ist Forschungsdekan der EADA Business School und Mitbegründer vom Startup IoMob, das eine blockchainbasierte Plattform für Verkehrsdienste und -teilnehmer entwickelt. Cohen promovierte an der University of Colorado in Strategy & Entrepreneurship und ist Co-Autor von Climate Capitalism (2011). In den letzten Jahren wurde Cohen für seine Arbeit über Smart Cities bekannt, insbesondere für sein «Smart City Wheel» und den damit verbundenen jährlichen Rankings von smarten Städten.

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